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Pohl: In Marburg zahle ich Gewerbesteuer freiwillig

Interview Pohl: In Marburg zahle ich Gewerbesteuer freiwillig

In seltener Offenheit geht der Gründer der Deutschen Vermögensberatung auf die Motive für seine Investitionen ein, skizziert die Nachfolge im Unternehmen und macht seinem Ärger darüber Luft, wie mit seiner Großspende an die Stadt umgegangen wird.

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Dr. Reinfried Pohl weist im Interview mit der OP den verbreiteten Vorwurf zurück, sich mit Spenden und Investitionen Macht und Einfluss in Marburg sichern zu wollen: „Das ist ja ein Witz!“

Quelle: Foto: Tobias Hirsch

OP: Mit ungläubigem Staunen haben wir unlängst den Rücktritt des Papstes erlebt, der sich mit 85 Jahren als Kirchenoberhaupt zurückgezogen hat. Was war der zweite Gedanke, der in Ihnen aufkam, als Sie davon hörten?
Dr. Reinfried Pohl: Sie meinen bezogen auf mich?

OP: Erst einmal bezogen auf den Papst.
Pohl: Ich habe als Kind Karl May gelesen. Aus gutem Grunde haben die Indianer immer ihren Ältesten zu Iihrem Häuptling gewählt. Sie verfügen über Erfahrung und Kenntnisse, die ein Junger nicht haben kann. Ich bedauere den Rücktritt, aber ich habe ihn verstanden. Ich bin selbst katholisch.

OP: Ein Papst-Rücktritt ist für die katholische Kirche undenkbar. Ebenso scheint es ausgeschlossen, dass Sie – nach eigener Einschätzung „Der letzte Patriarch“ – sich als Oberhaupt der DVAG zurückziehen. Denken Sie kurz vor Ihrem 85. Geburtstag dennoch ab und an darüber nach?
Pohl: Ich habe darüber noch nicht nachgedacht. Mein Dienstvertrag läuft bis 2016. Ich glaube, ich würde meinen Kindern keinen Gefallen tun, wenn ich mich als Ältester aus dem wirtschaftlichen Geschehen und als Chef eines großen Konzerns heraushalten würde.
Ich kenne keinen Menschen, der in meinem Alter noch so eine Herausforderung hat. Ich bedauere, dass viele Unternehmen per Satzung festlegen, dass Vorstände mit 60 oder 65 Jahren aufhören müssen.

OP: Vor fünf Jahren haben Sie die Mehrheit der Holding Ihren Söhnen übertragen. Wie sieht die DVAG in fünf Jahren aus, und wie stellen Sie sich die Unternehmens-Nachfolge konkret vor?
Pohl: Die DVAG ist mein Lebenswerk. Ich habe damit Finanzgeschichte geschrieben. Der Geburtsort für diese Finanzgeschichte ist Marburg. Die Stadt, in der ich seit 1948 lebe.

OP: Aber wer ist die zukünftige Nummer 1 der DVAG? Steht wieder nur einer an der Spitze?
Pohl: Man sagt oft: In einem Königreich sollte nur ein König regieren. Aber es heißt ja auch: Keine Situation ohne Ausnahme. Ich habe zwei Söhne, die seit mehr als 30 Jahren im Unternehmen sind. Sie haben alles miterlebt. Ein unschätzbares Gut für einen Nachfolger.
Ob es immer einen Chef geben wird, kann ich nicht beantworten, weil es nicht in meiner Entscheidung liegt. Meine Söhne sind vom Wesen her sehr unterschiedlich. Die Nachfolge wird sich ergeben. Die DVAG ist ein weitverzweigter Konzern mit 51 Unternehmen, Institutionen, Aktiengesellschaften, Gesellschaften und Stiftungen. Jetzt habe ich das alles in einer Hand, das muss aber nicht so bleiben.

OP: Wie sehen Sie die Bedeutung der DVAG für Marburg? Als Arbeitgeber und Förderer?
Pohl: Ich habe seit 1996 insgesamt 100 Millionen Euro Gewerbesteuer an die Stadt Marburg gezahlt. An Frankfurt sind es 400 Millionen Euro, dort habe ich den Hauptsitz und muss Gewerbesteuer zahlen. In Marburg ist es freiwillig, weil ich eine Niederlassung gegründet habe, zum Missvergnügen der Stadt Frankfurt.

OP: Wer profitiert in der Stadt denn von Ihrem persönlichen Engagement, von der Entwicklung der DVAG?
Pohl: Ich habe in den vergangenen zwölf Jahren unter anderem 37 Vereine in Marburg und Umgebung unterstützt. An der Spitze steht der VfB Marburg. Seit Dezember 2011 waren schon  mehr als 60 000 Vermögensberater in der Stadt, sie beflügeln das Marburger Leben.

OP: Sie geben Marburg viel, als Steuerzahler, Gönner, Mäzen. Bekommen Sie genug zurück?
Pohl: Ich habe den Eindruck, dass da keine Verhältnismäßigkeit besteht.

OP: Woran machen Sie das fest?
Pohl: Ich habe etwas erlebt, was mich persönlich berührt hat.  Ich habe einen großen Bekanntenkreis und stehe unter großer Beobachtung. Und die sagen: Du bist ja dumm, spendest der Stadt so viel, obwohl Du schon so viel gibst durch die Gewerbesteuer, die Arbeitsplätze, den Rosenpark – und dann musst Du auch noch abwarten, ob man Dir die Spende einmal abnimmt. Das ist so, als ob sie einer Einladung folgen, zu diesem Anlass ein Geschenk überreichen und Ihnen der Gastgeber sagt, er wisse nicht, ob er es annimmt, er müsse erst noch einen anderen befragen.

OP: Hat Sie das gekränkt?
Pohl: Ja, stark.

OP: Würden Sie rückblickend noch einmal so spontan so viel spenden?
Pohl: Wenn ich wirklich die Gewissheit hätte, dass die Bitte, die mit der Spende verbunden ist, gewollt ist.

OP: Warum haben Sie sich – mit der Bitte an den Oberbürgermeister um strenge Vertraulichkeit – überhaupt dazu entschieden?
Pohl: Die Idee des Oberbürgermeisters, einen Schrägaufzug aufs Schloss zu bauen, hat mich begeistert. Ältere Besucher der Stadt gehen nicht aufs Schloss, weil der Aufgang zu beschwerlich ist. Deshalb habe ich Herrn Vaupel Ende 2011 gesagt, ich wäre bereit, vier Millionen Euro zu spenden. Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Ich lebe allein, habe alles, was ich brauche. Ich habe mich in meiner Dankesrede zur Ehrenbürgerschaft verpflichtet, dass ich der Stadt helfe. Das ist die Ur-Ursache für meine Förderungsbereitschaft in jeglicher Hinsicht. So habe ich gesagt, ich gebe die vier Millionen und wäre dankbar, wenn es – zunächst – nicht publiziert wird. Ich hatte noch nicht mit meiner Familie darüber gesprochen.
Die Debatte über die Annahme der Spende hat dann auch zu einer Vielzahl von Anschreiben geführt, mit dem immer gleichen Inhalt: Geben Sie das Geld doch uns.
 
OP: Sind Sie einverstanden, wie die Stadt Marburg, wie das politische Marburg mit Ihrer 4-Millionen-Spende umgegangen ist?
Pohl: Ich fühle mich auch heute noch von einigen gekränkt. Seit Ende 2011 steht immer noch nicht fest, ob der Aufzug gebaut wird. Ich war der Annahme man braucht vier Millionen Euro. Es hieß dann, er kostet nur drei Millionen. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Sache weiterentwickelt.

OP: Nach welchen Gesichtspunkten wird denn entschieden, welche Projekte und Vorhaben gefördert werden und welche nicht?
Pohl: Einmal muss ich das Projekt als förderungswürdig einstufen und dann muss ich einen persönlichen Bezug dazu haben. Zu Frankfurt habe ich nicht die Beziehung wie zur Stadt und Universität Marburg. Marburg ist meine zweite Heimat, ich bin mit 20 Jahren hierher gekommen, hier habe ich studiert, geheiratet, ich war zwei Perioden im Stadtparlament, war einmal unter meinem SPD-Freund Gerhard Jahn als FDP-Mitglied stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher.

OP: Haben Sie ein Beispiel dafür, wofür Sie spenden?
Pohl: Ich habe die Sorge, dass der Streit um das privatisierte Uni-Klinikum den Medizin-Standort Marburg gefährdet. Das ist schmerzlich zu sehen. Ich habe den Wunsch, dem Universitätsklinikum, in dem ich selbst viele Aufenthalte hatte und oft die Dienste der Medizin in Anspruch nahm, zu helfen.

OP:  Was unterstützen Sie zukünftig?
Pohl: Das hängt davon ab, was ich mir leisten kann. Das Uni-Klinikum Marburg, das medizinisch viel zu bieten hat, werde ich weiter fördern. Es soll ein Anneliese-Pohl-Krebszentrum entstehen. Das steht auf meinen Förderungsplan. Vorausgesetzt es läuft alles.

OP: Haben Sie Zweifel daran?
Pohl: Wenn man das Gefühl hat, überall begegnet einem Neid und Misstrauen, dann zerstört das vieles.
Ich werde nie verstehen, wie man über meine Spende an die Stadt diskutieren konnte. Ein Aufzug zum Schloss wäre eine Bereicherung, das muss doch jedem Marburger klar sein. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob man mit Eseln dahin kommen kann.

OP: Welche Motive haben Sie und Ihre Familie denn, so massiv in Marburg zu investieren?
Pohl: Mein ganzes berufliches Wirken ist auf Helfen ausgerichtet.

OP: Ganz andere Motive werden Ihnen ja teilweise unterstellt: Wollen Sie sich mit Ihren Spenden und Investitionen denn keine Macht und Einfluss sichern?
Pohl: Das ist ja ein Witz! Ich bin Ehrenbürger und  Ehrensenator der Universität und möchte nur meinen Pflichten nachkommen.

OP: Was ist denn falsch an dem Vorwurf, dass die Familie Pohl Zug um Zug eine ganze Stadt kauft?
Pohl: Ich schaffe hier viele hundert Arbeitsplätze, ich beflügele die Stadt. Ich baue hier ein Kongresszentrum, ein Fünf-Sterne-Hotel und baue eine schöne Straße. Viele sagen: Mensch, wie toll.

OP: Andere sagen, Sie wollen sich ein Denkmal setzen oder Ihren Reichtum vermehren.
Pohl: Ich habe ein hohes Ansehen in der Finanzwirtschaft, ich habe eine reine Weste, gegen mich läuft kein einziges Prozessverfahren, wie gegen andere. Mehr als ein Schnitzel am Tag kann man nicht essen...

OP:  Die Wirte und Restaurantbetreiber sind schlecht auf die Aktivitäten der Gastro GmbH zu sprechen. Nicht aus Neid oder Missgunst, sondern weil sie ums Überleben kämpfen und ihnen das Personal ausgeht. An der Stelle nehmen Sie mehr, als Sie geben, oder?
Pohl: Nein, diese Aktivitäten nutze ich nahezu ausschließlich für meine selbstständigen Vermögensberater, die ja auf eigene Kosten hierher kommen. Die kann ich nicht nur in das Zentrum stecken und ihnen etwas über neue gesetzliche Vorschriften beibringen. Die kaufen hier auch Mitbringsel. Und die wollen am Abend auch einmal feiern, sich gegenseitig kennenlernen. Dazu brauchen sie gastronomische Unternehmen.
Etwas anderes wäre es, wenn ich nicht die 60 000 Vermögensberater zusätzlich hierher holen würde, die den Namen Marburgs überall hinaus tragen.
Im Übrigen habe ich überall den Eigentümern, die verkauft haben, geholfen.

OP: Zum Beispiel?
Pohl: Jetzt bringe ich eine bedeutende Fachhochschule nach Marburg. Das wäre eigentlich wieder etwas, weswegen alle Stadtverordneten „Hurra“ schreien müssten.
Um dies umsetzen zu können, benötigte ich ein Gebäude. Da bot sich der Waldecker Hof an, weil der Eigentümer verkaufen wollte. So war es möglich, wieder etwas Gutes zu tun.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie am Montag

von Christoph Linne
und Anna Ntemiris

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