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Politische Korrektheit auf dem Prüfstand

Christian-Wolff-Vorlesung Politische Korrektheit auf dem Prüfstand

Die 17. Christian-Wolff-Vorlesung hielt der aus der Schweiz stammende israelische Philosoph und Psychologe Carlo Strenger in der Alten Aula.

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Carlo Strenger hielt die Christian-Wolff-Vorlesung in der vollbesetzten Alten Aula der Universität.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Es war die erste Christian-Wolff-Vorlesung, an der deren Initiator - der vor wenigen Wochen verstorbene Marburger Philosophie-Professor Peter Janich nicht mehr teilnehmen konnte. An die besonderen Verdienste Janichs um die Etablierung dieses publikumswirksamen jährlich ausgetragenen Vortrags erinnerte Organisator Professor Winfried Schröder zu Beginn der Veranstaltung.

Auch dieses Mal war die Alte Aula der Universität vollbesetzt: Eine bunte Mischung aus Studierenden und Bürgertum hatte sich wieder zusammengefunden. Im Gegensatz zu den Vorjahren stand dieses Mal aber kein klassischer Philosoph mit einem streng akademischen Vortrag auf dem Podium. Stattdessen ist der an der Universität Tel Aviv lehrende Philosoph und Psychoanalytiker Carlo Strenger auch ein politischer Essayist, der auch in überregional beachteten Medien wie der „Neuen Zürcher Zeitung“ mit spitzer Feder zu Werke geht.

Auch in seinem Marburger Vortrag zeigte Strenger „klare Kante“, ohne dabei seine intellektuellen Wurzeln zu verleugnen. Hinter dem leicht unverständlichen Vortragstitel „Der populistische Angriff auf die Aufklärung und die Krise Europas“ verbarg sich eine schonungslose Abrechnung Strengers mit dem aus seiner Sicht wachsweichen Verhalten des westlichen liberalen Bürgertums gegenüber den bedrohlichen Krisenszenarien der Gegenwart. Und globale Krisenanlässe gebe es genügend: vom islamischen Terrorismus über Brexit- und Eurokrise bis zu jederzeit potenziell aufflackernden Nahost-Krisen gebe es ein breites Spektrum - zynischerweise auch das tägliche Brot für die „Krisen-Kommentatoren“, wie Strenger anmerkte.

Vor allem das von ihm bereits seit einigen Jahrzehnten beobachtete Konzept der politischen Korrektheit habe im Westen paradoxerweise zu einem Wiedererstarken populistischer politischer Bewegungen beigetragen.

Idee der "Zivilisierten Verachtung"

Und bei diesem Gedankengang kam Strenger auch beim Thema Aufklärung an, die in Marburg untrennbar mit dem Aufklärungsphilosophen und Namensgeber der Vorlesung, Christian Wolff (1679 - 1754), verbunden ist. Denn die Errungenschaften der Aufklärung seien mittlerweile in vielen europäischen Ländern und auch in den USA unmittelbar von rechtspopulistischen Bewegungen und Politikern bedroht.

Die Aufklärung habe stets auch auf die Möglichkeit zur radikalen­ Kritik an konträren Positionen oder Geisteshaltungen geboten. Dieses generelle Prinzip sei aber im Zeichen der politischen Korrektheit seit den 60er- und 70er-Jahren zunehmend ersetzt worden: und zwar durch eine Verdammung aller westlichen Eliten und eine unkritische Haltung gegenüber den Geistesströmungen und Vertretern anderer Kulturen. Dieses wiederum habe den Populisten - und zwar in Europa und den USA vor allem den Rechtspopulisten - ermöglicht, immer stärker Fuß zu fassen. Denn mittlerweile schwängen sich die Rechtspopulisten zu den letzten Verteidigern der westlichen Wertegemeinschaft im Kampf gegen den Terrorismus auf und trügen in diesem Zuge aber auch mit dazu bei, das intellektuelle Niveau zu verflachen, wie beispielsweise im aktuellen US-Präsidentschaftswahlkampf zu beobachten sei.

Diesem aus seiner Warte­ hochexplosiven und gesellschaftspolitisch gefährlichem Gemisch setzt Strenger seine Idee der „Zivilisierten Verachtung“ entgegen, die er in einem jüngst bei Suhrkamp erschienenen Buch ausführlich vorstellt. Gemeint ist damit eine Handlungsanleitung für westliche Intellektuelle, im Diskurs mit radikalen Vertretern anderer Kulturen oder Denkrichtungen bei Bedarf pointierte Gegenpositionen zu vertreten, die aber auch auf wissenschaftlich fundierten Argumenten beruhen, jedoch nie in gravierende persönliche Beleidigungen abgleiten.

Strenger gab selber zu, dass dieser Vorschlag vielleicht etwas zu elitär und abgehoben wirken könne. Und er warnte auch davor, dass viele Menschen sich heutzutage angesichts der Vielzahl globaler Krisen ängstlich und nicht mehr in der westlichen Wertegemeinschaft aufgehoben fühlten. Mit seiner energischen und warmherzigen, gleichzeitig auch selbstironischen Art des Vortragsstils und seiner scharf geschliffenen Argumentationskraft schaffte er es aber, mehr als 900 Zuhörer in seinen Bann zu schlagen und für viele anregende Gespräche im Anschluss an die Vorlesung im Kreuzgang der Alten Universität Anlass zu geben.

von Manfred Hitzeroth

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