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Pohl-Erben verhandeln mit Vaupel um Millionenspende

Schlossaufzug Pohl-Erben verhandeln mit Vaupel um Millionenspende

Kurz vor Ende der Amtszeit muss Egon Vaupel nach OP-Recherchen noch eine ungeklärte Angelegenheit regeln: Familie Pohl erinnert ihn an die Millionen-Spende des verstorbenen Reinfried Pohl für einen Schlossaufzug.

Pohls Millionen-Spende für den Aufzug ist seit drei Jahren Thema. Die Familie erinnert an den Spenderwillen.

Quelle: Collage: Ricarda Schick

Marburg. Ein Projekt wird der scheidende Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) nicht mehr realisieren: den Schrägaufzug zum Schloss. An der Finanzierung scheitert es nicht, denn für den Bau eines Aufzugs zum Schloss hatte im Dezember 2011 der inzwischen verstorbene Marburger Ehrenbürger und Gründer der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), Dr. Reinfried Pohl vier Millionen Euro an die Stadt gespendet. Vaupel erklärte jetzt auf Anfrage der OP, die Umsetzung könnte noch zehn Jahre dauern.

Was passiert nun mit dem Geld? Nach Informationen der OP fordert die Familie Pohl das Geld zurück, um es dann wieder für andere wohltätige Zwecke in der Stadt zur Verfügung zu stellen. Sollte der Schrägaufzug dann doch irgendwann gebaut werden, werde man in gleicher Höhe erneut spenden.

Zähe Verhandlungen hinter verschlossenen Türen

Vaupel erklärt auf Anfrage, eine Rückforderung gäbe es nicht. Er sei aber im Gespräch mit Andreas Pohl, einer der beiden Söhne, und müsse „berücksichtigen“, wie die Erben des Patriarchen die Situation sehen. Eine Veränderung der Zuordnung des Geldes wäre möglich, wenn dies mit dem Spenderwillen übereinstimmt, so Vaupel.

DVAG-Vorstand und -Kommunikationschef Dr. h.c. Udo Corts bestätigte der OP, dass „OB Vaupel und die Familie Pohl über die Frage der Realisierung des Schrägaufzugs im Gespräch sind“.

Der Geldgeber ist inzwischen tot. Derjenige, der das großzügige Geschenk für die Stadt Marburg entgegen nahm, geht in zwei Wochen in den Ruhestand: Vier Jahre nach der überraschenden Spende in Höhe von vier Millionen Euro von Dr. Reinfried Pohl an die Stadt Marburg für den Bau eines Schrägaufzugs zum Schloss finden nach OP-Informationen hinter verschlossenen Türen zähe Verhandlungen zwischen Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) und den Erben des Mäzens und Ehrenbürgers Dr. Pohl statt - bisher ohne Einigung.

Nachdem ein Schlossaufzug in weite Ferne gerückt zu sein scheint, ist immer noch offen, wofür das Geld stattdessen verwendet wird. Und vor allem darüber, wer über den Verwendungszweck im Sinne des Spenderwillens verfügt.

Gebäudekauf ist Grundlage für weitere Verhandlungen

Kommt der Schrägaufzug? „Die Umsetzung kann noch zehn Jahre dauern, weil es auch notwendig ist, alles in Einklang zu bringen“, so Vaupel auf Anfrage der OP. „Wir sind aber einen Schritt weiter. Die Gewobau hat entschieden, das Gebäude Wettergasse 43 zu kaufen. Der Kaufvertrag ist noch nicht unterzeichnet“, sagt Vaupel, der auch Aufsichtsratschef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ist. Der Kauf sei der „Schlüssel“ , damit das Vorhaben umgesetzt werden könne. In der Wettergasse 43 soll nach den ersten Gutachten - die es schon gab - die Talstation sein.

Aber es gibt einige Hindernisse: Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause hatte vor mehr als einem Jahr in einem Schreiben an Vaupel klargestellt, dass der Schlossaufzug für die Universität nicht vorstellbar sei, solange sich die Physikalischen Institute noch am Renthof befinden - das wäre bis 2025. Zudem ist das Vorhaben auch in der rot-grünen Koalition umstritten - insbesondere bei den Grünen.

Spenderwille kann vorläufig nicht umgesetzt werden

Der Spenderwille kann also auch in den nächsten Jahren nicht umgesetzt werden - das ist absehbar. Was geschieht derzeit? Beide Seiten, Vaupel und Familie Pohl, bestätigen unabhängig voneinander gegenüber der OP, dass es Gespräche gab und diese noch andauern. Dabei geht es nach OP-Recherchen wohl insbesondere um die Frage, was mit den drei von vier Millionen Euro geschehen soll, die ohne Verwendungs-Bestimmung zunächst die Liquidität der Stadt gestärkt hatten. Möglich wäre, dass sich die Familie Pohl und Vaupel beziehungsweise sein Nachfolger Dr. Thomas Spies (SPD) über eine andere karitative Verwendung einigen.

Offenbar denkt die Familie Pohl auch darüber nach, die Summe für einen Schrägaufzug bei einer Realisierung des Vorhabens erneut zur Verfügung zu stellen. Das wäre dann unterm Strich fast eine Verdoppelung der Spende. Die Stadt würde also langfristig davon profitieren.

Zum Hintergrund: Am 28. Dezember 2011 ging eine private Spende in Höhe von vier Millionen Euro von Dr. Pohl an die Stadt Marburg ein. Ausdrücklicher Wunsch von Dr. Pohl war es zunächst gewesen, als Spender anonym zu bleiben. Sein Wunsch war auch, dass die Spende für einen Schrägaufzug zum Schloss verwendet wird - ein Vorhaben, das auch Vaupel befürwortete.

Dr. Pohl fühlte sich gekränkt über öffentliche Debatte

Kurz nachdem der Rathauschef die Spende im Magistrat und dann öffentlich bekannt machte, gab es auch Kritik. Die Linken warfen Pohl vor, die Stadt und den Magistrat einnehmen zu wollen. Die Grünen waren unzufrieden mit dem Informationsfluss über die Spende, wie Stadtverordnete Dr. Elke Neuwohner damals Vaupel kritisierte.

Vaupel erklärte im Februar 2012 im Stadtparlament, dass ein bestimmter Verwendungszweck rechtlich auf Hindernisse gestoßen wäre. Daher leitete die Stadt je eine halbe Million Euro an die beiden Stiftungen St. Jakob und Heilige Elisabeth weiter. Der verbliebene Betrag von drei Millionen Euro floss in die Liquidität der Stadt. Das Parlament behielt sich laut Beschlussfassung vom 24. Februar 2012 vor, „im Rahmen des Spenderwillens, im Rahmen des Spendenrechts und im Rahmen des Haushaltsrechts“ über eine geänderte Verwendung der Spende gesondert zu beschließen.

Im OP-Interview erklärte Dr. Pohl im März 2013, dass ihm der Bau eines Schrägaufzugs zum Schloss sehr am Herzen liege und ihn die öffentliche Debatte über sein Geschenk gekränkt hätte. Er denke an die älteren Menschen, für die der Aufgang zum Schloss beschwerlich sei, und zusätzlich auch an die bis zu 60000 Vermögensberater in Deutschland, die das Kongresszentrum in Marburg besuchen, nicht aber das Schloss. Im Wortlaut sagte der damals 83-Jährige: „Ich würde viel mehr machen und noch mehr investieren, wenn ich die öffentliche Debatte darum nicht fürchten müsste. Davor möchte ich mich und meine Familie schützen.“

von Anna Ntemiris

Von Redakteur Anna Ntemiris

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