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Psychologe sieht „extremes Wechselbad der Gefühle“

Aus dem Amtsgericht Psychologe sieht „extremes Wechselbad der Gefühle“

Ein Mitarbeiter einer psychosozialen Beratungsstelle berichtetvor Gericht über seinen Eindruck des impulsiven Angeklagten, der unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung und Bedrohung in mehreren Fällen vor Gericht steht. Wenige Monate vor Beginn der Hauptverhandlung führte der 26-Jährige insgesamt fünf Gespräche mit dem Psychologen.

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Ein 26-Jähriger Mann steht wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht.

Quelle: Pichler / dpa

Marburg. Der Beschuldigte schien über sein unkontrolliertes, brutales Verhalten der Freundin gegenüber erschrocken und bestürzt, war „emotional chronisch überfordert“ und sprach sich für eine umfangreiche Therapie aus, sagte der Zeuge.

Von Interesse für das Gericht ist dabei die tatsächliche Intention des Mannes, sich psychologische Hilfe zu suchen. Vor allem, ob er „kritisch reflektierend“ wirkte oder sich lediglich aus Angst vor den gerichtlichen Folgen in ein positives Licht rücken wolle, fragte der Vorsitzende Richter Dominik Best nach. Beides spiele eine Rolle, vermutete der Zeuge.

Beispielhaft wurden während der Verhandlung einige aussagekräftige, hochemotionale Sprachnachrichten des Angeklagten an die Geschädigte abgespielt. Teils unter Tränen warf der Mann der Freundin im April dieses Jahres vor, sie würde ihn „wie Dreck behandeln“. In anderen Aufnahmen verlangte er im harschen Befehlston, sie solle „Rücksicht nehmen, ihn nicht reizen“.

Nach Angriff auf Freundin in U-Haft

Besonders auffallend: In jeder neuen Aufnahme wechselte der Tonfall des Angeklagten von aggressiv brüllend, neutral ruhig bis verzweifelt weinerlich. „Ein extremes Wechselbad der Gefühle“, fasste der Therapeut das Gehörte zusammen. Daraus spreche ein immenser Druck. Die Prognose für den 26-Jährigen sei jedoch „hoffnungsvoll“, allerdings nur während einer langfristigen ambulanten Psychotherapie.

Das Beratungsangebot schloss der Angeklagte nicht vollständig ab. Einige Wochen nach Gesprächsbeginn wurde er nach einem weiteren massiven Angriff auf seine Freundin inhaftiert, sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Über seine äußerst umfangreiche Polizeiakte und zahlreiche Fälle von häuslicher Gewalt berichtete die zuständige Beamtin.

Rund 30 einzelne Vorfälle wurden allein in den vergangenen zwei Jahren dokumentiert, darunter Körperverletzungsdelikte, Sachbeschädigung sowie Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz. Der Mann bevorzuge scheinbar ganz bestimmte kleine Frauentypen, „die er dominieren kann“, so die Analyse der Polizistin. Sobald Probleme in der Beziehung auftreten, werde er aggressiv, habe sich „nicht unter Kontrolle“.

Dies bestätigte eine weitere Ex-Freundin, die ihr Verhältnis zu dem Angeklagten schilderte. Auch ihre Beziehung begann harmonisch und liebevoll. Nach etwa eineinhalb Jahren änderte sich das Verhalten des umgänglichen Partners, „die Beziehung wurde instabiler“, berichtete die Zeugin.

Zeugin beschreibt „psychische Gewalt“

Der Beschuldigte wurde zunehmend reizbar, er schrie sie an, verfolgte die Frau und trank immer häufiger Alkohol, zählte die Zeugin auf. „Das hat seine Persönlichkeit komplett verändert, er war unberechenbar.“ Körperlich angegriffen oder verletzt habe er sie im Gegensatz zu seiner späteren Lebensgefährtin nicht. Bevor sie sich vor fünf Jahren endgültig von dem aufbrausenden Freund trennte, habe er sie regelmäßig verfolgt, bedrängt und immer wieder mit Schuldzuweisungen konfrontiert, beschrieb die Zeugin die „psychische Gewalt“ in der Beziehung.

Über ähnliche Verhaltensweisen des 26-Jährigen hatten bereits andere Frauen berichtet. Insbesondere die Hauptgeschädigte und Nebenklägerin sprach von zunehmend cholerischen Wutausbrüchen des früher liebevollen Ex-Partners, die regelmäßig in gewalttätigen Übergriffen endeten. Dies konnte eine weitere Zeugin und frühere gute Bekannte des Mannes nicht glauben.

Bis vor vier Jahren pflegte sie einen guten, freundschaftlichen Umgang mit dem Angeklagten. „Eine aggressive Seite kenne ich nicht an ihm“, beschrieb die Frau. Schon damals habe er Trennungen jedoch nicht verarbeiten können, fühlte sich „fallen gelassen“. Dies stehe möglicherweise mit einer problematischen Kindheit in Zusammenhang. Weitere Zeugen sollen am Donnerstag, 24. September, vor Gericht gehört werden.

von Ina Tannert

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