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Politik-Neuling mit viel Erfahrung

Die OB-Kandidaten: Dirk Bamberger Politik-Neuling mit viel Erfahrung

Die politische Bühne ist Neuland für Dirk Bamberger, doch als Nachteil empfindet er das nicht. Mit Lebenserfahrung aus Ehrenämtern und dem  Beruf bei der Sparkasse möchte der CDU-Kandidat ins Rathaus einziehen.

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Dirk Bamberger lehnt an der Glasumrandung rund um die mittelalterliche Synagoge am Willy- Sage-Platz. In der Oberstadt ist der 42-Jährige aufgewachsen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Kurz nachdem der Hahn am Marktplatz gekräht hat, biegt Dirk Bamberger um die Ecke. Pünktlich erreicht er den vereinten Treffpunkt. Leicht abgehetzt, so scheint es. Und kein Wunder: Zwei kleine Töchter hat Bamberger gemeinsam mit seiner Frau Bianca, dazu einen Führungsjob bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf und nun auch noch den Wahlkampf zu bewältigen. Von Überlastung ist jedoch keine Spur. „Natürlich ist es anstrengend“, sagt er. „Aber bis jetzt verkrafte ich das eigentlich sehr gut.“ Schließlich sei er es gewohnt, viele Aufgaben gleichzeitig auszuführen.

Schon in seiner Kindheit lernte Bamberger Verantwortung zu übernehmen, denn seine Eltern sind beide gehörlos. Sein Bruder und er waren somit als Dolmetscher, „ein Stück weit aber auch als Kümmerer“ gefragt. „Die Situation in unserem Haushalt war natürlich anders als bei anderen Jugendlichen“,  erinnert er sich. Doch, darauf legt er Wert: „Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit, in der ich nichts vermisst habe. Mich für meine Eltern und für Gehörlose allgemein zu engagieren, hat mir immer Spaß bereitet.“ Für viele Gehörlose in Marburg ist er noch heute so etwas wie eine Vertrauensperson – sei es als Dolmetscher, bei finanziellen Angelegenheiten mit der Bank oder als Notfallhelfer. „Ich bin schon oft ins Klinikum gerufen worden, wenn ein Gehörloser dort Probleme mit der Verständigung hatte“, erläutert er.

 

Doch nicht nur in diesem Bereich zeigt er soziales Engagement. Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen gab er kostenlosen Musikunterricht – „mit einer gehörigen Portion Idealismus verbunden“, wie er sagt. Selbst während seines Studiums zum Diplom-Sparkassenbetriebswirt in Bonn pendelte er noch zwei bis drei Mal pro Woche für seine Ehrenämter. Besonders hervor tut er sich jedoch vor allem bei der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte, bei der er seit acht Jahren Wehrführer ist.

„Da spielt auch die familiäre Prägung eine große Rolle“, erklärt er. Schon die beiden Großväter waren Kreis- beziehungsweise Stadtbrandinspektoren – eine Karriere bei der Feuerwehr lag da nahe. Speziell die Musik hat ihn schließlich diesen Weg auch einschlagen lassen. Im damaligen Spielmannszug der Feuerwehr sei es ihm um das gemeinsame Musizieren gegangen – „auch wenn privat jeder andere Musik gehört hat“. Bamberger selbst mag aktuelle Charts, aber auch Klassik – „das ist immer stimmungsabhängig“. Musikalisch könne man ihn in keine Schublade stecken.

„Das ist viel mehr als nur Dicke-Backen-Musik“

Wenn er vom Feuerwehr-Blasorchester erzählt, ist ihm seine Freude jedoch anzumerken. „Das ist viel mehr als nur Dicke-Backen-Musik“, sagt er. „Das Spektrum reiche von volkstümlicher Musik über Schlager und Unterhaltungsmusik bis zu Conzertanten. Nach der Auflösung des Spielmannszuges gründete Bamberger das Blasorchester mit und ist dessen Vorsitzender.

