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Psychische Erkrankung löst Messerattacken aus

Verfahren eingestellt Psychische Erkrankung löst Messerattacken aus

Wegen versuchter Körperverletzung in zwei Fällen musste sich eine 33-jährige Frau vor dem Amtsgericht verantworten. Ihr wurde vorgeworfen, im Juni 2013 Mitarbeiter einer psychiatrischen Klinik und hinzugezogene Polizisten mit einem Klappmesser angegriffen zu haben. Im August desselben Jahres habe sie nach einem per SMS angekündigten Suizidversuch am Südbahnhof ebenfalls Polizeibeamte, die zu ihrer Rettung gerufen wurden, versucht mit einem Messer zu attackieren und hätte nur unter Zuhilfenahme von Pfefferspray überwältigt werden können.

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Das Verfahren wurde eingestellt, weil die versuchte Körperverletzung ohne Verschulden der Angeklagten zustande kam.

Quelle: Archiv

Marburg. Das psychiatrische Gutachten, das vom Gericht angeordnet worden war, bescheinigte der Angeklagten eine „schwere, chronifizierte Borderline-Störung“, die ihr bereits im Alter von 18 Jahren attestiert worden sei und bei ihr immer wieder stark ausgeprägte und impulsive Gefühlsschwankungen auslöse. Sie befinde sich seit 15 Jahren regelmäßig in ambulanter Behandlung und gerate immer wieder in einen hohen Erregungszustand, der nur durch Fixierung und Medikation gestoppt werden könne.

In diesen Zuständen sei sie nicht mehr für Argumente erreichbar, sie wisse zwar, dass ihr Handeln falsch sei, könne es aber nicht steuern. Der Psychiater bescheinigte ihr eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit, hinzu kämen eine Rheuma-ähnliche Erkrankung der Gelenke und ein früheres Alkohol- und Drogenproblem. Beide Eltern seien alkohol- und drogenabhängig gewesen, was auch eine Schädigung der Angeklagten bereits im Mutterleib wahrscheinlich mache. Sie sei nicht normal arbeitsfähig, ihre Gefühlsschwankungen wären auch für ihren Partner, mit dem sie seit zehn Jahren zusammen und seit fünf Jahren verheiratet sei, sehr schwer.

Ähnliche Situationen wie die verhandelten könnten ohne bösen Willen der Angeklagten immer wieder vorkommen, erläuterte der Gutachter.

Angeklagte kann sich die Angriffe nicht erklären

Dennoch wäre das derzeitige Therapiesystem mit einem Wechsel aus Aufenthalten in einer Klinik zu einem Drittel der Zeit und zwei Dritteln Aufenthalt daheim, mit zusätzlichen stationären Aufenthalten bei Bedarf „okay“, erläuterte der Psychiater.  Eine psychiatrische Einweisung sei nach jetzigem Stand nicht notwendig. Die Angeklagte selbst konnte die Angriffe nicht erklären, zwar könne sie sich daran erinnern, hätte jedoch keinerlei Gedanken gehabt. Die Messer habe sie zu ihrer Verteidigung bei sich getragen, zusätzlich hätte sie vor der Tat am Südbahnhof Wodka konsumiert. Ihre Suizidabsicht an diesem Tag sei ernst gewesen, sie habe regelmäßige Suizidgedanken. Sie hätte keine Angst, dass weitere Vorfälle passieren könnten, auch habe sie ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle.

Der Verteidiger forderte in Anbetracht der Umstände eine Einstellung des Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft stimmte zu, da die Taten ohne eigenes Verschulden durch eine Krankheit zustande gekommen seien, außerdem wäre niemand verletzt worden. Die Angeklagte müsse mit allen Mitteln der Betreuung arbeiten, dann sei nach heutigem Stand keine Einweisung in eine Psychiatrie notwendig.

Richterin Dr. Antonia Wetzer riet der Angeklagten, keine Messer mehr bei sich zu führen und stellte das Verfahren mit „Zustimmung der Staatsanwaltschaft und nach Anhörung der Angeklagten auf Kosten der Staatskasse ein“.

von Michael Hahn

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