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Prostatakrebs: Marburger Experten klären auf

Vorsorge Prostatakrebs: Marburger Experten klären auf

Im Vorfeld des Patienten-Informationstages des Prostatakarzinomzentrums am UKGM sprach die OP mit Experten über Diagnose, Therapie und Nachsorge der häufigsten Krebsform bei Männern: des Prostatakarzinoms.

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Dr. Astrid Honacker, (von links), Dr. Peter Jochen Olbert, Dr. Andrea Wittig, Yvonne Richter und Bettina Seifert-Heinze organisieren den Patienteninformationstag zum Prostatakarzinom.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. OP: Wie gefährlich ist Prostata-Krebs wirklich?

Privatdozent Dr. Peter Jochen Olbert , leitender Oberarzt an der Klinik für Urologie und Kinderurologie: Das Prostata-Karzinom ist die am häufigsten diagnostizierte bösartige Tumorerkrankung des Mannes in Deutschland, Westeuropa und Nordamerika und die dritthäufigste Krebs-Todesursache beim Mann.

OP: Wie viele Neuerkrankungen werden im Jahr diagnostiziert?Olbert: Etwa 60000.

OP: Und wie viele Männer sterben an Prostatakrebs?

Olbert: Es sterben etwa 12000 bis 14000 Männer pro Jahr an Prostatakrebs.

OP: Landläufig gilt das Prostata-Karzinom als Krebsart, mit der man - anders als mit Lungenkrebs oder mit Bauchspeicheldrüsenkrebs - gut leben kann. Sehen Sie das auch so angesichts der alarmierend hohen Todesraten?

Olbert: In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Patienten, die die Diagnose Prostatakrebs bekommen, stark angestiegen, vor allem dank besserer Diagnosemöglichkeiten - auch mittels des PSA-Wertes. Es steigt insbesondere der Anteil früher Stadien. Im gleichen Zeitraum ist die Sterblichkeit moderat zurückgegangen, aber nicht in dem Ausmaß, in dem die Anzahl der Diagnosen zugenommen hat.

OP: Was sagt der PSA-Wert aus?

Olbert: Der PSA-Wert kann bei Prostata-Krebs erhöht sein, aber eben nicht nur bei Prostatakrebs, sondern beispielsweise auch bei Entzündungen der Prostata. Wenn erhöhte PSA-Werte jedes Mal zu einer Biopsie, also zu einer Gewebeentnahme, führen würde, stiege die Anzahl der Neudiagnosen unverhältnismäßig stark an. Deswegen ist die PSA-gestützte Vorsorge in den vergangenen Jahren etwas in die Kritik geraten. Kritiker sagen, es werden viel mehr Prostatakarzinome diagnostiziert, als man tatsächlich behandeln müsste.

OP: Wer entscheidet denn, welches Prostatakarzinom behandelt werden muss und welches nicht?

Olbert: Entscheidend ist, dass es unterschiedliche Risikogruppen gibt, die wir mittlerweile sehr gut kennen und voneinander unterscheiden können. Anhand dieser Risikogruppen können wir gut entscheiden, ob eine Therapie - und wenn ja welche - notwendig ist. Es gibt Erkrankungen, die wenig aggressiv sind, das können wir anhand der Gewebeproben genau erkennen. Weitere Kriterien sind die Größe der Prostata und das Alter des Patienten.

OP: Das heißt, es gibt Alternativen zur Operation, ohne dass man als Patient ein höheres Risiko eingeht?

Privatdozentin Dr. Andrea Wittig , geschäftsführende Oberärztin an der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie: Ja. In einem Tumorstadium, in dem der Tumor auf die Prostataregion beschränkt ist und nicht in den Körper gestreut hat, ist die Strahlentherapie eine Alternative zur Operation. Es gibt tumorbezogene und patientenbezogene Risikofaktoren wie Begleiterkrankungen, auf die die unterschiedlichen strahlentherapeutischen Verfahren individuell abgestimmt werden.

OP: Viele Männer haben Angst vor einer OP, weil Inkontinenz und Impotenz drohen. Wer entscheidet über die richtige Therapieform.

Olbert: Inkontinenz ist heute in den meisten Fällen nach einigen Tagen bis wenigen Wochen in den Griff zu bekommen. Anders sieht es bei der Impotenz aus. Aber es gibt hier verschiedene Möglichkeiten, potenzerhaltend zu operieren. Hier spielen die Risikofaktoren, die Frau Dr. Wittig erwähnt hat, eine zentrale Rolle für die Entscheidung, was getan werden muss.Wittig: Im Rahmen des Prostatakarzinom-Zentrums arbeiten Experten aus allen relevanten Fachrichtungen zusammen. Das ermöglicht, für jeden Patienten ein maßgeschneidertes Therapieprogramm zu erstellen.

OP: Welche Fachrichtungen arbeiten zusammen?

