Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Präventions-Theater gegen sexuellen Missbrauch

"Mein Körper gehört mir" Präventions-Theater gegen sexuellen Missbrauch

Schüler der Waldschule lernen im Rahmen eines Projektes, sexuelle Gewalt zu erkennen, sie zu benennen und sich dagegen zu schützen. Ein Projekt, das allen Beteiligten Mut abverlangt - Eltern, Kindern und Lehrern.

Voriger Artikel
Schwarm-Alarm versetzt Dorf in Aufruhr
Nächster Artikel
Landes-Zuschuss für Reichwein-Schule

Kinder stark machen - das haben sich Tobias Klös und Inga Blix auf die Fahne geschrieben.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. „Penis“ sagt der Schauspieler auf der Bühne. Stille im Publikum. Kein Kichern. Keine Regung. Schweigen. Ungewöhnlich. Schließlich sind die Zuschauer gerade einmal zehn Jahre alt. Ein Alter, in dem das Wort „Penis“ normalerweise verschämte Lachanfälle auslöst. Die Schüler der Klasse 4b der Waldschule aber, die verziehen keine Miene. Sollte ihnen diese direkte Sprache unangenehm sein, dann zeigen sie es nicht.

Sie starren gebannt auf die Bühne. Dort hat sich der Schauspieler Tobias Klös gerade mit Hilfe einer Baseball-Kappe in einen Schuljungen verwandelt. Einen, der ihre Sprache spricht. Einen, der von seinem Bruder angefasst wird. Am Penis. Da, wo er es nicht will. Ein Junge, der sich den Erwachsenen in seinem Umfeld anvertrauen will und der die Erfahrung macht, dass ihm nicht geglaubt wird. Immer und immer wieder scheitert er. Bei der Mutter, dem Vater eines Freundes, dem Fußballtrainer. Die Kinder der 4b merken schnell: es gibt Momente, in denen das Wort Penis gar nicht mehr so lustig klingt.

Mit dem Theaterstück „Mein Körper gehört mir“ nimmt die Waldschule in Wehrda an einem Großprojekt teil. Insgesamt drei Mal in Folge kommen die beiden Schauspieler Inga Blix und Tobias Klös in die Klassen, um den Schülern dabei zu helfen, ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu vermitteln.

Kinder sollen Warnzeichen erkennen können

Die beiden Schauspieler schlüpfen in verschiedene Rollen, sind mal Opfer, mal Täter, mal Kind, mal Erwachsener. Immer sind sie aber Ansprechpartner für die Kinder. Die Theaterbesuche bauen aufeinander auf. Die Schauspieler arbeiten nicht mit Angst, sondern mit Offenheit. Sie spiegeln die Gefühlswelt eines Kindes wieder, das eine Situation nicht einordnen kann. Das sich vielleicht unbehaglich fühlt, es aber nicht zu sagen traut.

Spielerisch gehen sie vor. Vorsichtig. Aber auch schonungslos offen. Die Botschaft hinter den kurzen Theatersequenzen bleibt immer gleich: „Mein Körper gehört mir allein. Du bestimmst über deinen und ich über meinen.“ Kindgerecht verpackt wird diese Aussage in ein Lied.

Das Theaterprojekt, das vom Kinderschutzbund begleitet wird, soll nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern sensibilisieren. Auch sie sollen Warnzeichen erkennen und lernen, das Thema Sexualität offen anzusprechen. Sollen ihren Kindern zuhören und Sicherheit vermitteln. „Wir wollen unbedingt versuchen das Projekt zu etablieren. Ziel sollte sein, dass jedes Kind im Laufe seiner Grundschulzeit einmal an dem Projekt teilnehmen kann“, erklärt Lehrerin Julia Rewicki.

Drei Fragen

„Die Offenheit, mit denen hier mit den Kindern geredet wird, die hat mich beeindruckt“, so die Pädagogin weiter. Sie weiß, wie schwer es für die Zehnjährigen manchmal ist, eine Situation richtig zu deuten. „Ich bin immer wieder irritiert, wie wenig Vorstellung die Kinder davon haben, was passieren kann“, sagt sie. Chatten mit Fremden - keine Seltenheit in Zeiten von WhatsApp und facebook. Das Gefahrenbewusstsein sei oftmals nicht vorhanden.

Drei Fragen, so Inga Blix und Tobias Klös, sollen sich die Kinder immer stellen, wenn sie sich in einer Situation wiederfinden, die sie nicht einordnen können.

Hab ich ein Ja- oder Nein Gefühl? Mit anderen Worten: Fühlt sich das, was ich tue oder was von mir verlangt wird zu tun, richtig an? Eine Pizza - die löst ein Ja-Gefühl aus. Eindeutig. Pizza mit einem Fremden essen hingegen - da wird es schon schwerer.

Weiß jemand, wo ich bin?

Bekomme ich Hilfe, wenn ich sie brauche?

Wird auch nur eine der Fragen mit Nein beantwortet, so Inga Blix, dann ist Vorsicht geboten. Das Bauchgefühl, erklärt die Theaterpädagogin, lügt nicht.

Die Schüler der Klasse 4b hören zu und arbeiten mit. Sie haben die Schauspieler in den vergangenen Wochen kennengelernt. Wissen, dass sie alles fragen, dürfen, ohne sich schämen zu müssen. Der offene Umgang mit dem Thema Sexualität scheint sie mutig gemacht zu haben. Tabus sind aufgelöst, verschämtes Kichern abgestellt.

Das ,,Körper-Lied“

Auch Dorothee de la Motte hat diese Entwicklung beobachtet. Als Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes steht sie den Schülern nach jeder Aufführung für weitere Fragen als Ansprechpartnerin zur Verfügung. „Es ist uns wichtig, dass die Kinder wissen, wo und wie sie Hilfe suchen können, wenn etwas passiert ist. Wir wollen mit diesem Projekt helfen, die Kinder stark zu machen und ihnen Wege aufzeigen, wie sie mit einer solchen Situation umgehen können, ohne das Thema zu dämonisieren. Wie sollen keine Scheu habe in Worte zu fassen und zu benennen, was sie erlebt haben.“

Und so benennen sie. Unbeirrt. Ohne falsches Schamgefühl. Und singen ihr „Körper-Lied“. Lauthals - als solle es die ganze Welt hören. „Mein Gefühl das ist echt. Mein Gefühl hat immer Recht. Nein zu sagen, stark zu bleiben ist oft schwer. Doch ein Nein-Gefühl sagt mir: ich will das nicht mehr!“

Hintergrund:

„Mein Körper gehört mir“ ist ein Projekt der „Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück“. Mehr als 80 Schauspielpaare reisen durch ganz Deutschland, um das Theaterstück zu präsentieren. Auch das Theater Gegenstand aus Marburg beteiligt sich mit einem Schauspiel-Duo an diesem Präventionsprojekt.

Das Projekt an der Waldschule konnte in Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbund, der Firma Pharmaserv und einer Spende der Soroptimisten realisiert werden.

Interesse geweckt? Nach der Sommerpause ist das Schauspiel-Duo für Auftritte buchbar. Kontakt über den Deutscher Kinderschutzbund, Orts- und Kreisverband Marburg-Biedenkopf, Tel. (06421) 67157.

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr