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Psychiatrie: Patienten berichten über Zwangsbehandlung

Psychische Krankheiten Psychiatrie: Patienten berichten über Zwangsbehandlung

OP-Reportage über eine Marburgerin, die in der Psychiatrie gegen ihren Willen therapiert wurde. Sie sagt: "Tabletten geben mir mein Ich zurück". Kritiker sehen durch Zwangsbehandlung den freien Willen der Menschen ausgehebelt.

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Jährlich sollen 200 000 Menschen in Deutschland gegen ihren Willen in einer Psychiatrie untergebracht werden. Wie viele eine Behandlung ablehnen, ist unklar. „Fünf Prozent“, sagt der Marburger Psychiater Dr. Ulrich Schu. Foto: dpa

Quelle: A3794/_Peter Steffen

Marburg. Die Frau in der weißen Bluse sagt: „Ich bin nicht mehr die, die ich mal war.“ Wenn Nina Schmidt, die eigentlich anders heißt, an damals denkt, erinnert sie sich an eine lebenslustige, energiegeladene Person. Was sie heute im Spiegel sieht, ist Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Angst. Nina Schmidt ist sich selbst fremd geworden.

Dass sie sich überhaupt noch erkennt, es ihr nach und nach besser geht, verdankt sie einer psychiatrischen Zwangsbehandlung in Marburg. „Ohne Hilfe hätte ich meinen Weg nicht mehr gefunden.“ Denn Nina Schmidt tat, ohne es zu merken, alles dafür, ewig krank zu bleiben: Sie verweigerte Medikamente, wollte keine Therapie. Sie sei schließlich nicht krank - glaubte sie. „Mein Grundempfinden war gut.“ Ihr Zorn richtete sich zunehmend auf ihren Ehemann. Er sei das Problem, er habe Probleme, er brauche Hilfe, er solle Pillen schlucken.

Der Horror schlechthin

Thomas, so sein fiktiver Name, hört sich das an, holt Luft, schweigt. Dann: „Ich konnte nicht mehr, war völlig fertig, verzweifelt.“ Klar, seine Frau sei schon vor der Eskalation wegen Depressionen beim Psychologen gewesen - aber mit einem Mal riss ihr Zustand ein, sie schlief tagelang nicht, wurde von Wahnvorstellungen geplagt. „Nachts suchte sie unsere Tochter, die nicht daheim wohnt. Sie glaubte, unser Haus werde überwacht, der Mond falle auf die Erde“, sagt er. Es habe keine Chance mehr gegeben sie „mit Argumenten davon zu überzeugen, dass das nicht stimmt, sie Hilfe braucht.“

Damit Nina eine einzige Pille nimmt, musste Thomas mehrfach Polizei und Notarzt rufen. „Für mich war es der Horror schlechthin, eine Phobie, Medikamente nehmen zu müssen“, sagt sie. Massiv bedroht habe sie sich gefühlt, wenn Ärzte ihr Tabletten reichten, sie ihr Substanzen verabreichen wollten.

Nina Schmidts Retter heißt Dr. Ulrich Schu (Archivfoto), Oberarzt an der Marburger Uniklinik für Psychiatrie. „An sie ranzukommen, war sehr schwierig, sie hatte den Widerstand voll aufgebaut“, sagt er. Trotzdem, mit dem flehenden Thomas im Arztzimmer, gelang es: „An die erste Tablette erinnere ich mich genau“, sagt Nina Schmidt. Sie spricht leise. „Ein Gräuel, ganz schlimm.“ Für Schu wurde es mit der Patientin auf Station nicht leichter. Wieder, tagelang verweigerte Schmidt Medikamente, ihr Zustand verschlimmerte sich. Ratlosigkeit. Der letzte Ausweg: eine Zwangsbehandlung.

