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Planer wollen Verkehr umkrempeln

Radverkehr Planer wollen Verkehr umkrempeln

Schnellradwege, Fahrradstraßen, Radwege-Ausbau im Zentrum sowie den Außenstadtteilen: Mobilitätsplaner wollen den Verkehrsfluss in der Universitätsstadt neu ordnen.

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Mehr Platz, mehr Sicherheit, mehr Komfort für den Radverkehr: Der Magistrat erhofft sich davon
eine vermehrte Nutzung von unmotorisierten Transportmitteln in der Innenstadt. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Die Länge des Radnetzes soll auf 120 Kilometer mehr als verdoppelt werden. Eine Doppelnutzung von Gehwegen als Radwege soll künftig nicht mehr Regel, sondern Ausnahme sein. Insgesamt schlagen die Ingenieure der Kasseler Planungsgruppe Nord (PGN) rund 200 Einzelprojekte quer durch Marburg vor, um den Radverkehr „sicherer, komfortabler und ebenso alltagstauglich wie selbstverständlich zu machen“, wie PGN-Geschäftsführer Wolfgang Nickel sagt. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) ergänzt: „Uns muss ein Bicycle-Mainstreaming gelingen, so dass Radfahren hier selbstverständlich wird.“ Konkrete Vorhaben äußerten die Planer während des Stadtforums kaum.

Die OP stellt die Vorschläge vor:

  • Die Nord-Süd-Verbindung zwischen Wehrda und Cappel soll mit einem durch das Zentrum führenden, durchgehenden Schnellradweg ausgestattet werden. Auf einem glatten Asphaltbelag, der farblich von der Autofahrspur abgehoben und anderswo zwischen drei und 4,50 Meter breit ist, sollen diese nach holländischem Vorbild umgesetzt werden. Taktile Elemente, damit Blinde Gefahrenstellen erkennen, sollen integriert werden.
  • Für Rad-Anbindungen der Naturwissenschaften und des Klinikums auf den Lahnbergen, der Stadtwald-Siedlung und der Behringwerke Marbach und Görzhäuser Hof werden verschiedene Routen geprüft. Speziell Bauerbach, Ginseldorf, Schröck und Moischt sollen Direktwege zum UKGM bekommen, während die Möglichkeiten für eine Radstrecke zu den Pharma-Standorten unklar ist. Der Marbacher Weg gilt jedenfalls als zu schmal für eine komfortable Koexistenz von Autos, Behringwerke-Lieferwagen, Radfahrern und Fußgängern. Eine nach OP-Informationen geprüfte Alternative führt über Am Schlag und Haustatt zur Emil-von-Behring-Straße - eine steile Route.
  • Einrichtung mehrerer Fahrradstraßen etwa zwischen Afföller und Afföllerwiesen.
  • Bau eines Rad-Parkhauses etwa nahe dem Hauptbahnhof und Groß-Abstellstationen in der Stadt, um die Kapazität der bislang rund 1600 Rad-Stell-flächen zu erhöhen.
  • Außenstadtteile sollen miteinander und in die Innenstadt verbunden werden. Problem: Auf Landes- und Kreisstraßen, die die meisten Stadtteile umgeben, darf und wird die Stadt nichts verändern. Das sei Aufgabe von Kreisverwaltung und Hessen Mobil, mit denen dementsprechende Verhandlungen geführt werden müssten.

Bis 2030 soll der Großteil der Vorschläge, die PNG bis Sommer abschließend formulieren will, umgesetzt sein.

OB Spies: „Radfahren spart Platz, auch Parkplätze“

Eine aktuelle Binnenverkehrs-Auswertung über die in Marburg beliebtesten Transportmittel hat ergeben: 35 Prozent fahren mit dem Auto, 15 Prozent mit dem Bus, elf Prozent nutzen das Rad - und die Mehrheit von 39 Prozent legt die Strecken zu Fuß zurück.

Auch auf der laut Nickel für die Wege in die Kernstadt entscheidenden Distanzen zwischen ein bis drei Kilometern benutzen viele den Pkw: ein Drittel setzt auf das Auto, etwas mehr als ein Drittel geht zu Fuß, die restlichen Prozent entfallen auf Rad (18) und Bus (13). Sobald mehr als drei Kilometer zurückzulegen sind, steigen rund zwei Drittel in ein Auto. Das geht aus Befragungen des RMV von 550 Verkehrsteilnehmern hervor. Der Binnenverkehr macht laut RMV 79 Prozent der Wege, die in der Stadt zurückgelegt werden, aus.

