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Räuber fesseln Opfer ans Bett

Gerichtsverhandlung Räuber fesseln Opfer ans Bett

Um an die Tageskasse einer Marburger Gaststätte zu gelangen, verbrüderten sich drei Mitarbeiter und überfielen brutal ihre Vorgesetzte.

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Um an die Tageseinnahmen eines Restaurants zu kommen, überfielen drei junge Täter im vergangenen Sommer ihre Vorgesetzte.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der 20 Jahre alte Täter wurde wegen gemeinschaftlichem Raub in Tateinheit mit Freiheitsberaubung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Eine Chance auf Bewährung schloss das Jugendschöffengericht aus.

Dafür war die gemeinschaftlich ausgeführte Tat zu radikal: Ende August vergangenen Jahres verabredeten sich die drei jungen Männer, um ihren eigenen Chef zu bestehlen und die Tageseinnahmen des Restaurants an sich zu bringen.

Als Mitarbeiter wussten sie, dass das Geld in einer Wohnung im selben Gebäude vorübergehend aufbewahrt wurde. Mit Handschuhen und Masken ausgerüstet klingelten zwei der Männer bei der ahnungslosen Bewohnerin, ebenfalls Angestellte des Bistros. Als diese öffnete, stießen die Täter sie in die Wohnung hinein, hielten ihr den Mund zu und drängten sie auf ein Bett. Dort warfen sie ihr eine Decke über den Kopf, knebelten sie und fesselten Hände und Füße. Dadurch erlitt das Opfer mehrere Abschürfungen und Hämatome. Aus dem geöffneten Tresor in der Wohnung stahlen die Männer 20000Euro und flüchteten aus dem Haus.

Kurz darauf konnte sich die junge Frau befreien und rief aus dem Fenster laut um Hilfe. Mehrere Passanten wurden auf sie aufmerksam, begriffen die Situation und hielten den flüchtenden 20-Jährigen beherzt auf. Den beiden gesondert verfolgten Mitverschwörern gelang die Flucht. Einer wurde mittlerweile ebenfalls zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Angeklagter legt volles Geständnis ab

Vor dem Jugendschöffengericht legte der junge Kollege ein volles Geständnis ab, „das ist alles wahr“, erklärte der Angeklagte. Seine Idee sei der Überfall indes nicht gewesen: Die Tat war von langer Hand geplant, immer wieder hätten seine beiden Mitbewohner auf ihn eingewirkt, ihn „immer wieder bedrängt, bei der Sache mitzumachen“. Schließlich habe er sich „überreden“ lassen, seinen Chef zu bestehlen. Den mochte er eigentlich, „ich war wie ein Sohn für ihn“. Auch Verteidiger Diethelm Ritsch versuchte zu relativieren: Sein Mandant sei eher Mitläufer, an der Organisation des Raubes nicht beteiligt gewesen.

Bei der Planung und Ausführung der Tat habe er selber nur eine kleine Rolle gespielt, versuchte der Angeklagte zu erklären. Das nahm ihm das Gericht nicht ab: „Sie haben die Frau überfallen und gefesselt“, stellte der Vorsitzende Richter Dirk-Uwe Schauß klar. Das überfallene Opfer hatte lange Zeit mit dem Erlebten zu kämpfen: „Das nimmt einen psychisch und körperlich sehr mit - so etwas will ich nicht noch mal ertragen“, sagte die Geschädigte vor Gericht. Dass der ehemalige Mitarbeiter zu der Tat fähig war, das könne sie immer noch nicht ganz glauben: „Wir hatten ein gutes, kollegiales Verhältnis - ich hätte nie gedacht, dass er das macht“, so die Zeugin.

Drei Vorstrafen wegen Sachbeschädigung und Bedrohung

Die schwere Straftat überraschte auch die Jugendgerichtshilfe. Der Angeklagte lebte nach familiären Problemen seit seiner Jugendzeit in verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen. Bislang ist er drei Mal vorbestraft, unter anderem wegen Sachbeschädigung und Bedrohung. Er hatte einige Probleme, entwickelte sich jedoch scheinbar in eine gute Richtung, „die Weichen waren eigentlich gestellt“, berichtete eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe.

Seine Schuld scheint der junge Mann jedoch weniger wahr zu nehmen, setzte sich nicht richtig mit der eigenen Tatbeteiligung und den Folgen für das Opfer auseinander, „er hat wenig darüber nachgedacht“, so die Zeugin, die eine Bestrafung nach dem Jugendstrafrecht befürwortete.

Dem stimmten die Prozessbeteiligten zu. Bei dem jungen Mann sei nach wie vor eine „mangelnde Festigung“ zu erkennen, „er ist instabil“, sagte Verteidiger Ritsch. Darüber hinaus habe der sich zu der Tat überreden lassen und das trotz einem vernünftigen Lebenswandel mit fester Arbeit und Wohnung - „wie doof muss man eigentlich sein“, so der Rechtsanwalt. Er sprach sich für eine Bewährungsstrafe aus.

Staatsanwalt sieht keine mildernden Umstände

Dabei spielte Staatsanwalt Christian Laubach nicht mit. Der Anklagevertreter fand keine mildernden Umstände für eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung.

Ebenso wie das Schöffengericht. „Dafür war die Tat zu schwer“, der Raub „nicht mehr am untersten Kaliber“, erklärte Richter Schauß. Nicht nur, dass die Täter das ihnen entgegengebrachte Vertrauen eiskalt ausnutzten, die junge Frau „ist zudem erheblich traumatisiert worden“.

von Ina Tannert

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