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Polizist: Ex-Prostituierte „hatte Angst, bat um Hilfe“

Bordell-Prozess Polizist: Ex-Prostituierte „hatte Angst, bat um Hilfe“

Auch am vierten Verhandlungstag stand unter anderem die zweifelhafte Aussage eines langjährigen Bekannten der drei Bordell-Mitarbeiter auf dem Programm.

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Im Bordell-Prozess prüft das Gericht die Glaubwürdigkeit der Zeugen.

Quelle: Archiv

Marburg. Während seiner polizeilichen Vernehmung hatte der Zeuge wortwörtlich von einer „Strafe“ in Höhe von 10.000 Euro gesprochen, die Aussage jedoch vor Gericht zurückgenommen. Die erste, angeblich falsche Information erklärte der Zeuge mit der Einnahme von Medikamenten. Er sei durch den Einfluss von Schmerztabletten „neben der Spur“ gewesen. „Diesen Eindruck hatten wir nicht“, teilten die Polizisten auf Nachfrage des Gerichts mit. Eine Einnahme von Medikamenten habe der Zeuge nicht erwähnt, wirkte „absolut vernehmungsfähig“.

Der Geschädigte sprach mit den Polizeibeamten scheinbar „ruhig und sachlich“ über die angeblichen Gewalttaten. Laut seiner Aussage sei er von seinem Ex-Chef „massiv angegangen worden“ – angeblich weil er seine damalige Lebensgefährtin zur Arbeit in einem anderen Bordell anhielt, „ohne entsprechende Erlaubnis“, so ein Zeuge. Als Wiedergutmachung und zum „Freundschaftspreis“ forderte der Angeklagte die Summe ein.

Verletzungen durch „kräftige Schläge

Auch die Prostituierte soll mit Gewalt und an den Haaren in das Büro gezerrt worden sein, so die polizeiliche Aussage der Frau. Ihr erteilten die Angeklagten angeblich ein Arbeitsverbot in Marburg. Beide vermeintlich Geschädigten sollen an diesem Abend „geschlagen und beschimpft“ worden sein.

Die erheblichen Gesichtsverletzungen des Geschädigten wurden chirurgisch behandelt, die Jochbein- und Jochbogen-Frakturen in mindestens zwei Operationen gerichtet, bestätigte eine der Ärztinnen vor Gericht. Die Wunden entstanden scheinbar durch „kräftige Schläge“, wie häufig zugeschlagen oder ob das Opfer getreten worden war, konnte die Zeugin nicht bestimmen.

Auf Nachfrage der Verteidigung bestätigte sie, dass „die Fläche einer Faust prinzipiell ausreichen würde, dieses Areal zu beschädigen“. Die Angeklagten bestritten, den Geschädigten massiv geschlagen und getreten zu haben, bestätigten lediglich zwei harte Schläge ins Gesicht des Mannes.

Etwa einen Monat nach der gewaltsamen Auseinandersetzung meldete sich die ehemalige Prostituierte bei der Polizei. Telefonisch berichtete sie, dass einer der Angeklagten, ihr ehemaliger Chef, sie verfolge. Der Mann soll ihr bis auf den Parkplatz der Polizeistation nachgefahren sein. Auf die Beamten wirkte die junge Frau verängstigt, „sie hatte Angst, bat um Hilfe“, teilte einer der Polizisten mit. Als Grund für die vermeintliche Verfolgungstour vermutete sie eine Art Racheaktion, da sie nicht mehr im „Erotic Island“ arbeiten wollte.

Zeugin bleibt bei ihrer Aussage

Dem widersprach der Angeklagte erneut, begründete sein Handeln durch Neugier. Er habe die ehemalige Mitarbeiterin zufällig in der Klinik gesehen – nach einem Besuch bei dem verletzten Ex-Kollegen. Er sei der Frau ohne Hintergedanken nachgefahren. Seine Erklärung wertete der Zeuge als „sehr unglaubwürdig“, insbesondere da der Beschuldigte bis zu einer Viertelstunde auf einem benachbarten Parkplatz in seinem Auto wartete.
Verteidigung beantragt, weitere Zeugen zu laden

Einige Zeit nach der Tat sprach der Geschädigte mit dem Bordell-Angestellten über die wachsenden Behandlungskosten. Dabei soll er angeblich aggressiv geworden sein, teilte die ebenfalls anwesende Geliebte des Beschuldigten mit: „Er wollte Geld haben.“ Nachdem der Ex-Chef abgelehnt hatte, soll der Geschädigte ihm gedroht haben: „Wenn nicht, dann wirst du sehen was kommt“, sagte die Zeugin, die auch nach mehrfacher Belehrung seitens des Gerichts bei ihrer Aussage blieb.

Generell bezweifeln die Anklage wie die Verteidigung die Angaben des einen oder anderen Zeugen in dem umfangreichen Prozess. Diesbezüglich beantragte die Verteidigung weitere Zeugen zu laden – um gewisse belastende Aussagen sowie die Vorwürfe des Geschädigten zu entkräften und dessen „Gewaltbereitschaft zu belegen“, kündigte Verteidiger Dr. Andreas Hohnel an.
Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt.

von Ina Tannert

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