Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Gewitter

Navigation:
Qualvoller Anstieg am Mythos der Tour

OP-Serie: „Das schaffe ich“ Qualvoller Anstieg am Mythos der Tour

OP-Volontär Peter Gassner stellte sich in den Alpen einer sportlichen Herausforderung, von der er als Radsport-Fan seit vielen Jahren geträumt hat.

Voriger Artikel
„Das ist nicht so leicht auszuhalten“
Nächster Artikel
Wut eines Wirts: Hungerstreik für Inder

Nach der Überwindung des Vortages und in bester Laune sieht sich der Amateur im gepunkteten Bergtrikot des besten Kletterers bei der Tour de France an die Profis.

Quelle: privat

Alpe d‘Huez. Die Sonne knallt erbarmungslos auf den heißen Asphalt. Trinken ist unerlässlich. Nur nicht zu viel, denn meine Wasserreserven sind begrenzt. Seit über einer Stunde bin ich nun schon unterwegs, aber nicht einmal die Hälfte habe ich geschafft. Hinter mir liegen rund 400 Höhenmeter bei zum Teil mehr als zehn Prozent Steigung. Kein Problem mit dem Auto - wohl aber mit dem Fahrrad.

Tausende Gleichgesinnte sind vor und hinter mir unterwegs und nicht wenige von ihnen müssen realisieren, dass das Vorhaben für sie heute nicht zu schaffen ist. Sie schieben oder drehen einfach um und fahren den Berg wieder herunter. Sollte ich also aufgeben? Nein! Seit Monaten habe ich diesem Moment entgegengefiebert - ich werde den Berg bezwingen.

Alpe d’Huez - aus Sicht vieler Fans und Hobbyfahrer ist dieser Skiort in den französischen Alpen das Mekka des Radsports. Hier - an den berühmten 21 Kehren - haben sich bei der Tour de France epische Duelle entschieden. Hier sind Legenden des Radsports geboren worden. In der Siegerliste stehen Namen, die ein jeder Fan kennt: Fausto Coppi, Bernard Hinault oder Marco Pantani zum Beispiel. Die Siege von Lance Armstrong wurden aus bekannten Gründen gestrichen. Wer die Tour de France seit vielen Jahren im Fernsehen verfolgt, der möchte hier einmal am Streckenrand stehen. Und wer selbst hin und wieder in die Pedale tritt, der findet hier die perfekte Herausforderung.

Die legendären 21 Kehren von Alpe d‘Huez sind die ultimative Herausforderung für einen Radsport-Fan. Hobbyfahrer Peter Gassner hat sie gemeistert.

Zur Bildergalerie

Es gibt Berge, die sind noch länger, noch steiler, noch schwieriger zu fahren. Doch welches Ziel kann motivierenden sein, als solch einen Mythos zu bezwingen? Zumal wenn sich die eigene Sportlichkeit in Grenzen hält. Seit mein letztes Rennrad vor rund drei Jahren geklaut worden war, hatte ich nicht trainiert. Das ein oder andere Kilo Zusatzgewicht war (unter anderem) dadurch auch entstanden. Etwa zwei Monate vor dem Anstieg hatte ich mir dann mein neues Gefährt angeschafft. Ein paar Trainingsrunden im Landkreis und knapp 400 Kilometer durch Italien in der Woche zuvor - das musste als Training reichen. Berge waren da aber nicht dabei.

Nun, einen Tag nach meinem 30. Geburtstag, nehme ich sie also in Angriff: 13,8 Kilometer von Le Bourg d’Oisans (725 Meter über dem Meeresspiegel) nach Alpe d’Huez (1850 Meter). Mehr als 1100 Höhenmeter muss ich dabei überwinden. Die durchschnittliche Steigung beträgt 7,9 Prozent. Mit meinem neugewonnenen Status als „Ü30er“ kann ich mich nicht herausreden. Unter den Hobbyfahrern die heute - einen Tag vor der hier stattfindenden entscheidenden Etappe bei den Profis - in Scharen gekommen sind, sind Männer und Frauen; alte und junge Menschen. Senioren, um die sechzig Jahre alt, sind ebenso vertreten wie zehnjährige Jungen. Wenn die das schaffen, dann schaffe ich das auch, denke ich mir.

So viel ist klar: die Rekordzeit von 37 Minuten und 35 Sekunden, die Marco Pantani 1997 aufgestellt hat, werde ich nicht erreichen. Ich stelle mich auf einen längeren Nachmittag ein und möchte auf keinen Fall überdrehen. Doch an ein „gemütliches Einrollen“ ist nicht zu denken. Die ersten beiden Kilometer gehören mit durchschnittlich mehr als zehn Prozent gleich zu den steilsten Passagen. Mein Begleiter Marius zieht schon früh davon. Wie vereinbart treffen wir uns später auf dem Gipfel. Mein einziges Ziel ist ankommen - die Zeit spielt keine Rolle.

Immer im kleinsten Gang geht es in quälend langsamem Tempo voran. Radsport ist eine tolle Sportart, doch in solchen Momenten bedeutet sie eben auch Leiden. Ähnlich wie beim Marathon, ist es ein Kampf gegen sich selbst. Es gilt sich zu überwinden, egal wie sehr Beine, Rücken oder Hintern auch schmerzen. Die Belohnung dafür ist das Gefühl, das einen im Ziel beschleicht. Das Gefühl, es geschafft zu haben. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Wohnwagen und feiernde Holländer

Es tritt das ein, was ich zuvor befürchtet habe. Zu viel Gewicht, zu wenig Vorbereitung: an den besonders steilen Stellen muss ich hin und wieder pausieren. Ein Bein auf den Boden stellen, einen Schluck trinken und tief durchatmen. Absteigen kommt aber nicht in Frage. Schieben, so wie es Leidensgenossen neben mir tun - das wäre für mich wie schummeln. Mag die Aussicht auf das noch vor mir Liegende auch hart sein: ein Blick nach unten verschafft Motivation.

An den Kehren des Berges genießt man eine wunderschöne Aussicht auf das Tal - und sieht, welche Leistung man bereits erbracht hat. Lange nach unten schauen kann man aber nicht, denn außer den Fahrrädern sind auch viele Autos und Wohnwagen der Fans auf dem Weg nach oben, um sich schon einmal einen Platz für das morgige Profirennen zu sichern. Einige von ihnen vertreiben sich die Zeit, indem sie Amateure wie mich anfeuern.

400 Höhenmeter vor dem Ziel erreiche ich das Dorf Huez und bahne mir den Weg durch eine feiernde Horde holländischer Fans in orangenfarbigen Fußballtrikots. Aufgrund der vielen niederländischen Zuschauer wird Alpe d’Huez auch „der Berg der Holländer“ genannt. Mit lauter Schlagermusik und reichlich alkoholischen Getränken tanzen sie auf der Straße. Einer von ihnen schaut mich kurz an. Als ich nicke, spritzt er mich mit einem Gartenschlauch ab - willkommene Erfrischung bei der Temperatur von 32 Grad.

Von da an habe ich das Ziel vor Augen. Der letzte Teil des Anstiegs ist flacher, mit meinen bereits schweren Beinen merke ich das aber nicht. Dennoch: die Kehren sind nummeriert und auf den letzten drei Kilometern ist schon die Zuschauerbegrenzung für die Zielankunft aufgebaut. Wer es bis dahin geschafft hat, der kann eigentlich nicht mehr scheitern. Nach rund drei Stunden erreiche ich erschöpft das Ziel.

von Peter Gassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr