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Wohnungsnot Protest geht weiter

Nach der polizeilichen Räumung der besetzten Augenklinik (die OP berichtete) sind die Aktionen der Veranstaltungswoche „Wem gehört die Stadt?“ in aller Eile umverteilt worden.

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Rund 15 junge Leute trafen sich zur Diskussion auf dem Gelände des Fachbereichs Psychologie in der Gutenbergstraße.Foto: Tannert

Marburg. Am Donnerstag trafen sich kurzerhand rund 15 junge Leute auf dem Gelände des Fachbereichs Psychologie in der Gutenbergstraße zu einer Vortrags- und Diskussionsrunde über das symbolträchtige, ehemalige Collegium Gentium (CG). Das bis 2007 lange umkämpfte und selbst verwaltete internationale Studentenwohnheim hatte seine Räume im dritten Stock der alten Jägerkaserne. Die ehemaligen Bewohner Donata Clemens und Marc Kappler berichteten aus den letzten Jahren vor der Schließung des Wohnheims und zogen Parallelen zur aktuellen Protestbewegung. Das Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Besatzung an die Marburger Universität übergeben, um im Zuge der Entnazifizierung und „Reeducation“ ein internationales, antifaschistisches Studentenwohnheim zu gründen. Neben einer demokratischen Selbstverwaltung galt eine 50-Prozent-Quote bezüglich der Aufnahme von weiblichen und männlichen sowie deutschen und ausländischen Studenten.

Massiver Widerstand

Die 50 Bewohner organisierten sich weitestgehend selbst, waren politisch aktiv und arbeiteten mit dem damals im selben Gebäude ansässigen Fachbereich Politikwissenschaft zusammen. Bereits in den 70er Jahren gab es erste Versuche, die Stiftung zu schließen. Durch massiven öffentlichen Widerstand wurde dieser Plan jedoch aufgegeben. Erneute Diskussionen über eine Schließung der „Riesen-WG“ tauchten Anfang des neuen Jahrtausends auf. „Die Uni begann ihre ökonomische Linie hart zu verfolgen“, sagte Clemens. Ab 2003/04 verhängte die Universität einen Aufnahmestopp für das Wohnheim. Grund dafür waren neue Brandschutzbestimmungen.

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen wurde den Bewohnern im Jahr 2006 gekündigt. Im folgenden Jahr kam es zur Zwangsräumung der letzten verbleibenden Studenten.

„Ohne das CG hätte die Uni nach den Krieg das Gebäude erst gar nicht bekommen“, sagen Clemens und Kappler. Daher richtet sich der Appell der Initiative an die historische Verantwortung von Stadt und Universität. Auch aus aktuellem Anlass. Bereits im Jahr 2006 wurde aus Protest die ungenutzte Marburger Frauenklinik besetzt. Vergangene Woche wiederholte sich dieser Prozess in der Augenklinik. Weder damals noch heute konnte adäquater Wohnraum gefunden werden, vergleichen die Besetzer die beiden Zeiträume. In beiden Fällen seien fadenscheinige Gründe für die Räumung, unpassende Ausweichräume beziehungsweise falsche Verhandlungsbereitschaft angeboten worden, betonte die Studentin und ehemalige Besetzerin Klara Janosch. Angebliche Gesprächsbereitschaft vorzugaukeln, um anschließend aus fadenscheinigen Gründen zu räumen, sei dasselbe Verhaltensmuster wie vor sieben Jahren. Die Räumung wurde deswegen veranlasst, um einer Gefährdung für die sich in dem Gebäude befindlichen Personen entgegenzuwirken, halten die Verantwortlichen der Uni dagegen. Gefährliche Bereiche seien von den Besetzern selber abgeriegelt worden. Eine Räumung war unnötig, so Janosch. Auch die Stadt habe noch keine eindeutige Stellung bezogen. „Marburg brüstet sich so gerne als Studentenstadt, tut aber nichts für die Studierenden, nimmt sie nicht einmal ernst“, sagte die Studentin.

Soziologe: Markt bestimmt

Über die „Aspekte neoliberaler Stadtentwicklung in Marburg“ sprach am Abend der Marburger Soziologe Werner Girgert. „In neoliberalen Städten tritt an die Stelle von öffentlicher die Förderung privater Investitionen“, sagte er. Dies bedeute eine Verdrängung von sozialer, wohlfahrtlicher Daseinsvorsorge durch finanzstarke Unternehmer und wirtschaftlich motivierten, städtischen Wettbewerbsdruck. Dies treffe auch auf Marburg zu. Die betriebswirtschaftliche Orientierung und Privatisierung öffentlicher Leistungen gehen zulasten der Sozialleistungen der Stadt. Rückgang öffentlicher Zuschüsse, Steuervorteile, geringe Gewerbesteuersätze und Billiglöhne spielten den Unternehmen in die Hände, nähmen den Bürgern und Normalverdienern jedoch finanzielle Mittel.

Rund 44 Prozent der steuerpflichtigen Marburger verdiene im Jahr bis zu 15000 Euro, sagte Girgert. Politische Konzentration auf Besserverdiener, Aufwertungen der Stadtviertel auf Kosten des Wohnraums und steigende Mieten verdrängten Geringverdiener und Sozialhilfeempfänger in die Außenbezirke. Anstelle der Stadt betrieben private Investoren die Stadtentwicklung und öffentliche Gestaltungsaufgaben. Wohnungsversorgung würde dem Markt überlassen. Die Wohnungsnot entstehe nicht durch steigende Studentenzahlen, eher durch Rückgang des sozialen Wohnungsbaus, trotz des großen Bedarfs. Städtische Förderprogramme seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

von Ina Tannert

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