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Pro Jahr fehlen Uni sieben Millionen Euro

Uni-Finanzlage Pro Jahr fehlen Uni sieben Millionen Euro

Eine Finanzanalyse des Beratungsunternehmens "Ernst & Young" bestätigte, dass es an der Universität Marburg ein strukturelles Defizit von 7,2 Millionen Euro gibt .

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Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (von links), Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause und Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne saßen gestern gemeinsam bei der Pressekonferenz zur Finanzanalyse der Uni Marburg. Foto; Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Ministerin und die Uni-Präsidentin demonstrierten gestern gegenüber der Presse Einigkeit. „Wir stimmen darin überein, dass der Fehlbetrag von 7,2 Millionen Euro Anlass zur Besorgnis gibt und entsprechende Reaktionen erfordert“, meinen Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) und die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause. Zusammen mit dem Marburger Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne erläuterten sie gestern die Ergebnisse der Finanzanalyse, die vor einem Jahr in Auftrag gegeben worden war. Anlass war gewesen, dass im vierten Quartalsbericht der Marburger Universität Ende 2011 plötzlich ein Defizit von 29,4 Millionen Euro ausgewiesen worden war. „Das kam für uns damals sehr überraschend und wir mussten schnell überlegen, was wir tun“, sagte Kühne-Hörmann.

Das vom Ministerium und der Hochschulleitung gemeinsam beauftragte Beratungsunternehmen Ernst & Young kam jetzt in seinem Gutachten zu demselben Ergebnis wie Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne bereits in der Sitzung des Uni-Senats vom Mai 2012: Mehrere negative Einmal-Effekte abgezogen verblieb im Jahresabschlussbericht für 2011 ein strukturelles Minus von 7,2 Millionen Euro.

Mittlerweile sieht das Ergebnis zwar deutlich besser aus: Im Jahresbericht für 2012 vermeldete die Uni aufgrund einiger positiver Einmal-Effekte kaufmännisch gesehen schwarze Zahlen in Höhe von 12 Millionen Euro, berichtete die Marburger Uni-Präsidentin gestern. Doch pro Jahr fehlen immer noch 7 Millionen Euro.

Gemeinsamer Einkauf mit anderen Universitäten?

Im Senat hatte Nonne im Mai 2012 bereits eingeräumt, dass es Versäumnisse beim uni-internen Controlling gegeben habe, die zu der Ausweisung des „haushälterischen Defizits“ von fast 30 Millionen Euro geführt hätten. So habe es eine fehlerhafte Buchung von Mitteln aus dem Hochschulpakt 2020 in Höhe von 9,5 Millionen Euro gegeben. Als weitere Einmaleffekte hatte Nonne damals vor allem eine Rückstellung der Uni genannt für den Fall, dass das Land Hessen nicht die Nachzahlung von aufgrund eines Urteils des Bundesarbeitsgerichts fälligen Vergütungen in Höhe von 7,1 Millionen Euro übernehme. Schließlich gebe es mögliche Zusatzbelastungen in Höhe von 9,2 Millionen Euro wegen Uneinigkeit über die Höhe von Nachzahlungen für Leistungen des Uni-Klinikums.

Ministerin Kühne-Hörmann rügte gestern in der Pressekonferenz das mangelhafte Controlling der Uni, das jetzt aber bereits verbessert worden sei. Die Behebung des nach wie vor bestehenden strukturellen Defizits sei ein langfristiges Vorhaben. Wie das genau geschehen soll, ist noch nicht klar. „Den Tanker Philipps-Universität effizient zu machen, das ist eine sportliche Aufgabe“, sagte Kühne-Hörmann. Die Ministerin betonte aber auch, dass die Ausgaben der Philipps-Universität für die Uni-Verwaltung und das Hochschulrechenzentrum nicht über dem Durchschnitt der übrigen hessischen Universitäten lägen. Das habe die Finanzanalyse eindeutig ergeben.

„Ernst & Young“ machte in mehreren Handlungsfeldern Vorschläge für eine ­Verringerung des Defizits. Vor allem die Gebäudestruktur der Universität mit vielen alten und immer noch weit über die Stadt verstreuten Gebäuden wird als Belastung für den Haushalt ausgemacht. So lautet eine zentrale Idee, die Immobilienbewirtschaftung der Marburger Universität bedarfs- und funktionsgerechter zu machen. Dabei sieht Kühne-Hörmann die Uni Marburg bereits auf einem guten Weg beispielsweise mit der Strategie, durch den Neubau der zentralen Uni-Bibliothek die Zahl der über ganz Marburg verteilten Bibliotheksstandorte deutlich zu verringern.

