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Polizisten überprüften 130 Radfahrer

Kontrolle mit dem Fahrrad Polizisten überprüften 130 Radfahrer

In der vergangenen Woche kontrollierte die Polizei Marburg verstärkt Radfahrer – der Gleichstellung wegen waren die Polizisten dabei selbst mit dem Rad unterwegs.

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Polizeioberkommissar Thomas Korbmacher kontrolliert die Verkehrstüchtigkeit eines Rads.

Quelle: Freya Altmüller

Marburg. Der Polizeibeamte Tobias Decher hält einen Radfahrer an. Der blonde Mann fährt unerlaubter Weise auf dem Gehweg in der Bahnhofstraße. Decher holt ein Formular hervor, um sich die Personalien des Mannes aufzuschreiben.

„Haben Sie ein Ausweisdokument dabei?“ – „Nein.“ „Vorname?“ – „Edvard.“ – „Eduard?“, fragt der Polizist. Kurzes Zögern. „Nein, Edvard.“ Als der Vordruck fertig ausgefüllt ist, greift Decher zu seinem Handy. Ein Kollege soll die Personalien überprüfen.

Es ist der vierte Tag in dieser 
Woche, in der Decher und 
seine Kollegen vom Regionalen Verkehrsdienst des Landkreises Radfahrer kontrollieren. Aber es ist das erste Mal, dass einer stiften geht.
Während der blonde Mann dieser Zeitung die Auskunft gibt, er sei Student und habe gewusst, dass man nicht auf dem Gehweg fahren darf, wirkt er unruhig.

Personalien waren komplett ausgedacht

Plötzlich schwingt er sich aufs Rad und rast über die rote Fußgängerampel Richtung Elisabethstraße davon. Thomas Korbmann, Polizeioberkommissar, nimmt auf seinem Fahrrad die Verfolgung des Mannes auf.

Kollege Decher hat inzwischen Auskunft von seinem Kollegen am Telefon: „Die Personalien sind komplett ausgedacht.“ Decher ist verärgert. „Dass einer so gut trickst, kommt nicht oft vor. Da steckt schon ein relativ 
hohes kriminelles Potenzial 
dahinter.“ Korbmann kommt kurz darauf erfolglos zurück.

35 Euro hätte es den angeblichen Studenten gekostet, die Zeichen und Weisungen der 
Beamten zu missachten, 15 Euro das Fahren auf dem Gehweg. „Gehwegbenutzung mit Behinderung“ heißt diese Ordnungswidrigkeit. Wer andere Fußgänger nicht nur behindert, sondern gefährdet, sodass sie zur Seite springen müssen, oder schädigt, indem er sie rempelt, zahlt mehr.

Ab zehn Jahren muss auf der Straße gefahren werden

Decher hat den nächsten Radfahrer auf dem Gehweg entdeckt. Er geht auf einen Jungen zu. Zwölf Jahre ist er alt, ab zehn Jahren hätte er auf der Straße fahren müssen. „Ich bin schon mal fast angefahren worden“, erklärt der Junge. Der 
 Polizeibeamte fordert ihn auf, abzusteigen und belässt es bei einer mündlichen Verwarnung.

Bei Kindern machen er und seine Kollegen die einzigen Ausnahmen. Es komme immer wieder vor, dass Leute darum bitten würden, ein Auge zuzudrücken, erklärt Korbmacher. „Der Lerneffekt ist größer, wenn man zahlen muss, als wenn man denkt, ich bin ja noch mal davongekommen.“

Katrin Semler, Inhaberin eines Juweliers in der Bahnhofstraße und Anwohnerin, hat den Lerneffekt durch die letzten Kontrollen, auch die des Ordnungsamtes, schon bemerkt. „Es ist ruhiger geworden“, erklärt sie. Immer öfter sehe sie Menschen ihr Rad auf dem Gehweg in Richtung Bahnhof schieben.

Die Radler, die erwischt wurden, seien überwiegend einsichtig gewesen, wird es später in der Pressemitteilung der Polizei heißen. Das gilt allerdings nicht für alle.
Ein Mann mit Kopfhörern fährt langsam die Bahnhofstraße entlang. Decher ruft, rennt hinterher. Erst als er neben dem Mann steht, hält der an. „Gehör durch Geräte beeinträchtigt“, 20 Euro. „Autofahrer hören auch Musik“, argumentiert der Student.

Radfahren mit Kopfhörern ist nicht erlaubt

Decher erklärt, er dürfe eine Musikanlage am Fahrrad anbringen. Mit Kopfhörern bekomme er jedoch nicht mit, wenn ein Auto heranfahre oder zum Überholen ansetze. „Aber Sie haben nicht gewusst, wie laut die Musik bei mir war“, entgegnet der 29-Jährige. „Ich finde nicht, dass ich ordnungswidrig gehandelt habe.“

Er gibt seine Argumente schriftlich zu Protokoll. Später wird das Regierungspräsidium Kassel darüber entscheiden. „Es ist sicherer, wenn Sie mit Helm fahren“, sagt Decher zum Abschied.
„Radfahrer sind auf der Straße die schwächeren Verkehrsteilnehmer“, erklärt der Polizist.

Wenn sie offensiv unterwegs seien, komme es schnell zu kritischen Situationen. Zu ihrer eigenen Sicherheit sollten sie daher auch mal auf Vorrang oder Vorfahrt verzichten. Bei rund 80 Prozent der Unfälle im Jahr 2015 im Landkreis, in denen Radfahrer beteiligt waren, erlitten sie leichtere oder schwere Verletzungen.

In 59 Prozent dieser Unfälle 
waren sie selbst nicht die Hauptursache. An der Gesamtzahl der Unfälle hatten die Radfahrer jedoch nur einen geringen Anteil. Von 4 485 Unfällen im Landkreis waren sie an 99 beteiligt. Das entspricht 2,2 Prozent.

Die Fahrradkontrollen gehören zum Verkehrssicherheitskonzept der Polizei. Von den vergangene Woche an vier Tagen insgesamt 130 angehaltenen Radfahrern mussten 69 eine Strafe zahlen. Überprüft wurde auch die Verkehrssicherheit der Fahrräder: Funktionierende Bremsen, Klingel und Licht sind Pflicht. „Jetzt ist es ja hell, ich brauche ja kein Licht“, argumentierten viele, berichtet Korbmacher.

„Ich frage dann, ob das Licht eines Autos funktionstüchtig sein muss.“ Gleiches gelte auch für Fahrräder. Wer mit Mountainbike oder Rennrad im Straßenverkehr fahre, müsse auch tagsüber eine zugelassene Batterie- oder Akkuleuchte mit sich führen. Zudem brauche er anklippbare Speichenreflexstäbchen oder Reifen mit Reflektorstreifen, ergänzt der Polizist.

von Freya Altmüller

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