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Polizisten tragen Besetzer hinaus

Augenklinik-Besetzung Polizisten tragen Besetzer hinaus

Die Besetzung der Augenklinik ist beendet. Auf den Großeinsatz der Polizei reagierten die Besetzer friedlich, aber teilweise mit passivem Widerstand.

Marburg. Kurz vor 14 Uhr spitzte sich gestern Nachmittag die Lage rund um das besetzte Haus der ehemaligen Uni-Augenklinik zu: Eben noch hatte eine Sprecherin den Vertretern von Presse und Fernsehen erläutert, dass es doch noch ein überraschendes Verhandlungsangebot von Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne gebe, da fuhr wenige Minuten später plötzlich eine Kolonne von Einsatzwagen vor. Die ersten beiden Wagen bogen in den Innenhof ein, wo sich rund 100 Besetzer und Sympathisanten versammelt hatten. Einige Uniformierte stiegen aus und schoben zwei als improvisierte Barrikaden aufgestellte Müllcontainer zur Seite. Dabei wäre es kurzfristig fast zu einem Handgemenge mit den Besetzern gekommen.

Doch die vorwiegend aus Studierenden bestehende Gruppierung blieb bei ihrer Linie, im Fall eines Polizeieinsatzes keinen aktiven Widerstand zu leisten und auf körperliche Gewalt zu verzichten. So drangen schnell mehrere Polizisten in das Gebäude ein, wo sich in einem Raum im Erdgeschoss noch rund 20 Besetzer aufhielten. Diese hatten bereits vorher angekündigt, sich im Fall einer polizeilichen Räumung notfalls heraustragen zu lassen.

Kurze Zeit nach dem Aufmarsch der Polizei kam auch Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne an den Ort des Geschehens, rund zwei Stunden nachdem bereits Rechtsdezernats-Leiter Volker Drothler an die Besetzer die schriftliche Räumungsandrohung verteilt hatte.

Im Gespräch mit zwei Sprechern der Besetzer machte Nonne deutlich, dass es sich bei der Meldung über das überraschende Verhandlungsangebot um die falsch verstandene Interpretation eines Telefonats gehandelt habe. Nonne sagte dann, dass der Prozess der Räumung durch die Polizei nicht mehr rückgängig gemacht werden könne. Denn es gebe schon „starke Gründe“ aus Sicht der Uni-Leitung, auf der Räumung zu bestehen.

Bierstube „Zum GoldenenSachzwang“ geschlossen

So habe sich die „technische Situation“ so dargestellt, dass der Aufenthalt in den Gebäuden sich für die Besetzer als gefährlich erweisen könne. Es gebe konkrete Risiken in bezug auf die Wasserqualität in stillgelegten Wasserleitungen, den Brandschutz oder offen liegende Elektrokabel. Die Räumung sei auch erforderlich, um den zeitgerechten Fortgang der bereits begonnenen Umbauarbeiten nicht zu gefährden. Aus Sicht der Uni-Leitung hatte es keine Chance gegeben, zu klaren Absprachen mit den Besetzern zu kommen.

Diese hatten zwischenzeitlich das Angebot einer Duldung bis Ende dieser Woche, unter der Maßgabe, dass Mitarbeiter der Uni-Verwaltung den Zustand des Gebäudes kontrollieren konnten, in einem „Offenen Brief“ abgelehnt. Im Gegenzug zeigten sich auch die Besetzer enttäuscht über die Uni-Leitung. „Wir waren sehr überrascht, als wir heute die Räumungs-Ankündigung bekamen“, sagte Karla vom Presseteam der Besetzer im Gespräch mit der OP. Dabei sei die Gruppe eigentlich nach einigen gelungenen Kulturaktionen am Sonntagabend sehr optimistisch gewesen. „Wir wollten gerne mit der Uni verhandeln“, sagte sie. Die plötzliche Ankündigung der Räumung habe alle überrascht. Weitere Aktionen zu den Missständen in der Marburger Wohnungspolitik werde es aber auf jeden Fall geben. „Die Räumung durch ein massives Polizeiaufgebot ist keine angemessene Antwort auf die Thematisierung dieser wichtigen politischen und sozialen Fragen“, sagte Philipp Salomo (Bettenhaus).

Wegen der angekündigten Räumung des Gebäudes durch die Polizei kam es gestern kurz vor Mittag noch schnell zu einer Aufräumaktion im Gebäude der früheren Augenklinik. Auch das „Bierstübchen zum goldenen Sachzwang“, das im Innenhof eingerichtet war, wurde wieder geschlossen.

Bei den verbliebenen 14 Besetzern, die nicht freiwillig gehen wollten, wurden von der Polizei die Personalien festgestellt. Dann wurden sie einzeln jeweils von zwei Bereitschaftspolizisten über den Haupteingang der ehemaligen Klinik herausgetragen - unter großem Jubel der übrigen Besetzer und Sympathisanten. Dabei skandierte die Menge Slogans wie „Kein Tag ohne autonomes Zentrum“. Gegen 15 Uhr erklärte dann ein Sprecher der Polizei unter ablehnenden Gejohle die Räumung des Gebäudes für beendet.

von Manfred Hitzeroth

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