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Prüfungsangst überwinden

OP-Serie: Das schaffe ich Prüfungsangst überwinden

Er hatte gelernt. Stunden-, ach was, tagelang. Und dann das. Herzklopfen. Schweißnasse Hände, Blackout. Die Klausur ist vorbei. Was bleibt, ist die Panik, erneut zu versagen. Verschiedene Angebote sollen helfen, Prüfungsangst zu überwinden.

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Wer unter Prüfungsangst leidet, der weiß, wie belastend allein die Tage vor der Prüfung schon sein können. Verschiedene Lern- und Entspannungsmethoden sollen helfen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Marburg. Morgens schreibt sie eine Mathearbeit, am späten Vormittag ein Diktat, am Nachmittag verteidigt sie eine Doktorarbeit. Heike Ossanna legt fast täglich Prüfungen ab. Zumindest im Kopf ist sie immer dabei. Die 60-Jährige arbeitet als Lerntherapeutin. Muss sich einer ihrer Klienten einer Prüfungssituation stellen, ist sie in Gedanken vor Ort. Glück wünscht sie nie. Eher die Fähigkeit, Gelerntes abzurufen, die Aufregung niederzuringen und strukturiert an die Aufgaben zu gehen. Mit Glück habe eine Prüfung wenig zu tun - wohl aber mit guter Vorbereitung und der richtigen Einstellung, so die Lerntherapeutin.

Eine Tatsache, die auch der 21-jährige Student Jan (Name der Redaktion bekannt) lernen musste. „Ich habe mir kurz vor einer Prüfung alles Wissen reingeknallt - und dann war es nicht mehr da. Es kamen die einfachsten Fragen und ich wusste nichts mehr“, erinnert er sich. In der Schulzeit konnte er sich noch durchmogeln. Irgendwie. Im Studium folgte schnell die Einsicht: Es muss sich etwas ändern - ich brauche Hilfe. „Ich habe viele Prüfungen aufgeschoben und hatte trotzdem immer die Angst im Hinterkopf, die Prüfungen irgendwann ablegen zu müssen.“ Permanent unter Strom, permanent die Befürchtung, wieder nichts zu Papier zu bekommen. „Ich musste lernen, zu lernen. Die Angst vor den Prüfungen verschwand dann mit dem Gefühl, gut vorbereitet zu sein.“

Der Moment in dem das Hirn streikt

Obwohl - gänzlich verschwinden werden dieses mulmige Gefühl im Magen und die schweißnassen Hände wohl nie. Sollen sie auch nicht. Eine Prüfung ist und bleibt eine Ausnahmesituation. „Eine innere Anspannung ist völlig normal. Es geht darum, die Fähigkeit zu erlernen, sich zu strukturieren und auf die Ressourcen zurückzugreifen“, erklärt Heike Ossanna.

Sie kennt ihn selbst, diesen Moment, in dem das Gehirn streikt. In dem alles, was vorher gelernt wurde, nicht mehr abrufbar ist. Sie kennt die aufsteigende Panik und die gehetzten Blicke auf die Uhr. Kennt das Gefühl, im entscheidenden Moment zu versagen. Und sie kennt Methoden, um vorzubeugen. Die 60-Jährige erstellt ein Persönlichkeitsprofil ihrer Klienten, das ihr dabei hilft, den Lerntyp zu bestimmen und die Beratung gezielt auszurichten. „Wer einmal erlebt hat, auf nichts mehr zurückgreifen zu können, ist in der Persönlichkeit erschüttert. Die meisten suchen sich dann Hilfe, wenn sie einmal extremen Misserfolg erlebt haben.“

Die Lerntherapeutin fordert viel von ihren Klienten. Die wohl härteste Lektion: ehrlich zu sich selbst sein. Die eigenen Ansprüche klar formulieren, die Lernmethoden hinterfragen. Sie hilft den Klienten, mit System die Lernberge abzutragen. Struktur, so weiß die 60-Jährige, gibt Sicherheit. „Der Appell geht nicht an den Verstand, sondern an die Haltung. Es geht darum, sich Schritt für Schritt mehr zuzutrauen.“ Der Druck, so beobachtet die Mutter zweier Kinder, laste schon auf den Schultern von Grundschülern. Gute Noten sind der Grundstein für eine gute Zukunft. Scheitern? Schlichtweg verboten. Manchmal reicht es Heike Ossanna nicht, ihren Klienten Lernmethoden an die Hand zu geben, mit denen sie den Stoff strukturieren und abarbeiten können. Dann lädt sie auch das engste Umfeld ihrer Klienten zu Gesprächen ein. Eltern, Partner, Geschwister.

Heike Ossanna weiß, wie effektives Lernen und Arbeiten funktioniert. Und trotzdem beobachtet sie an sich selbst hin und wieder Vermeidungstaktiken. „Ich rücke auch erst meine Blumen um, bevor ich meine Gutachten zu schreiben anfange“, gesteht sie. Dann kommt der Hunger, dann der Durst, zu guter Letzt der Drang, immer wieder auf das Handy zu schauen. „Man braucht eine bereinigte Arbeitsfläche, um wirklich starten zu können.“ Sie ist sich sicher: Nicht die Prüfung entscheidet über das Ergebnis, sondern die Vorbereitung.

Dass nicht nur ältere Schüler und Studierende zu ihren Kunden gehören, sondern auch schon unter Zehnjährige, überrascht auch Klaus-Dieter Ley nicht. Der Psychologe bietet gemeinsam mit Dr. Christian Wolf, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, ein Trainingsprogramm für prüfungsängstliche Kinder an. „Die Kinder bekommen den Erwartungsdruck von ihrem ganzen Umfeld mit. Das müssen noch nicht einmal die Eltern sein, die einen zu hohen Anspruch an die Kinder stellen. Viele Kinder haben schon früh Probleme mit der Konzentration, können nicht mehr durchschlafen und klagen über Kopf- und Bauchschmerzen“, erklärt Ley.

Die Angst vor dem Versagen prägt den Schulalltag. „Da werden Kopf und Bauchschmerzen zu tollen Vermeidungshelfern“, weiß der Psychologe. In dem Trainingsprogramm sollen die Kinder in Kleingruppen verschiedene Entspannungsmethoden lernen. „Die Schüler sollen weg von den katastrophierenden Gedanken und lernen, die Macht der positiven Gedanken zu nutzen.“ Ein überzeugtes „Ich schaff das“ statt ein verunsichertes „Ich kann das nicht“ soll erarbeitet werden.

Lerntherapeutin Heike Ossanna und der Psychologe Klaus-Dieter Ley können lehren, die Aufregung niederzuringen, können Ängste nehmen und Mut geben. Sie können Lernmethoden optimieren und Zeitpläne erstellen. Nur eines können sie nicht: ihren Klienten das Lernen ersparen. Erreichen wollen sie ohnehin das Gegenteil: die Lust am Lernen wieder erwecken.

  • Im Herbst soll erneut ein Kurs für prüfungsängstliche Kinder, veranstaltet durch die Ambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Lahnhöhe, stattfinden. Informationen unter der Nummer: 06421 / 404 404.

von Marie Lisa Schulz

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