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"Prostitution ist Gewalt"

Tagung "Prostitution ist Gewalt"

Offen und ungeschönt berichteten drei Experten über eine bedenkliche Entwicklung der europäischen Prostitutionsindustrie – und räumten auf mit dem verklärten Bild der freiwilligen, unab­hängigen Sexarbeiterin.

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Eine bedenkliche Entwicklung bescheinigten drei Experten einer Tagung in Marburg der europäischen Prostitutionsindustrie. Die Zielgruppe organisierter Menschenhändler der Szene seien vor allem Frauen aus bildungsfernen, verarmten Schichten, die aus der schieren Not heraus ihr „Glück“ im reichen Westen suchen.

Quelle: Maria Hedegaard

Marburg. „Deutschland – Bordell Europas?“ – mit diesem provokanten Tagungsthema stellte die Bürgerinitiative „bi-gegen-bordell“ in Kooperation mit dem Marburger Gleichberechtigungsreferat den gesellschaftlichen wie juristischen Umgang mit dem Milieu in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Das Rotlichtmilieu in Deutschland veränderte sich in den vergangenen Jahrzehnten drastisch, entwickelte neue, besorgniserregende Machtverhältnisse und wird scheinbar durch eine steigende gesellschaftliche Akzeptanz und den laxen Umgang mit den Strippenziehern der Szene noch begünstigt, lautete ein Fazit der Referenten.

„Die organisierte Kriminalität hat bei uns in hohem Maße Fuß gefasst, und mit ihr brutalere Methoden als früher“, berichtete Kriminalhauptkommissar und Autor Manfred Paulus aus Ulm.

Prostitutionsgesetz: Eintritt der "Prostitutionsindustrie" auf den freien Markt

Mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 folgte der Eintritt der Prostitutionsindustrie auf den freien Markt, die Konkurrenz aus dem Ausland stieg, Preisverfall und ein knallharter Strukturwandel waren die Folge.

Die Prostituierten stammen heute zu rund 90 Prozent aus Ost- und Südeuropa. Bevorzugt werden diese von Schleppern „in Ghettos rekrutiert und bei uns ausgebeutet“, so der Polizist. Die Zielgruppe organisierter Menschenhändler der Szene seien vor allem Frauen aus bildungsfernen, verarmten Schichten, die aus der schieren Not heraus ihr „Glück“ im reichen Westen suchen.

Hinzu kommt ein verklärtes romantisiertes Märchenbild von der aufregenden Welt des Rotlichtmilieus, das die Frauen mangels besseren Wissens mit falschen Versprechungen lockt, berichtete Sozialarbeiterin und Mitbegründerin des Hilfsvereins „Sisters“ Sabine Constabel aus ihrer jahrelangen Beratungstätigkeit. Der heutige Umgang mit dem Beruf der fast schon gesellschaftsfähigen Sexarbeiter und eine steigende Akzeptanz verharmlose die prekären Begleiterscheinungen des Milieus: „Erniedrigung, Gewalt und Schmerz.“ Diese Entwicklung sei „nicht nur ein Problem einzelner Frauen, sondern ein gesellschaftliches Problem“.

"Es geht niemand unverletzt in die Prostitution"

Der Machtwechsel im Milieu brachte nicht nur neue Strukturen, sondern auch ein verändertes Frauenbild mit sich – die „gestandenen Huren“ der Vergangenheit, die im Vergleich zu heute noch „relativ selbstbestimmt“ arbeiten konnten, gibt es nicht mehr. An ihre Stelle rückten unerfahrene Frauen, aus Ländern, in denen die aufgeklärte Sexualität unterdrückt wird und denen die staatliche Absicherung fehlt. Somit werden sie leicht zu Opfern organisierter, krimineller Drahtzieher.

Der Druck, der auf den Frauen laste, sei immens, die Folgen ihres Berufs dramatisch, körperliche und psychische Belastungen an der Tagesordnung. Auffallend hierbei: Frauen, die ihren Körper verkaufen, hatten in der Regel bereits Erfahrung mit sexualisierter Gewalt und Missbrauch – als Opfer werden sie schnell erneut zu Opfern der Szene, berichtete die ehemalige Prostituierte Huschke Mau. „Es geht niemand unverletzt in die Prostitution, keiner mit einer gesunden Psyche und stabilem sozialen Umfeld macht das“, so das Fazit der Aussteigerin.

Das neue Prostitutionsgesetz betrachten die Referenten als unzureichend. Dieses verkenne die tatsächliche Situation – ist für Paulus „ein totaler Flop und beschämend“. Selbiges gelte für eine zu laxe, unverhältnismäßige Bestrafung von Zuhältern seitens des deutschen Rechtssystems. „Prostitution ist Gewalt – die Prostitutionsindustrie muss eingedämmt werden“, fordert ebenso Constabel einen deutlichen Wandel im Umgang mit der Rotlichtszene.

von Ina Tannert

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