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Rangeleien enden mit tödlichem Stich

Aus dem Landgericht Rangeleien enden mit tödlichem Stich

Am Montag war der Auftakt im Prozess vor dem Landgericht um den Tod eines 20-jährigen Studenten, der im Oktober 2014 an den Folgen eines tödlichen Messerstiches nach einem Streit starb.

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Der Angeklagte (links) mit seinem Verteidiger Sascha Marks vor Prozessbeginn.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der erste von zehn Prozesstagen um die tödliche Messerstecherei am Schuhmarkt am Morgen des 12. Oktober 2014 begann am Montag im Marburger Landgericht. Im Mittelpunkt stand zunächst die Aussage des 27-jährigen Studenten, der wegen Totschlags angeklagt ist. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, das Opfer gegen 5.40 Uhr mit einem Taschenmesser durch einen gezielten Stich in das Herz getötet zu haben. Dabei habe er billigend den Tod des 20-jährigen Studenten in Kauf genommen.

Zunächst gab der Angeklagte mit einigen Sätzen sein Bedauern über den Tod des 20-jährigen Studenten zum Ausdruck. Er könne sich vorstellen, dass dieses für seine Familie und die Freunde ein unglaublicher Verlust sei. „Das geht mir sehr nahe und lässt mich nicht los“, sagte der Angeklagte in Anwesenheit der Eltern des Opfers. Dabei formulierte er diese Sätze ruhig und wirkte dabei fast emotionslos.

Doch wie kam es überhaupt zu dem Streit zwischen zwei rivalisierenden Gruppen von jungen Männern in der Marburger Oberstadt am frühen Sonntagmorgen im Oktober, als in der ganzen Stadt viele Studenten anlässlich des Auftakts des Wintersemesters feierten? „Der Anlass ist noch nicht aufgeklärt“, hieß es in der Anklageschrift, die von Staatsanwältin Sarah Otto verlesen wurde.

Der Angeklagte berichtete, er habe sich nach einer Semesterauftaktfeier seiner Studentenverbindung zusammen mit zwei Kommilitonen am frühen Sonntagmorgen noch im Keller eines Marburger Nachtclubs getroffen. Dort hätten die drei am Tresen gesessen und Bier getrunken. Wie er allerdings dahin gekommen sei, daran könne er sich eigentlich nicht mehr erinnern, denn er habe für die Zeit ab 23 Uhr am Samstagabend und bis kurz vor der Tat eine Erinnerungslücke.

Rund 15 bis 20 Bier zu je 0,25 Liter will er nach eigenen Angaben bis zum Tatzeitpunkt getrunken haben. Gerichtsmediziner errechneten aus der Blutentnahme gegen 14 Uhr nach seiner Verhaftung einen Blutalkoholwert des Angeklagten zwischen 1,63 und 2,85 Promille einige Stunden zuvor. Somit sei sein Zustand nicht als Volltrunkenheit zu werten, teilte Richter Dr. Carsten Paul mit.

Nach der Schließung des Lokals gingen sowohl der Angeklagte und seine Kommilitonen als auch sieben Teilnehmer einer Geburtstagsfeier vor die Tür. Dort kam es dann zu einem Streit zwischen den beiden Gruppen. Dieser habe sich zunächst an einem Einstecktuch aus seinem Anzug entzündet, dass ihm von einem jungen Mann aus der anderen Gruppe entwendet worden sei, sagte der Angeklagte.

Angeklagter: Messer war noch zufällig in der Jackentasche

Anhand dessen sei er wohl auch schon im Lokal als Verbindungsstudent identifiziert worden. Das Tuch habe er sich dann aber wieder zurückgeholt, wobei auf ihn dann aber Schläge und Tritte eingeprasselt seien. Während ihm sein Bekannter geholfen habe, sei der zweite Kommilitone von drei Angreifern aus der anderen Gruppe zu Boden geworfen und ebenfalls getreten und geschlagen worden. Jetzt kam ein Messer ins Spiel, die spätere Tatwaffe. Laut Richter Paul ein Taschenmesser mit einer zehn Zentimeter langen Klinge.

