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„Politik ist kein Vorrecht der Parteien“

OB-Kandidaten „Politik ist kein Vorrecht der Parteien“

Asien-Fan, Fantasybuch-Schreiber und Brandanschlag-Opfer: Rainer Wiegand will als Parteiloser Oberbürgermeister in Marburg werden. Ein Porträt.

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Ehemals Comicladen-Besitzer, nun parteiloser OB-Kandidat: Rainer Wiegand.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Enttäuschung, Misstrauen und Liebessehnsucht, – es ist ein Gefühls-Mix, der in Rainer Wiegand den Willen ausgelöst hat, Oberbürgermeister zu werden. Der 57-Jährige fühlt sich seit Jahren von Kommunalpolitikern, Landes- und Bundesbehörden im Stich gelassen.

Ihm werde das Privatleben, das Zusammensein mit seiner Verlobten erschwert, sagt er. Seine Liebe gilt einer Thailänderin, einer Frau, die ihn nie besuchen, nicht nach Deutschland einreisen dürfe. „Die Gesetze, die Politik legt einem Steine in den Weg, macht die vielen tausend betroffenen Menschen kaputt“, sagt er.

Alles habe er schon versucht, um seine Verlobte nach Marburg zu holen – vergebens, ein Visum bekomme sie nicht. „Angehörige von Biodeutschen werden hier, was das Einreisen angeht, schlechter behandelt als etwa Griechen, die vom EU-Recht profitieren“, sagt er. „Ich sitze mit allen, die eine Ausländerin lieben, mit allen Migranten in einem Boot der Schlechtbehandlung.“

 

Die Ratschläge von heimischen Politikern, wonach er für die Änderung der Visa-Praxis Unterschriften für eine Petition beim Landtag – der aber für diese Rechtsnorm nicht zuständig ist – sammeln solle, hält er für „Zeitverschwendung, bis so etwas entschieden ist, vergehen Jahre“. Er ergänzt: „In meinem eigenen Land akzeptiere ich das Bittstellertum nicht.“

Deshalb stelle er sich zur Wahl, er wolle handeln, Missstände – wie die, die ihn persönlich betreffen – ändern. Aufgrund langer Berufserfahrung sei er „ ein guter Chef für die Verwaltung“. Politik, eine OB-Kandidatur sei „kein Vorrecht von Parteien. Man wird von Abgeordneten ohnehin nicht vertreten, man muss das selbst tun, man muss für sich selbst eintreten“, sagt er.

Wiegand betreibt in seiner Freizeit einen Internet-Blog namens „Hessenhenker“. Dort sind in der Bildergalerie unter anderem Hakenkreuze zu sehen, es wird sich auf der Seite über Verschwörungstheorien und Medienkritik ausgetauscht. Den Blog will er aber nicht als Meinung, sondern als Satire, als Kunst – „die nicht jeder versteht“ – interpretiert wissen.

In seinen Gedanken ist er aber stets rund 9000 Kilometer von Marburg entfernt: Thailand. An einem Denkmal im Norden des Landes lernte er seine Verlobte kennen. Damals, vor sieben Jahren, war er auf Recherche-Reise für ein Fantasybuch, an dem er schreibt. Um an der Statue nicht aufzufallen, habe er sich, wie alle Thai, ehrfürchtig vor diese gekniet. Ein Blick zur Seite änderte sein Leben – er hatte seine Liebe gefunden. „Ich mache die Kandidatur nur für sie, sie soll Marburgs First Lady werden.“

Brandanschlag in Mardorf veränderte sein Leben

Eine Erfahrung, die den ehemaligen Besitzer eines Comicladens in Marburg prägt, liegt 18 Jahre zurück. Damals – „am Hitlergeburtstag“ – zündete eine Frau sein Haus in Mardorf an, die Folgen trieben ihn nach eigenen Angaben fast in den finanziellen Ruin. Auch sein Seelenleben habe der Brand verändert. Er fühlt sich von der Haus-Versicherung, die für „den absoluten Totalschaden“ nicht vollständig zahlen wollte, betrogen.

Von seinem damaligen Anwalt, von Polizei, dem ganzen Justizsystem fühlt er sich schlecht beraten und behandelt. Er als Privatmann wolle „endlich so entschädigt werden“, wie „das deutsche Parteien für Banken und Konzerne mit milliardenteuren Schutzschirmen auch dauernd tun“. Statt echter Hilfe habe er in all den Jahren nur Probleme bekommen.

Doch sein Sehnsuchtsort Thailand habe ihn mittlerweile „buddhistische Gelassenheit“ gelehrt. Diese sei der Grund, wieso er „nicht mehr all zu wütend und verärgert“ über das in der Vergangenheit Geschehene sei. „Ich erkenne, dass nicht alles und jeder absichtlich böse zu mir war.“ Ausgestattet mit dieser Erkenntnis wolle er sich aufmachen, „selbst etwas zu verändern“ – als Stadtoberhaupt.

von Björn Wisker

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