Nickels Analyse: „Von Marburgs Wohnbevölkerung fahren nur wenige mit dem Auto.“ Es seien vor allem Pendler - mehr als 20 000 pro Tag - aus der Umgebung, die via Pkw in der Stadt unterwegs sind. Unter den Stadtbewohnern gebe es „sogar im Berufsverkehr einen Trend zum Rad“.

OB Spies will die Nutzerzahlen ausweiten, wirbt deshalb auch für einen Mentalitäts-wandel: „Wer mehr Blech hat, muss mehr Rücksicht nehmen. Wir können heilfroh um jeden sein, der Rad fährt. Das spart in der engen Stadt Platz, auch Parkplätze.“

„Große Idee, dabei fehlt‘s schon am Elementarsten“

Der Radverkehr werde jedenfalls künftig mehr Platz bekommen - und über den, wie Planer Wolfgang Nickel sagt „Megatrend E-Bikes und Pedelecs“, könne der Umstieg von Auto auf Rad vorangetrieben werden. Etwa über Verleihstationen im Stil des existierenden „Call a Bike“. „Dieser Bereich hat viele Potentiale, gerade bei der Marburger Topografie gehören Pedelecs die Zukunft“, sagt Nickel.

Während des Stadtforums im Rathaus, das mehr als 200 Gäste besuchten, äußerten mehrere Besucher Kritik an der vorgestellten Verkehrsplan-Fortschreibung. „Die Stadtteile sind Satelliten, die Rad-Planung bleibt kernstadtzentriert“, sagt Henner Gonnermann aus Wehrshausen. Schnellwege, Radstraßen und Parkhäuser seien „große Ideen, aber es fehlt ja schon das Elementarste“. Selbst wenn es diese Wege gebe, „kommt man aus den Außenstadtteilen gar nicht erst hin“.

„Ein Gesamtkonzept zu haben, ist wichtig. Es fehlen aber konkrete Auswege, wie die Konflikte und Probleme, um die wir im Verkehrsgeschehen wissen, vermieden und gelöst werden können“, sagt Uwe Wöll.

„Die Schlaglochproblematik auf den Straßen ist groß, da ist die Gefahr für Autos viel geringer als für Radfahrer, weil es denen den Lenker verreißt. Das ist ein Unfallschwerpunkt“, sagt Hans-Horst Althaus.

„Ein richtiger Beteiligungsprozess fehlt. Konzeptauszüge ins Internet zu stellen, die dann jeder mal kommentieren darf, ist unzureichend“, sagt Uwe Volz, Grünen-Stadtverordneter. OB Spies verweist darauf, dass das Konzept „keine abschließenden, verbindlichen Planungen“ beinhalte und versprach nach Kritik aus dem Publikum spontan die Einrichtung einer E-Mail-Adresse für Bürgerwünsche.

Wolfgang Liprecht, Stadtentwicklungsreferent, sagt im OP-Gespräch: „In einigen Bereichen kann es allen noch so guten Ideen zum Trotz durchaus sein, das Anbindungen unmöglich sind.“ Weniger noch aus Kosten-, sondern aus rechtlichen Gründen wie etwa der kommunalen Verkehrssicherungspflicht oder - beispielsweise nahe Waldgebieten - Zuständigkeits- und Grundstücksfragen.

Vier Wochen lang können Marburger Wünsche an die Stadt schicken. Adresse: radverkehrsplan@marburg-stadt.de

von Björn Wisker

Debatte um Biegenstraßen-Umbau

Die ab diesem Jahr anstehende Umgestaltung der Biegenstraße, um Radfahrern mehr Platz einzuräumen, stößt auf die Ablehnung der FDP. Der Schritt sei „unnötig und führt nur zu noch mehr Chaos, Verlangsamung und Einschränkungen im Verkehr“, sagt Christoph Ditschler, Liberalen-Parteichef.

Wie auch die CDU fürchtet die FDP eine „Sektorierung der Innenstadt durch die Hintertür“. Zudem prognostiziert Ditschler, im Gegensatz zu Erläuterungen von Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne),
einen Parkplatzwegfall rund um die Stadthalle. Der Magistrat verspricht sich von der Umgestaltung laut Kahle „deutliche Verbesserungen für den Radverkehr“ vor allem im Hinblick auf die Campus-Entwicklung im Ex-Kliniksviertel.
Auch Verkehrsexperten wie Wolfgang Schuch befürworten  die Umsetzung des Nordstadt-Verkehrsentwicklungsplans.

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Ausbau des Radwegenetzes
Rad fahren in Richtung Lahnberge. Foto: Tobias Hirsch

Bewohner der Außenstadtteile bemängeln 
eine mangelnde Kooperationsbereitschaft und Des
interesse der Landkreisverwaltung und von Hessen Mobil am Radwege-Ausbau.

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