Neues Gesetz zur Zwangsbehandlung seit 2013

Weil die Psychiater diagnostizierten, dass Schmidts Urteilsvermögen von einer Krankheit überlagert wurde (Schuh: „Ihr Wille ist krank“), der Ehemann einen anderen Menschen, anderen Charakter als diese Nina Schmidt beschrieb, genehmigte ein Marburger Richter die Zwangsbehandlung. 10 000 Patienten werden derzeit bundesweit auf richterliche Anordnung zwangsbehandelt. Ärzte dürfen trotz Diagnose ohne so eine Genehmigung - die sechs Wochen gültig ist - nichts unternehmen. Das prangern Marburger Experten an. Vitos-Oberarzt Dr. Siegfried Scharmann sagt: „Stand jetzt, dürfen wir nicht jedem helfen, dem wir helfen könnten.“ Thomas Dimroth von der Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie ergänzt: „Die Fokussierung auf Patientenrechte ist in dem Feld nicht immer der Weisheit letzter Schluss“.

Die Zwangsbehandlung ist Anfang 2013 gesetzlich neu geregelt worden. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) erlaubt eine Zwangsbehandlung nur noch in absoluten Ausnahmefällen. In Hessen gibt es jedoch noch das Gesetz über die Entziehung der Freiheit Geisteskranker (HFEG), ein Polizeirecht. In dieser Regelung werden Konsequenzen aus Fremdgefährdung - etwa, wenn jemand sich in der Öffentlichkeit das Leben nehmen will - behandelt. Manche Vorschriften kollidieren, verkomplizieren die Sachlage. Thomas Schmidts Erfahrung mit der Gesetzeslage: „Wenn Betroffenen die Einsicht fehlt, ist es fast unmöglich, ihnen als Angehöriger helfen zu lassen.“

Bin ich noch normal?

Nina Schmidt war von Anfang Februar bis Ende März 2013 in der Psychiatrie. Sie sagt: „Tabletten geben mir mein Ich zurück.“ Doch die Unsicherheit, die Angst vor dem Rückfall bleiben: „Mir fehlt die Unbeschwertheit. Das, was ich erlebt und gesehen habe, hat mich schwer getroffen“, sagt sie. Die Selbstverständlichkeit des Gesundseins sei weg. „Der Wind weht und ich denke, stimmt das, ist das normal, bin ich noch normal?“

Beate Gerigk ist Geschäftsführerin des Betreuungsvereins Biedenkopf. Sie sieht Zwangsbehandlungen skeptisch. „Das Gesetz geht mit dem ärztlichen Hilfswunsch nicht mehr so konform“, sagt sie. Der Wille eines Menschen rücke - auch durch die UN-Behindertenrechtskonvention - stärker in den Mittelpunkt. „Und der Wille steht dort tendenziell über dem Wohl.“ Es gebe ein Recht auf Krankheit und „man darf nicht über Menschen hinwegwalzen.“ Unabhängig von der Frage, ob ein Außenstehender eine Entscheidung für gut oder schlecht, die Konsequenz für hilfreich oder fatal halte. „Dass wir Medikamente haben, ist ein Segen. Nur für wen? Wann? Es geht um das, was der Betroffene will.“

Matthias Seibt vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener fordert indes „die Abschaffung der Psychiatrie“, da „Zwangseinweisungen von Gerichten oft nur abgenickt werden“. Zwangsbehandlung sei Körperverletzung. Beate Gerigk, die seit 20 Jahren als Betreuerin arbeitet und Angehörigen in Rechtsfragen hilft, plädiert: „Länger und mehr mit den Erkrankten sprechen, jemanden überzeugen, sich freiwillig behandeln zu lassen. Das braucht Zeit, Geduld und ja, macht Arbeit.“ In Notsituationen, wenn sich jemand selbst oder andere verletzen wolle, „hilft natürlich manchmal nur die schnelle Spritze“, sagt sie. Aber das sei gesetzlich - als letztes Mittel - auch erlaubt, im Gegensatz zum Umgang mit normalen psychisch Kranken.

200 000 Menschen sollen in Deutschland jährlich gegen ihren Willen in einer Psychiatrie untergebracht sein. Dr. Urlich Schuh spricht von „einer kleinen Minderheit, circa fünf Prozent“, die in Marburg zudem eine Behandlung verweigern.

  • Die 9. Psychiatrietage im Landkreis finden vom 6. bis 8. Mai im Landratsamt (6. Mai ab 10 Uhr), in Stadtallendorf und Angelburg statt.

von Björn Wisker

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