Wittig: Urologen, Strahlentherapeuten, Radiologen, Nuklearmediziner Pathologen und Labormediziner. So gibt es für jeden Patienten ein „Kompetenzteam“ aus verschiedenen Fachrichtungen. Das macht den besonderen Charakter des Prostatakarzinomzentrums aus.

OP: Wie viele Erkrankungen behandeln Sie pro Jahr im Zentrum?

Olbert: Wir diagnostizieren und behandeln pro Jahr etwa 200 Neuerkrankungen. Gut die Hälfte der Patienten wird operiert. Die meisten anderen Patienten erhalten eine Strahlentherapie. Einigen wenigen, aber Tendenz steigend, empfehlen wir vorläufig keine Therapie.

OP: Ist eine schnelle Therapie nicht entscheidend für den Krankheitsverlauf?

Wittig: Nicht jeder Patient muss sofort therapiert werden. Für uns gilt der Wahlspruch: Das Richtige für den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt tun. Die Frage „Aktiv behandeln oder nicht“ hängt zum einen von der abschätzbaren Aggressivität des Tumors ab und zum anderen von Faktoren, die vom Patienten abhängig sind: Wie alt ist er, welche Begleiterkrankungen bringt er mit, welche Lebenserwartung hat er? Je älter der Patient ist und je weniger aggressiv der Tumor einzuschätzen ist, desto geringer ist die Behandlungsindikation.

OP: Heißt, Patienten wird gesagt, für Dich lohnt sich eine OP oder Bestrahlung nicht?

Olbert: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wir ersparen Patienten eine Behandlung, wenn das medizinisch vertretbar und sinnvoll ist. Es gibt aber auch Patienten, die sagen „ich kann mit dem Krebs nicht leben.“ In einem solchen Fall wird besprochen, ob nicht doch operiert oder bestrahlt wird. Das letzte Wort hat der Patient.

OP: Welches Verfahren ist denn für den Patienten am sichersten?

Wittig: Beide Verfahren sind im Langzeitvergleich bezüglich der Rückfallquote gleich zu bewerten. Bezüglich der Nebenwirkungen gibt es Unterschiede. Deswegen kann man die Entscheidung, ob man operiert oder ob man bestrahlt und welche Art der Strahlentherapie man macht, sehr genau abwägen und auf die Patientenwünsche abstimmen.

OP: Hat denn der Patient tatsächlich ein Mitspracherecht oder steht das nur auf dem Papier?

Yvonne Richter , Qualitätsmanagement-Beauftragte an der Klinik für Strahlentherapie: Der Wunsch des Patienten steht an erster Stelle. Deswegen machen wir es so, dass wir eine gemeinsame Sprechstunde anbieten, in der die Kollegen aus den einzelnen Fachrichtungen gemeinsam mit dem Patienten Vor- und Nachteile der einzelnen Therapieformen besprechen. Viele Patienten gehen danach noch einmal zu den niedergelassenen Kollegen und besprechen dort, was sie bei uns gehört haben, bevor sie sich entscheiden.

OP: Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Fachärzten?

Dr. Astrid Honacker , Assistenzärztin und Qualitätsmanagementbeauftragte an der Klinik für Urologie und Kinderurologie: Die mit dem Zentrum zusammenarbeitenden niedergelassenen Urologen stellen häufig ihre Patienten selber in den wöchentlichen Tumorkonferenzen vor. Gemeinsam besprechen wir gerade die komplexeren Fälle, das heißt vor allem Patienten, die in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung zu uns kommen.

OP: Zum Abschluss vielleicht noch ein Wort zu der Frage: Was passiert danach, also dann, wenn der Klinikaufenthalt der Patienten nach OP oder Bestrahlung beendet ist.

Wittig: Wir leiten hier in der Klinik einen Teil des Nachsorgeprozesses schon ein, indem wir die Anschlussheilbehandlung in einer geeigneten Reha-Einrichtung vorbereiten. Zum zweiten können wir hier in der Klinik eine psychoonkologische Betreuung anbieten, die auch nach dem Klinikaufenthalt fortgeführt werden kann. Wenn es um Dinge wie Inkontinenz oder Impotenz geht, dann ist der niedergelassene Urologe Ansprechpartner, der auch die tumorbezogenen Nachkontrollen durchführt. In der Summe wird der Patient in keinem Fall allein gelassen. Wichtig ist, dass der Patient merkt, dass seine Nachsorge nicht mit der Entlassung aus dem Krankenhaus endet, dass man sich um ihn kümmert.

  • Das Prostatakarzinomzentrum Marburg und der interdisziplinäre Arbeitskreis Uro-Onkologie laden zu einem Patienten-Informationstag zum Thema Prostatakrebs ein. Er findet am Samstag, 24. August, zwischen 9 und 14 Uhr im Technologie- und Tagungszentrum in der Frankfurter Straße statt. Alle in die Vorsorge, Behandlung und Nachsorge eingebundenen Partner stehen für persönliche Gespräche zur Verfügung und informieren darüber hinaus in Fachvorträgen.

von Till Conrad

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