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Politiker zeigen ihren Sinn für Humor

Forschung Marburg Politiker zeigen ihren Sinn für Humor

Der Marburger Medienwissenschaftler Dr. Benedikt Porzelt untersucht die Rolle von Politikern in neueren Comedy-Sendungen wie der "heute Show".

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Oliver Welke ist als Moderator das Gesicht der „heute Show“. Aschermittwoch in Szene setzt

Quelle: Willi Weber / ZDF

Marburg. Früher waren Politiker bei den Kabarettisten der alten Schule wie Dieter Hildebrandt mit seiner Sendung „Scheibenwischer“ vor allem Opfer und Objekte der satirischen Kritik. Das hat sich jedoch teilweise gewandelt, wenn die Politiker in den neueren TV-Formaten wie der „heute-show“ im Dialog mit den Comedians selber agieren und ihre Scherze machen. Als sehr populär beschreibt der Medienwissenschaftler Dr. Benedikt Porzelt diese „Hybridformate“ (also Mischungen) von Satire und Comedy. Die seit 2009 auf Sendung befindliche „heute-Show“ im ZDF kombiniere den anspruchsvollen und kritischen Umgang mit Gesellschaft und Politik aus dem politischen Kabarett mit der massenkompatibleren Comedy. In dem neuen TV-Format würden eine hohe Gag-Dichte und einfach zu verstehende Scherze mit der Berichterstattung über politische Themen verknüpft.

Für ein für zwei Jahre gefördertes DFG-Forschungprojekt unter Leitung von Professor Andreas Dörner (Marburg) und Professorin Ludgera Vogt (Wuppertal) wertete Porzelt zusammen mit weiteren Forschern alle Politikerauftritte in deutschen Satire- und Comedy-Shows aus dem „Superwahljahr“ 2013

„Im Idealfall kann sich ein Politiker beim Besuch in Satiresendungen als schlagfertig und unterhaltsam präsentieren, indem er nicht nur auf Scherze reagiert, sondern auch selbst Pointen platzieren kann“, erläutert Porzelt. Die Forscher haben nun Rahmenbedingungen identifiziert, an die sich Politiker anpassen müssen, um angemessen auf Komik reagieren zu können.

Mit diesem zur Schau gestellten Sinn für Humor könne dem Klischee von der vermeintlich humorlosen Politiker-Klasse entgegengewirkt werden. Jedoch setzten sich die politischen Akteure bei solchen Auftritten gleichzeitig einem hohen Risiko aus. Denn sie träten in Interaktion mit erfahrenen und teilweise kritischen Medienakteuren, deren Komikgebrauch einer ganz eigenen Unterhaltungs-Logik folge. „Die Moderatoren handeln schließlich als eigenständige Medienakteure und können durchaus konfrontativ agieren, um die Erwartungshaltung ihrer Zuschauer nicht zu enttäuschen“, beschreibt Porzelt das Risiko eines Politiker-Auftritts in einer solchen TV-Show.

Die Art der Komik von Moderatoren wie Oliver Welke (heute Show) und Co. zeichne sich durch Mehrdeutigkeit und erweiterte Tabugrenzen aus. Dies berge für Politiker die Gefahr starker Unberechenbarkeit, wodurch sie im Fall eines ungeschickten Agierens sogar albern, lächerlich und somit für Amt und Mandat zu un­seriös wirken könnten. Das gelte beispielsweise dann, wenn sie einen Scherz nicht verstanden hätten. Im Zweifelsfall sei es sogar möglich, dass die Politiker unfreiwillig komisch erschienen, wenn ihnen eine passende Antwort misslinge. „Und die Fallhöhe von Politikern ist höher als die von anderen Prominenten“, meint Porzelt.

So habe sich beispielsweise der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Mai 2010 in der Sendung „Pelzig unterhält sich“ einen „klassischen Fauxpas“ geleistet. Als es in der Diskussion um den Einfluss von Lobbygruppen auf die Politik ging, sagte Seehofer: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“ Schon beim Studiopublikum habe dieser Ausspruch kurzfristig für verwundertes Schweigen gesorgt, erläutert der Marburger Medienwissenschaftler.

Chance für Eigenwerbung

Im Anschluss an die Sendung wurde die Passage mehrfach im Internet-Videoportal „Youtube“ eingestellt und kritisch kommentiert. Für Porzelt zeigt dies die Gefahr, dass eigentlich humorvoll gedachte Aussagen - zumal, wenn sie anschließend auch noch aus dem Zusammenhang gerissen präsentiert werden - eher den gegenteiligen Effekt haben könnten, ohne dass der Politiker dies beabsichtigt habe.

Eine der Fragen des Marburger Forschungsprojektes lautete, ob bisher an Politik eher uninteressierte jüngere Menschen durch Komik für politische Themen interessiert werden können oder der scherzhafte Umgang mit Politik nur dem Zynismus und somit der Politikverdrossenheit Vorschub leiste.

Eine abschließende Antwort darauf hat Porzelt noch nicht. Auftritte in der „heute-Show“ bieten nach Ansicht des Marburger Forschers auf jeden Fall den Politikern eine große Chance, bei den Zuschauern Werbung in eigener Sache zu machen. Das gelte vor allem für die Wirkung bei den potenziellen Wählern, die bisher kaum Interesse an einem ernsthaften Diskurs über Politik haben und für klassische Präsentationsweisen wie Wahlkampfreden oder politische Talkshows kaum empfänglich sind.

von Manfred Hitzeroth

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