Dieses Messer habe er durch Zufall dabei gehabt, weil es sich in der schnell wegen der möglichen Nachtkälte aus seiner Wohnung geholten Jacke befunden habe. Er habe es einige Tage zuvor bei einem Ausflug beim Pilzesammeln verwendet. Dann habe er dieses Messer aus der Jacke gezogen und gesagt, dass die anderen „sich verpissen“ sollten. In diesem Moment sei das spätere Opfer auf ihn zugekommen und habe versucht, mit der zuvor auf dem Boden liegenden Haltestange eines mobilen Verkehrsschilds auf ihn einzuschlagen, ihn jedoch verfehlt.

„Dann habe ich mich auf ihn zubewegt. Wir sind zusammengestoßen und er ließ die Stange fallen“. So schilderte er die Szene, in der wohl der tödliche Stich passiert sein muss. Er könne sich dann nur noch daran erinnern, dass sich das Opfer hingesetzt und abgestützt habe und jemand von der gegnerischen Gruppe ihn gefragt habe, ob er ein Messer dabei gehabt habe. Jedoch habe er nirgendwo Blut gesehen.

Zeuge: Einer von uns hat einen von denen geschubst

Die Teilnehmer der Geburtstagsfeier hatten bereits seit dem frühen Abend gefeiert und dabei jeweils einige Bier getrunken. Zudem seien von einigen – darunter auch dem späteren Opfer – geringe Mengen von Drogen wie „Speed“ (Amphetamin) genommen worden. Dies geht aus der Zeugenaussage eines 23-jährigen Studenten vom Montag hervor, der zu der Gruppe gehörte.

Und so schilderte dieser Zeuge die Ereignisse auf der Straße kurz vor dem Messerstich aus seiner Sicht: „Da war Streit. Einer von uns muss ihm sein Tuch rausgerissen haben. Einer von unserer Gruppe hat einen von der anderen Gruppe geschubst“. Dann sei einer der Kommilitonen des Angeklagten in die Gruppe hineingesprungen und habe um sich getreten. So habe einer von ihnen eine blutige ­Nase davongetragen. Kurz darauf habe sich die Situation erneut aufgeschaukelt, als einer aus der „Geburtstagsgruppe“ den ersten Angreifer zurückgeschlagen habe.

Dann aber sei es zu dem eigentlichen Tatgeschehen gekommen, zu der Konfrontation zwischen dem späteren Opfer und dem Angeklagten. Der später getötete 20-jährige ­Student sei zunächst auf den Gegner aus dem rivalisierenden Trio zugegangen und habe ihn attackiert. „Er war aggressiv geworden. Sonst ist er eigentlich ­friedliebend gewesen“, so der Zeuge. Dann hätten diese sich „ein bisschen beschimpft“. Er habe noch versucht zu schlichten, sagte der Zeuge.

Lag eine Notwehrsituation vor?

Was dann passiert sei, könne er zeitlich aber nicht mehr genau einordnen. Der Angeklagte habe jedenfalls eine Art „Schwinger“ mit der rechten Hand ausgeführt und dabei irgendetwas in der Hand gehalten. Ein Messer habe er dabei jedoch nicht erkennen können. Zudem habe er auch keine Drohung gehört. Klar sei auch, dass das Opfer die Stange von dem mobilen Verkehrsschild vor sich gehoben habe und auf den Angeklagten zugegangen sei, worauf es zu einer Rangelei kam.

Dann habe der Angeklagte ihm die Stange entrissen und damit direkt neben diesem auf den Boden geschlagen. Ein weiterer Bekannter des Opfers kam hinzu und stellte fest, dass der 20-jährige Student im Brustbereich blutüberströmt war. Das direkte Tatgeschehen habe er nicht genau sehen können, weil er sich in diesem Moment hinter dem Opfer befunden habe. Dieser zweite Zeuge sagte vor Gericht zudem noch, dass das spätere Opfer die Verkehrsschild-Stange aufgehoben habe und auf den Angeklagten zugegangen sei.

Entscheidend für die strafrechtliche Würdigung ist aber, ob der „Stangenangriff“ sich vor dem Messerstich abgespielt hat, was dann auf eine Notwehrsituation hindeuten könnte. Wie genau sich das Geschehen abgespielt hat, das will das Gericht durch weitere Zeugenbefragungen aufhellen.

  • Der nächste Termin ist am 21. September ab 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts.

von Manfred Hitzeroth

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