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"Radikal ist man nicht, man wird es"

Rechtsextremismus "Radikal ist man nicht, man wird es"

Milieus sind ein entscheidender Faktor bei der Ausbildung rechter Ideologien. Das stellten führende Rechtsterrorismus-Experten bei einer Podiumsdiskussion fest.

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Neonazis versammelten sich im Sommer 2011 in Gießen zu einer Demonstration. Archivfoto

Quelle: Rolf Wegst

Marburg. „Auch die Forschung muss sich nach der Selbstenttarnung der NSU unangenehmen Fragen stellen“, hieß es in der Einleitung zu den beiden Vorträgen renommierter Experten. Nicht nur Öffentlichkeit und Verfassungsschutz hätten die Gefahren nicht frühzeitig erkannt, auch die Wissenschaft hätte diese vernachlässigt. Um diese Versäumnisse nicht zu wiederholen, fand die Podiumsdiskussion „Radikal rechte Milieus und Rechtsterrorismus“ an Zentrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) statt.

Zunächst referierte Professor Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, zum Thema „Rechtsextremismus - Milieus, Gewalt und die Mitte“. Demnach entstehe Rechtsextremismus nicht allein aus eigenem Antrieb heraus, sondern durch die Prägung innerhalb eines Milieus. „Radikal ist man nicht, man wird es“, so Zick, der drei große „Einsteigerthemen“ für rechtsextreme Ideologien ausmachte. Dies sei zum einen der Themenbereich „bedrohte Heimat“, bei dem es unter anderem um die Suche nach eigener Identität in Abgrenzung zu Fremden gehe.

Des Weiteren sei auch die etwa durch Arbeitslosigkeit und den demografischen Wandel hervorgerufene Vorstellung, einer „betrogenen Generation“ anzugehören, relevant. Außerdem werde vor allem der Islam immer stärker als eine Bedrohung wahrgenommen.

Rechte Propaganda setze genau an diesen wunden Punkten an, sagte Zick. Oft würden eine Vertrauenskrise gegenüber der Demokratie sowie Angst vor Überfremdung thematisch aufgegriffen und radikalisiert. Auch bei aktuellen Themen würde häufig angesetzt. So habe etwa die NPD eine Kampagne mit dem Namen „Wir gegen Kinderschänder“ gestartet, die erfolgreicher gewesen sei als jede Parteikampagne zur Bundestagswahl.

„Möglicherweise Zufall“, ob links- oder rechtsextrem

Ein Beispiel aus dieser Woche sei hingegen die Rede des EU-Parlamentsvorsitzenden Martin Schulz in Israel gewesen. Mit dem Aufgreifen solcher Themen schafften es rechte Gruppierungen Milieus zu bilden, aus denen sie ihre Rekrutierungsbasis beziehe. In Gegenden, wo solche Milieus sich etablierten, wachse wiederum auch die Akzeptanz in der Normalbevölkerung. Bei der Untersuchung rechtsextremistischer Straftaten gehe es daher darum, dass Umfeld eines Täters zu verstehen.

Dr. Uwe Kemmesies, Leiter der Forschungsstelle Terrorismus - Extremismus beim Bundeskriminalamt (BKA), plädierte hingegen für eine Neuausrichtung der Terrorismusforschung und versuchte, Extremismus in einem größeren Rahmen zu beleuchten. Der Terrorismusexperte, der im Sommersemester 2014 ein Seminar zu „Terrorismus in Deutschland“ am Marburger Fachbereich Politikwissenschaften leiten wird, will die Forschung mehr „an den Akteuren ausrichten“.

Seiner Meinung nach sei es „möglicherweise Zufall“, ob ein Terrorist ein Linksextremer oder ein Rechtsextremer sei. Dies könne maßgeblich durch das Umfeld beeinflusst werden, in dem er aufwachse. Kemmesies glaubt, dass es oft einen Schlüsselmoment im Leben eines Terroristen gebe, der ihn erst radikal werden ließe. An dieser Stelle komme dann die Prägung durch das Milieu zum Tragen. Um Terrorismus verstehen zu können, solle man sich daher in die Personen hineinversetzen. Es gelte die Maßgabe „think like a terrorist“, so Kemmesies.

von Peter Gassner

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