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Pop-Dschihadisten erobern die Szene

Salafismus Pop-Dschihadisten erobern die Szene

Der Salafismus wächst rasant, immer mehr junge Europäer reisen nach Syrien, wollen an der Seite der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) kämpfen. Islam-Experten warnen vor Panik, raten aber zu Wachsamkeit.

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ARCHIV - Anhänger jubeln am 20.04.2011 in der Innenstadt von Frankfurt am Main dem salafistischen Prediger Pierre Vogel zu.

Quelle: Boris Roessler

Bonn. Sie tragen bunte Shirts mit Muslim-Superman-Emblem, verteilen auf deutschen Schulhöfen Prospekte an Mädchen mit dem Titel „O Schwester, bedecke Dich“ und verbreiten im Internet Bilder, auf denen bärtige Männer mit Käppchen Weihnachtsmänner mit der Faust umhauen. Die deutsche Salafistenszene wandelt sich. Interview mit Marburger Islamwissenschaftler

In den Medien ist der Prediger und Ex-Boxer Pierre Vogel einer ihrer bekannten Vertreter, kürzlich trat er in Offenbach auf. Vogel ist in der Öffentlichkeit zwar präsent, aber unter den Salafismus-Anhängern hat er nicht wirklich was zu sagen. Die wirklichen Drahtzieher verhalten sich so unauffällig wie möglich - um den Blick des Verfassungsschutzes auszuweichen.

Das sagt Claudia Dantschke, Berliner Islamismus-Expertin, auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Dantschke leitet unter anderem die Beratungsstelle „Hayat“, in der Angehörige islamistisch orientierter Jugendlicher betreut und beraten werden.

"Ramadan-Muslime" besonders anfällig

„Es brodelt in der Szene”, erklärt sie. ISIS und der Syrien-Krieg haben Bewegung in die deutschen Gruppen gebracht. Die neue Generation der Salafisten ist radikal und bedient sich gleichzeitig moderner Medien, produziert Endzeit-Filme mit Szenen aus US-Katastrophen-Blockbustern, kleidet und stylt sich bewusst islamistisch.

Radikale Pop-Dschihadisten haben Einfluss und faszinieren Jugendliche, sagt Dantschke. Besonders anfällig für den „Heiligen Krieg“, Dschihad, sind laut Experten wie Dantschke „Ramadan-Muslime“ - das Pendant zu Weihnachts-Christen - das heißt Jugendliche, die gar nicht streng religiös erzogen wurden.

Experten warnen vor Panik, Dr. Guido Steinberg, Islamismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, rät zu einer „Mischung aus Wachsamkeit und Gelassenheit“. Steinberg betont: „Die öffentliche Gleichsetzung von Salafisten und Terroristen ist falsch.” Nur ein Teil der Salafisten ist gewaltbereit, der Großteil übt seine Religion friedlich aus.

Salafismus als Protestform

Steinberg ist der Ansicht, dass viele Jugendliche in Deutschland sich dem Salafismus anschließen, weil sie dies als Protestform entdeckt haben. „Wie es in Bonn cool ist, Salafist zu sein, ist es in Jena cool, Nazi zu sein“, so der derzeit in den Medien häufig zitierte Islam-Wissenschaftler. 6000 Personen in ganz Deutschland sind Anhänger des politischen Salafismus. Etwa 850 von ihnen gehören dem militanten Spektrum an.

Um an die Gewaltbereiten heranzukommen, müsse man das größere, friedliche, Sympathieumfeld „neutralisieren“, so Steinberg. Ein junger Imam aus Berlin, Ferid Heider, erklärt, dass sich Jugendliche erst recht radikalisieren, wenn sie merken, dass viele Deutsche nicht differenzieren können und sie aufgrund ihrer Herkunft als Radikale wahrnehmen - der Schritt zur Abgrenzung fällt ihnen leichter.

Die Polizei wendet Präventionsmethoden ähnlich wie bei der Thematik Rechtsextremismus an. Wissenschaftler, Beamte und Sozialarbeiter sind sich einig: Es muss noch mehr getan werden, um die radikale Minderheit früh genug zu erkennen. Abu Adam, Prediger und Islamwissenschaftler, fordert eine bessere Ausbildung der Imame in Deutschland.

Gefahr durch Rückkehrer

Den gänzlich falschen Weg, so Dr. Michael Kiefer, Islamwissenschaftler der Uni Osnabrück, beschritt kürzlich die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt-Gallus. Sie schloss dort zwischenzeitlich ihr Jugendhaus - nach Drohungen mutmaßlicher Salafisten. Eine Schließanlage mit Kamera soll nun verhindern, dass radikale Muslime erneut Sozialarbeiter bedrängen können.

Vor Extremismus einknicken - das dürfen Pädagogen nicht, sagt Kiefer. Radikale Jugendliche, die zum „Heiligen Krieg“ fahren, geraten in jüngster Zeit durch den Krieg in Syrien an die Öffentlichkeit: 500 junge Deutsche sind nach Syrien ausgereist, zirka 25 wurden getötet, 100 sind bereits zurückgekehrt. Steinberg erklärt: „Die Gründung des Kalifats wird einen enormen Rekrutierungsschub in Deutschland bringen.“

Die Angst vor den Folgen des syrischen Kriegs für Deutschland konzentriert sich bei den Sicherheitsbehörden derzeit vor allem auf die Rückkehrer.

