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Polizei geht "vom schlimmsten Fall" aus

Marktfrühschoppen Polizei geht "vom schlimmsten Fall" aus

Neuer Wirbel um das Traditionsfest: Der Verwaltungsgerichtshof in Kassel hat am Freitag vormittag entschieden, dass der Magistrat der Stadt Marburg den Marktfrühschoppen am Sonntag
genehmigen muss. Die als rechtsextrem geltenden Rheinfranken haben schon vorab Stellung bezogen: Feiern lasse sich nicht verbieten.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wir sind jahrelang ein Teil des Fests gewesen, das werden wir uns nicht nehmen lassen“, sagt Christian Balzer, Sprecher der Rheinfranken. Daher kündigt die Burschenschaft an: „Wir werden an dem Fest teilnehmen.“ Ein vorbeugendes Hausverbot gegen Rheinfranken akzeptiere man nicht - weder ausgesprochen vom Oberbürgermeister noch durch den Veranstalter. Die Ausladung durch den Marktfrühschoppenverein sei ohnehin eine Folge „der Erpressung durch rot-grüne Ideologen“. Die Faschismus- und Nazikeule zu schwingen, so der Wortlaut der Rheinfranken, sei albern. Ebenso die Angst vor Mitgliedern des Dachverbands Deutsche Burschenschaften.

Zur Entscheidung des Verwaltungsgerichts Gießen, dass die Stadt den Marktfrühschoppen genehmigen müsse, äußerte sich der Vorsitzende der Marburger FDP, Christoph Ditschler, erleichtert: „Das ist ein Sieg für Rechtsstaatlichkeit und Toleranz. Nur weil der Marktfrühschoppen nicht in die rot-rot-grüne Ideologiewelt passt, darf eine solche Traditionsveranstaltung nicht verboten werden.“ Die FDP werde an dem Fest teilnehmen, um mitzuhelfen, „aus dem Marktfrühschoppen ein Fest der Demokraten“ zu machen, ergänzte der FDP-Stadtverordnete Stefan Schartner.

Die Polizei bereitet sich indes auf einen umfangreichen Einsatz vor. „Wir rechnen mit Protesten“, sagt Martin Ahlich, Sprecher der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf. Gerade die Debatte um das Für und Wider der Teilnahme umstrittener Burschenschaften lasse die Behörden „vom schlimmsten Fall ausgehen“, ergänzt er.

Asta kündigt für Sonntag mehrere „Flashmobs“ an

Für den Allgemeinen Studierenden Ausschuss (Asta) liegt aber der Schwerpunkt darauf, im Vorfeld über den Martkfrühschoppen und die studentischen Verbindungen zu informieren. Antifaschismus-Ref erat und Antirassismus-Referat des Asta rufen deswegen zur Teilnahme an einer Demonstration auf dem Marktplatz auf, die der Deutsche Gewerkschaftsbund für Samstag, 12 Uhr, auf dem Marktplatz angemeldet hat.

Darüber hinaus sollen aber, so Asta-Vorsitzende Anne Gabrikowski, am Sonntag mehrere „Flashmobs“ stattfinden, also (scheinbar) spontane Menschenaufläufe. Wo diese Flashmobs stattfinden sollen, wollte Gabrikowski nicht verraten, deutete aber an: „sicherlich in Marktplatznähe.“

Was den Zutritt zum Fest angeht, sei in erster Linie der Veranstalter in der Pflicht, unerwünschte Gäste fernzuhalten, sagt Ahlich. Wie viele Sicherheitskräfte um den Marktplatz und in der Innenstadt postiert sein werden, soll nicht verraten werden. Nur so viel: „Gerade aufgrund der aktuellen Entwicklungen werden wir gerüstet sein“, sagt Ahlich.

Widerliche Schmäh-Mail an den Oberbürgermeister

Der Marktfrühschoppenverein hatte sich in einem Schreiben an den Oberbürgermeister offiziell von den umstrittenen Gruppen distanziert. Der Vorsitzende des Veranstaltervereins Tilman Pfeiffer betonte allerdings, dass man nicht die Gesinnung jedes Gastes kontrollieren könne und wolle, dass der Marktfrühschoppen prinzipiell allen Feierwilligen offenstehe. Das Sicherheitskonzept des Marktfrühschoppenvereins, das der OP vorliegt, sieht aufgrund der Vielzahl der Zugänge zum Markt eine zweistellige Zahl von Mitarbeitern eines privaten Sicherheitdienstes vor.

Heute wird am Verwaltungsgerichtshof in Kassel die Entscheidung über die Beschwerde der Stadt gegen das Urteil des Gießener Verwaltungsgerichts fallen, erklärte Sprecher Harald Papst gestern. Das Verwaltungsgericht hatte die Stadt verpflichtet, den Marktfrühschoppen zuzulassen.

Die Diskussion um den Martkfrühschoppen ist auch Gegenstand der Berichterstattung in der „Jungen Freiheit“, einem Leitmedium der Neuen Rechten in Deutschland. Streng nachrichtlich berichtet das Wochenblatt vom Urteil des Verwaltungsgerichts Gießen.

In einer anonymen E-Mail an Oberbürgermeister Egon Vaupel, die unterschrieben ist mit „Ein Service von jungefreiheit.de“, ziehen die Verfasser gegen die Marktfrühschoppen-Gegner vom Leder. In dem Pamphlet heißt es „Wieso sperrt man diese linken asozialen Säue nicht in die Arbeitslager zurück ...“ und „Schmeisst diese rotfaschistische Antifa raus aus Marburg.“

von Till Conrad und Björn Wisker

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