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Qualitätscheck mit der Waffe

Firma Sälzer Qualitätscheck mit der Waffe

Die Gefahr durch Terror-Anschläge ist gestiegen. Das Sicherheitsbedürfnis wächst. Bundeswehr, Botschaften, Banken: Sie benötigen Türen und Fenster, die Schutz vor Explosionen und schweren Geschossen bieten. Die Firma Sälzer baut solche Produkte und hat jetzt ein ballistisches Prüfzentrum eingerichtet: Dort schießen Fachkräfte auf Muster der Türen und Fenster.

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Sälzer-Mitarbeiter zeigten den Gästen, dass ihre Fenster und Türen durchschusshemmende Elemente haben.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Was hat so manche deutsche Justizvollzugsanstalt mit einem saudischen Palast gemeinsam? Sie hat Türen und Fenster aus Marburg, die Sprengstoffanschlägen standhalten und keine Schüsse durchlassen. „Nach dem 11. September 2001 hat die ganze Welt von durchschuss- und explosionshemmenden Fenstern und Türen gesprochen“, sagt Walther Sälzer, Inhaber der Marburger Firma Sälzer. „Seitdem ist aber nicht viel passiert. Vom Sprechen wird nichts sicherer“, fügt Sälzer hinzu und erklärt: Er kenne weltweit nur fast ein Dutzend Mitbewerber, die spezielle Sicherheitsfenster und -türen herstellen. Während die Krisen in der Welt zunehmen, steigt die Nachfrage nach durchschuss- und explosionshemmenden Fenstern und Türen. Botschaften, Bundeswehr, Banken: Sie gehören zum Kundenkreis des Unternehmens. Die britische Botschaft in Warschau, die deutsche in Tokio oder Wohncontainer der Bundeswehr in Afghanistan: Sie haben Fassaden aus Marburg.

Das Besondere der Sälzer-Türen und Fenster: Die Firma kombiniert Schutz gegen Sprengwirkung, Durchschuss und Einbruch sowie Feuerschutz in einem Produkt - und das unsichtbar. Der Unterschied zu „normalen“ Fenstern und Türen ist nicht erkennbar. Mit dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis vieler Kunden hat sich auch der Zeitdruck für die Spezialisten erhöht. Um zu prüfen, ob ein Fenster tatsächlich durchschusshemmend ist, mussten die Mitarbeiter der Firma bisher zum nächsten „Beschussamt“ bis nach Ulm oder nach Holland fahren. „Für einen Schuss mussten wir bis zu drei Monate warten“, erklärt Sälzer. Und wenn dann die Prüfstelle gar feststellte, dass die Gesamtkonstruktion noch nicht ausgereift war, verging noch mehr Zeit und Mühe für die Marburger Firma.

So kam Günther Ludwig, einer der Spezialisten im Hause, auf die Idee, einen Schießstand in der Firma zu fordern. „Ein Männerspielplatz“, war die erste Reaktion von Elke Sälzer, die für die technische Leitung zuständig ist, als ihr Ehemann von der Idee berichtete. Doch dann entschieden Sälzers: Jede Vorprüfung im Haus erspart Zeit und letztendlich Kosten. So wurde ein ballistisches Prüfzentrum eingerichtet. Ballistik ist die Lehre von der Geschossbewegung. Bevor es also künftig zum akkreditierten Prüfinstitut, zum Beschussamt geht, finden Voruntersuchungen in der Firma statt - im Bunker unter dem Gebäude. Das Unternehmen befindet sich seit 1996 auf dem Gelände der früheren Tannenberg-Kaserne, die viele Bunker hatte. Ludwig ist bislang der einzige der 150 Mitarbeiter, der eine Waffenbesitz-Karte hat. Das heißt, er muss bei jedem Schuss dabei sein.

Kalaschnikow fällt nicht unter die EU-Norm

Bei der Einweihung des ballistischen Prüfzentrums demonstriert Ludwig Vertretern von Bundes- und Landeskriminalamt, Polizei, Bundeswehr sowie Landrätin Kirsten Fründt und Oberbürgermeister Egon Vaupel den „Schießstand“. Einen größeren Schießstand hat zwar die Polizei, wie der Leiter der Polizeidirektion Marburg, Ralph-Dieter Brede, erklärt, doch benutzen Polizisten nur eine bestimmte Munition. Im Sälzer-Bunker wird dagegen mit verschiedenen Geschossen getestet. Ein saudischer Prinz, der seinen Palast schützen wolle, habe nunmal ganz andere Bedrohungsszenarien als eine deutsche Bank.

„Die weltweit am meisten gebrauchte Waffe ist eine Kalasch­nikow“, erklärt Sälzer-Mitarbeiter Karlheinz Mankel. Und diese falle nicht unter die europäische Norm, bedauert er. Das heißt, ein in EU-Ländern übliches Prüf-Zertifikat reicht Ländern in der östlichen Welt nicht aus. Ob Faustfeuerwaffe, Scharfschützengewehr oder Kalaschnikow: Die Marburger Fenster sind dagegen gerüstet. In den einzelnen Prüf-Klassen werden die Testelemente aus unterschiedlichen Entfernungen mit verschiedenen Waffen, Kalibern und Geschossenergien beschossen. „Nach jedem Schuss wird geprüft, ob Splitter aus der Konstruktion ins Rauminnere geflogen sind“, erklärt Ludwig. Jeder Glas- oder Fassadensplitter bereitet den Herstellern weitere Arbeit: Das Produkt ist noch nicht optimal, es muss nachgebessert werden.

Derzeit wartet die Firma noch auf die Genehmigung des Bundeskriminalamtes, um eine Laserzieleinrichtung zu benutzen: Damit können Schüsse ganz genau abgefeuert werden.

Landrätin Fründt sagt über den Schießstand: „Auch wenn das zunächst nach Männerspielplatz klingt, das ist eine ganz durchdachte Entscheidung, um innovativ auf dem Markt weiterzukommen.“

Sälzer kündigt an, dass die Firma für eine Multifunktionstür auf einer Fachmesse bald den „Oscar der Sicherheitsbranche“, den „security innovation award“ erhalte. Noch nicht bekannt sei, ob in Gold, Silber oder Bronze. „Wir nahmen zum ersten Mal an diesem Wettbewerb teil. Als wir hörten, dass wir unter den ersten drei sind, war dies für uns schon der Sieg.“

von Anna Ntemiris

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