Denn sie kehren noch radikaler und mit einer Kampfausbildung zurück - und sie sind vom Krieg traumatisiert. Diejenigen, die noch zurückkehren sind daher eine Herausforderung für die Sicherheitskräfte aber auch für die Zivilgesellschaft, sagt Claudia Dantschke. Das bestätigt auch Burkhard Freier, Chef des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen. „Als Sicherheitsbehörde bekämpfen wir das Symptom, nicht die Ursache“, sagt er.

von Anna Ntemiris

Salafismus

Salafismus wird häufig als Synonym für radikalen und militanten Islamismus sunnitischer Prägung verwendet. Dabei stellt der Salafismus lediglich eine bestimmte Strömung innerhalb eines Spektrums des politischen Islam dar, der weiterhin von der Muslimbruderschaft und ihren Ablegern dominiert wird. Salafisten orientieren sich an „den frommen Altvorderen („al-salaf al-salih“), den Gefährten des Propheten Mohammed und ihren Nachfahren, die nach ihrer Ansicht ein besonders gottgefälliges Leben führten. Daher kleiden sie sich zum Beispiel so wie sich die Nachfahren Mohammeds damals angeblich kleideten.Es gibt drei Haupttypen salafistischer Gruppierungen:
1. Die Puristen, 2. Die politisch-missionarischen Salafisten, 3. Die salafistischen Dschihadisten. Während die  ersten beiden Gruppen in erster Linie Missionierungsarbeit betreiben, streben Dschihadisten den gewaltsamen Umsturz politischer Systeme an. Manche Dschihadisten (Al-Qaida) bekämpfen vor allem den Westen, andere wollen eigene Herrschaftsgebiete etablieren (ISIS, Taliban) und konkurrierende islamische Strömungen bekämpfen.
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Muslime stärken, um Radikale zu schwächen

Im OP-Interview warnt Dr. Achim Rohde vom Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität vor Alarmismus.  Der Islamwissenschaftler lehrt auch am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg.

OP: Junge Männer, die T-Shirts mit Muslim-Superman-Emblem tragen, Hasspredigten im Internet schauen und sich einen langen Kinnbart wachsen lassen:  Haben wir immer mehr  potenzielle Dschihadisten unter uns ?

Dr. Achim Rohde: Nach Leuten zu suchen, die bestimmte Sachen  tragen, finde ich albern. Viele Extremisten verhalten sich so, dass sie eben nicht auffallen. Der Pop-Dschihadismus will häufig nur provozieren. Ich warne vor Alarmismus. In Deutschland leben vier Millionen Muslime, nur eine sehr kleine Minderheit von ihnen träumt vom Dschihad. Das darf man nicht vergessen.

OP: Was muss getan werden, um den Extremisten das Wasser abzugraben?

Rohde: Man kann mit den vorhandenen Strafverfolgungsmitteln die Szene gut überwachen. Um die – sehr begrenzte – Attraktivität von Dschihadisten einzudämmen, benötigt man keine Repressionen. Man muss die etablierten islamischen Gemeinden und Verbände stärken, denn die sind meistens finanziell schlecht aufgestellt. Sie sind es, die ihre Mitglieder einschätzen und Einfluss auf sie einüben können.  Man sollte zivilgesellschaftliche Organisationen  und Vereine aus dem muslimischen Spektrum fördern und mit ihnen kooperieren, anstatt sie als potentielle Extremisten unter Generalverdacht zu stellen. Offene Kulturzentren  mit transparenten Regeln leisten Präventionsarbeit. Die Imame müssen gut ausgebildet sein, daher sollte die Ausbildung von islamischen Theologen an deutschen Unis ausgebaut werden.Und es müsste mehr Programme für Aussteiger aus radikalen islamistischen Szenen geben, da ist Großbritannien schon viel weiter als Deutschland. Grundsätzlich sollte die Institutionalisierung des Islam in Deutschland vorangetrieben werden. Hamburg schloss als erstes Bundesland einen Staatsvertrag mit muslimischen Verbänden ab. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es geht um Gleichbehandlung von Muslimen mit Vertretern anderer Religionen.

OP: Im Irak haben Dschihadisten ein Gebiet erobert, das so groß ist wie Jordanien. Abu Bakr al-Baghdadi hat dort das Kalifat ausgerufen und sich selbst zum Kalifen aller Muslime  ernannt. Wie mächtig ist das Kalifat?

Rohde: Das Kalifat ist chancenlos. Alle namhaften sunnitischen Theologen auf der Welt, sogar andere dschihadistische Prediger,  erkennen es nicht an. Dennoch: Dort ist ein Pulverfass entstanden.  Die IS-Terrorgruppe hat jetzt eine eigene materielle Basis, ist wirtschaftlich unabhängig geworden, weil sie Ölfelder eingenommen hat und  Ölhandel betreibt. Vermutlich bekommen die Kämpfer auch Geld von saudischen Sympathisanten und logistische Unterstützung aus der Türkei. Aber diese sind nicht so dick im Geschäft, dass sie IS etwas vorschreiben können. IS agiert eigenständig und ist wie eine Mafia organisiert.

OP: Woher kommen die IS-Anhänger?

Rohde: Das ist ein ganzes Sammelbecken. IS rekrutiert sich aus Menschen, die Kampf-Erfahrung in Afghanistan und anderswo haben. Aber auch aus allen möglichen Ländern kommen Sympathisanten. Das sind nicht immer religiös überzeugte oder konvertierte Menschen, manche sind auf einem Identitätstrip oder wollen einfach nur Gewalt ausüben, haben zum Teil schon eine kriminelle Vergangenheit. Andere sind in ihren Heimatländern zuvor nie aufgefallen.

von Anna Ntemiris

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