Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Qualität entscheidet: Auch im Landkreis coachen Nachwuchskräfte

Junge Trainer Qualität entscheidet: Auch im Landkreis coachen Nachwuchskräfte

Julian Nagelsmann ist der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte. Zweifel bleiben nicht aus: Fehlt ihm die Erfahrung? Respektieren ihn die Spieler? Kurzum: Ist das Alter des Trainers ein Erfolgsfaktor?

Voriger Artikel
Bypässe am schlagenden Herzen eingesetzt
Nächster Artikel
Alle Keller vollgelaufen, 
die Straßen überschwemmt

Patrick Unger ist  seit drei Jahren Coach bei den Bundesliga-Frauen des BC Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Was sich Kevin Kuranyi wohl gedacht haben muss: Für den einstigen Starstürmer, der vor dieser Saison von Moskau zur TSG Hoffenheim wechselte, läuft es sportlich ohnehin bescheiden. Für das Team von Mäzen Dietmar Hopp ist Kuranyi, 33, bislang noch torlos. Und dann ist plötzlich ein neuer Trainer in Hoffenheim, der dritte in dieser Spielzeit – ein gewisser Julian Nagelsmann, 28.

Der sollte eigentlich erst ab Sommer das Ruder bei den 1899ern übernehmen, muss aber schon jetzt einspringen, weil Huub Stevens aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt erklärt. Nagelsmann kommt also, sieht und streicht mit einer seiner ersten Amtshandlungen den fünf Jahre älteren Kuranyi für das Spiel in Bremen mal eben aus dem 
Kader.

TSG spielt weiter gegen den Abstieg

Die Fußballwelt beobachtet mit Spannung die ersten Tage 
des jungen Coaches. Im Alter von 28 Jahren und 205 Tagen wird er bei der TSG eingestellt, nie gab es einen jüngeren Trainer in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Seine Premieren-Auftritte gelingen: In den ersten zwei Partien holen 
Nagelsmanns Schützlinge vier Zähler, auch bei der 1:3-Niederlage in Dortmund am Sonntag verkaufen sie sich gut. Doch die Aufgabe mit der TSG ist schwierig, das Team ist immer noch Tabellenvorletzter und kämpft gegen den Abstieg.

Vereine in vergleichbaren Situationen bauten in der Vergangenheit immer auf erfahrene Trainer, alte Hasen, die das Geschäft lange 
kennen. In Hoffenheim kommt nun einer, der nie selbst auf der großen Bühne gespielt hat. Einer, der schon Jugendmannschaften trainierte und Lizenzen erwarb, während andere selbst noch kickten. Die Frage, die sich also stellt: Kann das Trainermodell „Nagelsmann“ grundsätzlich zum Erfolg führen?

Nahrgang trainiert zweite Senioren-Mannschaft

„Ja, absolut“, sagt Sascha Nahrgang, 29, der mit dem VfB Wetter und dem SV Bauerbach bereits zwei Senioren-Mannschaften trainiert hat, „nicht das Alter, sondern die Qualität eines Trainers ist entscheidend.“ Beim Blick auf Nahrgangs Werdegang tun sich sogar einige Parallelen zu Nagelsmann auf. Beide mussten aufgrund schwerer Verletzungen ihre aktive Karriere als Spieler beenden.

Beim heutigen Bauerbacher Teammanager war mit 19 Jahren nach dem zweiten Kreuzbandriss Schluss. Auch er profilierte sich danach als Trainer über die Jugend, machte sich beim VfB Marburg einen Namen. Bei seinen Stationen im Seniorenbereich hielt es ihn allerdings nicht allzu lange. Zumindest in Wetter „hat mir und der Mannschaft im Abstiegskampf die Erfahrung gefehlt“, räumt Nahrgang, der die B-Lizenz besitzt, ein und fügt an: „Jedes Jahr, in dem man länger als Trainer arbeitet, hilft ungemein.“

Schlechte Erfahrungen gehören zum Lernprozess

Ist fehlende Erfahrung also ein Faktor, der jungen Trainern zum Verhängnis werden kann? Patrick Unger, 33, der vor drei Jahren Coach bei den Bundesliga-Frauen des BC Marburg wurde, argumentiert ähnlich wie Nahrgang: „Ich reagiere heute anders auf bestimmte Situationen als früher“, bemerkt Unger, „ich glaube, man muss auch mal schlechte Erfahrungen machen, denn daraus lernt man.“

Aber auch der Basketball-Trainer will dem Alter insgesamt keine zu hohe Bedeutung beimessen. Es seien andere Kompetenzen, die einen guten Übungsleiter auszeichnen. Fachkenntnis in erster Linie, aber auch Autorität. „Das kommt mit der Persönlichkeit, so erarbeitet man sich Respekt“, erklärt Unger. Auf diese Art kommt man also mit Spielerinnen und Spielern zurecht, die – wie Kuranyi – womöglich etwas älter als man selbst sind.

Rollenverteilung hat sich geändert

Diese Position ist auch Marius Pfeiffer, 28, gewohnt. Er coacht als Spielertrainer und C-Lizenz-Inhaber gemeinsam mit Jürgen Debus die Handball-Mannschaft der HSG Hinterland. Die Rollenverteilung zwischen Trainer und Spieler sei in diesem jungen Alter eine andere, sagt Pfeiffer, es gebe keine klare Hierarchie. „Es wäre ja unglaubwürdig, wenn ich von oben herab etwas ansage.“

Die Entscheidungen finden also mehr auf einer gemeinsamen Ebene statt – und das mit Erfolg. „Es kommt immer auf den Typen an. Natürlich gibt es Spieler, die damit nicht zurechtkommen, aber die gibt es unter jedem Trainer – egal wie alt er ist.“

Ähnlich wie im Fußball werde wohl auch im Handball zukünftig der Trend einsetzen, eher auf junge, fachlich gut ausgebildete Übungsleiter zu setzen anstatt auf diejenigen, die aus ihrer aktiven Zeit einen großen Namen mitbringen, berichtet Pfeiffer. 
Im Mittelpunkt stehe nun einmal das „Know-how“. Die 
 junge, aufstrebende Generation, die den Trainerjob von der Pike auf über zahlreiche Lehrgänge erlernt hat, scheint da im Vorteil zu sein. Julian Nagelsmann hat die A-Lizenz übrigens mit der Note 1,0 bestanden.

von Yanik Schick

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr