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Ran an die Frauen - aber wie?

Speed-Dating bei Sozialdemokraten Ran an die Frauen - aber wie?

Wie kommt die Politik wieder näher an die Menschen heran? Mit einem „Speed-Dating“ wollte die heimische SPD Frauen ansprechen. Das klappte nicht so wie erhofft. Interessant war es trotzdem.

Marburg. Beim Speed-Dating geht es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele verschiedene Menschen kennen zu lernen. Im Idealfall ergibt sich als Ergebnis mit einer der Personen eine Beziehung - so will es die Theorie. Das als Partnerbörse inzwischen recht erfolgreiche Konzept wollte sich die SPD zunutze machen, um ein weit verbreitetes Problem zu thematisieren.

Der Politik fehlen Frauen, und zwar nicht nur in den klassischen Ämtern als Ortsverbandvorsitzende oder Bürgermeisterin. „Es ist nicht unsere Intention, daß jede, die kommt, auch gleich in die Partei eintritt“, sagte Dr. Ruth Beusing, die zum Vorstand der „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen“ gehört und das Speed-Dating „Politiker sucht Frau“ organisiert hatte. „Wir wollen hören: Was ist Frauen wichtig? Welche Umgebung und Infrastruktur brauchen sie?“, so Beusing.

Dazu waren einige SPD-Politiker und -Politikerinnen gekommen, die mit Frauen ins Gespräch kommen wollten. Ob es am regnerischen Wetter oder am unbekannten Format lag, ist ungewiss. Jedenfalls fand nur eine Handvoll interessierter Frauen und Männer den Weg ins Technologie- und Tagungszentrum, wo bereits Nancy Faeser, Mitglied des Hessischen Landtages und ihr Kollege Dr. Thomas Spies sowie Sören Bartol, Angelika Löber, Dr. Kerstin Weinbach und Michael Richter-Plettenberg auf ihr Speed-Dating-Debüt warteten.

Gehör finden im Landtag

Und deshalb rückten die Genossen kurzerhand die einzelnen Tische zusammen und aus dem Speed-Date wurde eine eher traditionelle, sehr persönliche Klön-Runde mit Kaffee und Kuchen. Nancy Faeser berichtete von ihrer eigenen politischen Sozialisation, von den Steinen, die Frauen im politischen Geschäft in den Weg gelegt und davon, wie sie beseitigt werden.

Sie erzählte von der Schwierigkeit, sich mit einer weiblichen Stimme Gehör im Landtag zu verschaffen und davon, wie sehr nach wie vor Frauen über das Aussehen definiert werden. Maria Helmis, die in ihrer politischen Karriere ganz am Anfang steht, kennt ebenfalls das Phänomen, als Frau in der Politik allein auf weiter Flur zu stehen: „Ich muss sagen, wenn man als junge Frau in den Ortsverein Marburg-Mitte kommt, dann sitzen da nur Männer über vierzig“, sagte sie. Inzwischen ist sie selbst zweite Vorsitzende dort und fühlt sich wohl: „Ich werde gehört und kann mich einbringen.“ Der Weg in die politischen Gremien scheint allerdings nicht leicht zu sein. „Ich würde mich gerne engagieren“, sagte eine Teilnehmerin: „Aber wo gehe ich hin? Wie fängt man eigentlich an?“ Die vielen Ortsvereine seien so verwirrend. „Einfach mal ausprobieren!“, so der Rat von Nancy Faeser und Dr. Ruth Beusing fügte hinzu: „Schmeißt euch in die richtige Politik und fangt nicht in einer Arbeitsgruppe an, die sich sowieso ausschließlich mit Frauenthemen beschäftigt.“

Ungünstige Sitzungszeiten

Die Runde beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Führungsstilen von Frauen und Männern, mit Frauen im Bürgermeisterinnenamt und problematisierte kinder- und familienunfreundliche Gremien- und Sitzungszeiten. Da seien die Strukturen nach wie vor nicht sehr hilfreich, waren sich alle einig.

„Wenn Strukturen menschenfreundlicher werden, kann das auch Männern helfen,“ sagte Dr. Kerstin Weinbach und stellte fest: „Da bewegt sich etwas, aber ganz langsam.“ Offenbar, so das Ergebnis der Runde, wird Politik, ob im Ehren- oder Hauptamt, noch immer ohne Rücksicht auf Betreuungs- und Familienzeiten ausgeübt. Damit Frauen politisches Engagement attraktiv finden, müsse sich an dieser Stelle etwas ändern, so der Tenor. „Das Rollenbild der Frau in der Politik ändert sich langsam. Aber wir brauchen Vorbilder- auch im politischen Ehrenamt!“, sagte Dr. Thomas Spies und Angelika Löber fügte hinzu: „Es ist zwar schwierig, als Frau mit Kindern Kommunalpolitik zu machen, aber es ist toll - da sieht man, wofür man sich einsetzt!“

von Ines Dietrich

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