Bambergers Lieblingsplatz in Marburg ist der Marktplatz, „denn ich bin ja auch im Schatten des Rathauses aufgewachsen“, erklärt er. Schon in der sechsten Generation lebten die Bambergers in seinem Elternhaus am Schuhmarkt – bis sie der Oberstadt vor anderthalb Jahren den Rücken kehrten. Eine Entscheidung, die ihm und seiner Frau nicht leichtfiel. „Man fühlt sich der Familientradition ja verpflichtet und ich hatte das Haus in den vergangenen 20 Jahren Stück für Stück selbst saniert“, berichtet er. Dennoch zogen sie ins Hansenhausviertel um.

„Wir hatten gerade Nachwuchs bekommen und den nächsten erwartet. Und wir wollten den Kindern einfach ein anderes Umfeld bieten.“ Selbst habe er zwar „ganz tolle Kindheitserinnerungen“, doch die Situation in der Oberstadt habe sich seitdem „dramatisch verschlechtert“. So habe sich vor allem das Kneipenleben verändert. „Die Sperrzeit wurde aufgehoben. Heute fangen die Partys viel später an und hören viel später auf“, sagt er. Es bestehe eine hohe Lärmbelastung durch die Disco-Musik und gebe „häufig Schlägereien vor der Haustür“. Dementsprechend sei „das Sicherheitsgefühl einfach nicht mehr da“.

So lautet eines seiner politischen Ziele, sollte er die OB-Wahl gewinnen, „zielgerichtet Wirte zu sanktionieren, die nicht auf die Nachbarschaft achten“. Eine allgemeine Sperrzeit wolle er nicht wieder einführen, denn man könne nicht alle Wirte, Studenten und andere junge Leute generell verurteilen. Die Anliegen der Oberstadt-Bewohner sind für ihn dennoch ein Herzensthema.

„Ganzheitliches Stadtentwicklungskonzept“

„Wenn ich das mache, dann gehe ich auch mit ein paar eigenen Vorstellungen rein“, hatte er seinen Parteichefs schon vor seiner Nominierung gesagt – und diese waren einverstanden. Und so zog Bamberger seinen eigentlich erst später geplanten Einstieg in die Stadtpolitik aufgrund des Rücktritts von Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) vor.

Sein größtes Vorhaben als potenzieller Rathauschef ist die Erstellung eines „ganzheitlichen Stadtentwicklungskonzeptes“. Das klinge zwar zunächst wenig konkret, sei aber notwendig, um Problemen „nicht immer nur – unter dem Deckmantel der Flexibilität – hinterherzulaufen“. Für einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren sollen in dem Konzept Einschätzungen unter anderem zur demographischen Entwicklung, zur Entwicklung der Wirtschaftskraft und des Tourismus getroffen werden. Zudem sollten darin „Festlegungen getroffen werden, was man erreichen möchte“.

Bamberger denkt dabei an den Ausbau der Radwegeinfrastruktur, die Anbindung des ÖPNV in den Außenstadtteilen, ausreichenden Wohnraum, ein Parkleitsystem oder  kostenloses WLAN in der Innenstadt. Für diese Ziele kämpft er nun seit Anfang Mai in Vollzeit – seinen Jahresurlaub opfert er für den Wahlkampf. Nach der Wahl nimmt er dann Elternzeit, um mit der Familie „mal so richtig zu entspannen“.

Bei der Sparkasse habe er Kenntnisse im Umgang mit Finanzen und wirtschaftlichen Themen  erworben, aber auch  „Führungserfahrung im Umgang mit Personal“. Der Job bei dem Kreditinstitut sei zwar „analytisch geprägt“, doch „man erlebt dort auch eine Vielzahl von Charakteren“. Für einige Kunden sei er hin und wieder „eine Art Sozialarbeiter“. Für das Amt des Oberbürgermeisters bringe er zudem die Erfahrungen aus den Ehrenämtern mit. Diese seien schließlich „persönlichkeitsprägend.“

Und eines, sagt Bamberger, habe er in seiner Bonner Zeit gelernt: „Wenn man mal weiter weg ist, lernt man seine Heimat schätzen.“ Marburg sei „ein wenig provinziell“, könne dennoch mit größeren Städten durchaus mithalten. „Wir sollten uns nicht immer kleinreden.“

von Peter Gassner

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