Ein weiterer Vorschlag: Bei bestimmten Warengruppen wie Laborbedarf und Chemikalien sowie der Hardware für die Datenverarbeitung könnten durch den gemeinsamen Einkauf mit anderen Universitäten günstigere Einkaufspreise erzielt werden. In vielen anderen Bereichen gebe es diese Einkaufsgemeinschaften aber schon. Die nicht ausreichend finanzierten „Sondertatbestände“ der Uni wie der Botanische Garten oder das Schloss, die nicht zum Kerngeschäft der Uni gehören, sind laut „Ernst & Young“ auch ein Grund für das strukturelle Defizit. Auch die Struktur und das Leistungsangebot der Uni-Werkstätten und der Uni-Sekretariate soll auf den Prüfstand kommen, schlägt „Ernst & Young“ vor. „Es ist nicht ersichtlich, dass manche Fachgebiete an der Universität ganz ohne Sekretariate auskommen müssen, während es in anderen Fachgebieten pro Professur eine Sekretärin gibt“, machte die Uni-Präsidentin klar. Sie betonte, dass das strukturelle Defizit die Uni deswegen belaste, weil das Uni-Präsidium aufgrund der hohen Fix-Ausgaben für Personalkosten geringe Flexibilität in Sachen Haushalt habe. Durch die jetzt vorliegende unabhängige Überprüfung fühlt sich Krause bestätigt. „Jetzt ist alles qualitätsgeprüft durchgerechnet“, freute sie sich. So habe die Analyse dazu geführt, dass die Sichtweise des Ministeriums und des Präsidiums nun zu große Teilen identisch sei. Die jetzt vorgeschlagenen Wege könnten mittelfristig zu einer Verbesserung der Finanzsituation führen, sagte Krause.

Universität war niemals zahlungsfähig
Der Marburger Wirtschaftswissenschaftler Professor Sascha Mölls, im Auftrag des Uni-Präsidiums und des Uni-Senats Mitglied der Lenkungskommission für die Erstellung der Finanzanalyse, erläuterte im Senat die Ergebnisse des Berichts der unabhängigen Beraterfirma „Ernst & Young“. Der Hauptgrund für das Ende 2011 aufgetauchte Defizit in Höhe von 29,4 Millionen Euro sei gewesen, dass es sich dabei um die für den Jahresbericht der Uni vorgeschriebene Betrachtungsweise eines handelsrechtlichen Ergebnisses gehandelt habe, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler. Dabei sei es aber nicht nur um die Darstellung von Einnahmen und Ausgaben  gegangen, wieviel die Universität in der Kasse gehabt habe. Die Universität war niemals zahlungsunfähig“, betonte Mölls.
Uni-Senator Professor Ulrich Wagner (Demokratische Initiative) zeigte sich erleichtert über das Ergebnis der Finanzanalyse. „Es gibt einen Konsens, dass es ein strukturelles Defizit gibt, und dass das Ganze nicht ein Riesen-Rechenfehler in der Uni-Verwaltung oder das Verschlampen von Geldern war“, sagte Wagner. Jetzt sei auch im Wissenschaftsministerium klar, dass es bei den Immobilien und Liegenschaften Probleme gebe und dass nicht irgendwo Geld verschwunden ist. Nicht ganz so zufrieden zeigte sich Uni-Senator Professor Siegfried Bien (Unabhängiger Hochschullehrer), für den die Erkenntnisse aus dem Bericht eher eine Art „Beruhigungspille“ war, wie er sagte. Denn unabhängig von der genauen Höhe des Defizits der Marburger Universität sei es immer noch eine gewaltige Summe in Millionenhöhe, die die Marburger Universität zu wenig habe. Diese Sorge konnte Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause nachvollziehen. „Wir haben uns sehr angestrengt, alle Fachbereiche und die zentralen Bereiche beim Budget so zu beteiligen, dass das Ziel erreicht wird, mit dem vorhandenen Geld auszukommen“, sagte die Präsidentin.
Dabei sei jedoch das Ziel, das strukturelle Defizit in Höhe von 7 Millionen Euro pro Jahr zu reduzieren, in diesem Jahr nicht erreicht worden. Denn an verschiedenen Stellen seien die Kosten wieder größer als erwartet gewesen, was besonders die Energiekosten anbelangt habe. Dieses sei ein Anlass zur Besorgnis für die kommenden Jahre.
Die Uni-Präsidentin betonte, dass man zur Behebung des strukturellen Defizits der Marburger Universität einen Weg finden müsse, um bestimmte Kosten für Betriebs- und Energiekosten besser im Finanzierungssystem des Landes für die Universität abzubilden.
„Hat das Ministerium die Uni Marburg jetzt als Sondertatbestand anerkannt?“, fragte Uni-Senator Professor Frank Königs (Demokratische Initiative). Auf diese Frage sagte die Präsidentin, dass von der Ministerin aufgrund der Finanzanalyse immerhin zum ersten Mal der von der Uni-Leitung schon länger behauptete Sonderstatus Marburg im Bausektor im Vergleich mit den anderen hessischen Universitäten anerkannt worden sei.

von Manfred Hitzeroth

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