Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Prüfer vermuteten „Schusseligkeit“ bei Kassierer

Veruntreuung Prüfer vermuteten „Schusseligkeit“ bei Kassierer

Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Kassierer und seinen ehemaligen Vereinskameraden und Freunden ist zerrüttet. Aber auch das zwischen dem Landschulheim Steinmühle, deren Träger der Schulverein ist, und dem Förderverein. Am Mittwoch berichtete die OP, dass der ehemalige Schatzmeister über 85.000 Euro veruntreut haben soll. 

Voriger Artikel
Marburger setzen tanzend ein Zeichen
Nächster Artikel
Zusatzaufgaben aus Straßburg

Der Verein der Freunde und Förderer des Landschulheims Steinmühle wirft dem inzwischen zurückgetretenen Kassierer Veruntreuung vor. Weitere Vereine sind betroffen.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Nach Informationen der OP will die Schule den Kontakt zum Förderverein abbrechen. Sie hat Angst um ihren Ruf. In einem Schreiben an den Elternbeirat und das Kollegium erklären die beiden Schulleiter Bernd Holly und Björn Gemmer, dass die „kriminellen Machenschaften“ des Kassierers in keiner Verbindung mit der Schule und ihrer Leitung stehen.

In der Kritik steht der Vorstand des Fördervereins, der nach eigenen Angaben jahrelang nicht bemerkt hat, dass es Unstimmigkeiten in der Kasse gegeben haben muss. Der Schatzmeister soll mit gefälschten Belegen gearbeitet gearbeitet haben.

Gefälschte Postbank-Unterlagen

Der Betrug flog auf, als der Förderverein ein dem Schulverein für die Sportanlagen zugesicherten Betrag in Höhe von 35000 Euro nicht auszahlen konnte, weil das Konto überraschenderweise leer war. Dieser Vorfall war auch der Anlass, dass Holly und Gemmer als einfache Mitglieder während der Mitgliederversammlung vorgeschlagen haben sollen, die Entlastung des Fördervereins-Vorstandes abzulehnen. Dies war am 1. November. „Mir kam dubios vor, dass der Verein Geld bei der Postbank fest angelegt haben soll“, so Holly. Heute steht fest: die Postbank-Unterlagen waren gefälscht.

Noch keine Strafanzeige erstattet

Eltern fragen, warum nicht bereits im November der Fall öffentlich gemacht worden sei. Bis heute hat der Verein keine Strafanzeige erstattet. Die Erklärung der Vorsitzenden Wintraut Koppman: Unmittelbar nach der Sitzung habe sie mit der Aufarbeitung der Unregelmäßigkeiten begonnen und einen Anwalt eingeschaltet. Sie habe den Kassierer seit 30 Jahren gekannt, sich um seine Familie Sorge gemacht und gehofft, dass er nach einem Gespräch, das Geld zurückzahlt.

Ähnlich äußert sich eine Kassenprüferin, Johanna Buurmann-Rogalla. „Wir haben bei der Kassenprüfung festgestellt, dass die Belege zu den aufgeführten Posten fehlen. Er sagte, er hat sie zu Hause“. Man habe den Vorstand nicht entlasten können, aber drei Wochen später habe der Kassierer alle Belege vorgelegt. Dass sie offenbar gefälscht waren, habe keiner erkennen können, so die Kassenprüferin. Ob sie keinerlei Verdacht gehabt hatte? „Ich habe gedacht, das sei Schusseligkeit.“ Der Vereinsvorstand gesteht ein, „in Teilbereichen zu unaufmerksam“ gewesen zu sein und zieht deshalb seine Konsequenzen: Alle Mitglieder wollen zurücktreten.

Erinnerung an den Veruntreuungsskandal in der Stadtverwaltung

Dafür sieht der Vorstand der Wirtschaftsjunioren keinen Anlass. Er habe als erster und wohl bislang einziger Strafanzeige gestellt, erklärt Christopher Althaus, der seit etwa einem Jahr Vorsitzender ist. Wieviel der langjährige Kassierer dem Verein junger Unternehmer gestohlen hat, kann Althaus nicht sagen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte gestern Informationen der OP, wonach der Schaden bis zu 20000 betragen könnte.

Offen ist derzeit, ob auch den kleineren Vereinen Reit- und Sportverein Steinmühle sowie „Alles im Biegen“ Geld entwendet wurde. Auch dort werden die Bücher jetzt noch einmal neu geprüft, weil der Beschuldigte auch dort die Kasse verwaltete. Viele Marburger erinnert der Fall an den Veruntreuungsskandal in der Stadtverwaltung, der vor zwei Jahren ans Licht kam. Ein Beamter veruntreute mehr als 1,6 Millionen Euro.

Vaupel: "Das Geld wurde den Kindern gestohlen"

Oberbürgermeister Egon Vaupel kommentierte den aktuellen Fall gestern auf Anfrage der OP: „Ich kann nur sagen, dass mich eine solche Nachricht besonders trifft. Ich habe erlebt, was das für die Kollegen bedeutet. Ich habe großes Mitgefühl mit dem Umfeld, mit den Vorsitzenden der Vereine, mit der Schule. Das Geld wurde, wie es Schulleiter Bernd Holly im OP-Bericht gesagt hat, den Kindern gestohlen“. Gegen eine solche kriminelle Energie könne man leider nicht viel machen, so der OB. Wer etwas machen kann, sind derzeit Juristen und Polizei. Da Veruntreuung sich strafrechtlich nach fünf Jahren verjährt, wird also nicht jede mutmaßliche Tat verfolgt werden. Und die Opfer machen sich Sorgen, ob sie ihr Geld jemals wieder sehen werden.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Über 100.000 Euro veruntreut
Die Schulleiter Bernd Holly (links) und Björn Gemmer sind schockiert. Sie erfuhren von der Vorsitzenden des Fördervereins der Schule, Wintraut Koppmann, von der Veruntreuung.

Erst als das Konto leer war, bemerkte der Förderverein des Landschulheims Steinmühle, dass hier etwas faul war. Nach OP-Recherchen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den zurückgetretenen Kassierer.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr