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„Plan sichert dezentrale Schul-Struktur“

Interview mit McGovern „Plan sichert dezentrale Schul-Struktur“

Heute legt der Kreisausschuss dem Kreistag den Schulentwicklungsplan zur Beratung und Abstimmung vor. Die OP sprach mit Schuldezernent Dr. Karsten McGovern über die Zukunft der Schulen.

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Dicker Schmöcker von 611 Seiten: Der Erste Kreisbeigeordnete Dr. Karsten McGovern präsentiert den Schulentwicklungsplan.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Zwei Vorstellungsrunden zum Schulentwicklungsplan haben Sie nun schon hinter sich. Denn bevor der Entwurf demnächst in den Kreistag geht, durften die Betroffenen ihre Rückmeldungen geben. Was waren dabei die größten Knackpunkte, wo konnten Sie noch gezielt nachbessern und auf die Schulen eingehen, welche unliebsamen und kritischen Punkte bleiben bestehen?

Dr. Karsten McGovern: Wir haben insgesamt 27 Stellungnahmen erhalten - die allermeisten davon sind kleinere redaktionelle Korrekturen. Zu zwei Vorhaben wurden kritische Stellungnahmen abgegeben: Der Entwurf sieht vor, ab 2016 den Standort der Grundschule Rauschenberg in Bracht aufzulösen, da dort die Schülerzahlen kontinuierlich sinken und dann nur noch in einer Klasse mit den Jahrgangsstufen 1 bis 4 bei insgesamt 25 Schülerinnen und Schülern unterrichtet werden kann. Ein weiterer Kritikpunkt liegt in der vom Schulträger empfohlenen Zuordnung der Außenstelle Betziesdorf zur Grundschule Bürgeln. Während die Gemeinde Cölbe auch auf dem Gebiet der Schulentwicklung die interkommunale Zusammenarbeit begrüßt, wird aktuell in einem Beschluss der Kirchhainer Stadtverordnetenversammlung festgestellt, dass der Erhalt des Grundschulstandortes Betziesdorf Priorität hat.

OP: Was sagen die Eltern und die Schulgemeinde dazu?

McGovern: Aktuell kritisiert der Betziesdorfer Elternbeirat die Entscheidungsfindung, hält aber Jahrgangsklassen im bisherigen Verbund oder auch mit Bürgeln für richtig. Eine einheitliche Position der Schulgemeinde gibt es nicht. Wir halten daher am Beschluss fest. Bezogen auf Bracht weisen wir aber darauf hin, dass es bei einer Verbesserung der Schülerzahlen nicht zu einer Schließung kommen muss.

Der Kreis will auch die kleinen Standorte halten

OP: Zu den Schulen mit weniger als 60 Schülern: Ihre Befürchtung war, dass der Landkreis gegenüber dem Land nicht für alle betroffenen Schulen darlegen kann, warum eine Weiterführung als eigenständiger Standort zweckmäßig ist. Welche Entwicklung gibt es in dieser Sache und was sagt der Schulentwicklungsplan über die Standorte Bottenhorn, Breidenstein, Oberdieten, Wolzhausen, Hachborn, Langenstein, Rauischholzhausen und Wohra?

McGovern: In Gesprächen mit dem Hessischen Kultusministerium wurde uns sehr deutlich gemacht, dass von dort ein besonderes Augenmerk auf kleinere Schulstandorte gelegt wird, das heißt, auf Schulen unter 60 Schülern bei sinkender Tendenz. Diese werden als nicht stabil erachtet und gelten als potenzielle Standorte für Verbundschulen oder sogar als zu schließende Schulstandorte.

OP: Der Landkreis als Schulträger sieht das anders, richtig?

McGovern: Ja, wir wollen allerdings alle von Ihnen genannten Schulstandorte erhalten und haben dafür auch gute Gründe genannt. Zum Beispiel sehen wir, dass in Bottenhorn die sinkenden Schülerzahlen in der Zukunft Probleme machen, aber die Verkehrswege für die Kinder nach Bad Endbach sind schwierig, so dass wir keine Auflösung des Standortes vorsehen. Bei den anderen Standorten wollen wir, bevor einschneidende Maßnahmen vorgenommen werden müssen, erst einmal die weitere Entwicklung beobachten. 

„Verbundschule sichert gutes Angebot im Hinterland“

OP: Was wird aus dem Verbund von MPS Breidenbach, MPS Niedereisenhausen und der Stadtschule Biedenkopf, die eine Fusion zu einer gemeinsamen Schule mit drei Standorten in Erwägung ziehen?

McGovern: Die vorgesehene Verbundschule sichert ein sehr gutes Schulangebot im Hinterland. An allen drei Standorten ist der mittlere Bildungsabschluss erreichbar und es werden beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufsausbildung oder eine weitere schulische Karriere ermöglicht. Mit der Verbundschule wird die Schließung einer oder zweier der drei Mittelpunktschulen verhindert. Schon jetzt arbeiten die Kollegien zusammen und sorgen dafür, dass es einen erfolgreichen Start und damit vor allem Kontinuität im Schulangebot gibt.

OP: Wie fördert der Kreis die Schulen - was kann er dafür tun, dass Standorte wieder attraktiver werden, wenn sie denn erhalten bleiben sollen?

McGovern: Der Entwurf des Schulentwicklungsplans sichert die dezentrale Struktur unseres Schulsystems für die nächsten Jahre. Das ist ein wesentlicher Beitrag. Als Schulträger sind wir für die Gebäude und die Ausstattung der Schulen zuständig. Diese Aufgabe nehmen wir sehr ernst. So haben wir in den letzten Jahren erhebliche finanzielle Mittel sowohl in die Sanierung der Schulgebäude, des Umbaus für Betreuungsangebote, in die Ausstattung unter anderem mit Computern und in die Lernumfeldgestaltung, wozu auch die Schulhöfe gehören, investiert. Wir werden diese Aufgabe auch weiterhin wahrnehmen und an kleinen Standorten für gute Rahmenbedingungen sorgen.

OP: Zukunftsmusik: Wie soll sich die heimische Schullandschaft weiterentwickeln? Will der Landkreis die aufwändige Politik der kleinen Standorte weiterfahren oder gibt es auch Denkansätze für die Schaffung größerer Standorte durch Zusammenlegung, wodurch der Schulträger konzentrierter investieren und vielleicht sogar bessere Schulen schaffen könnte?

McGovern: Auch in Zukunft brauchen wir Schulen in allen Teilen des Landkreises, die für alle Kinder beste Bildungsmöglichkeiten bieten. Wir werden das Angebot an Ganztagsschulen in den nächsten Jahren weiter ausbauen und es wird hoffentlich auch mehr Chancen auf inklusive Bildung geben. Derzeit sehe ich keine sinnvollen Möglichkeiten der Schaffung größerer Standorte. In Einzelfällen wie etwa bei der Grundschule I in Stadtallendorf planen wir eine Zusammenlegung der Standorte, da damit auch räumlich ein besseres Angebot geschaffen werden kann.

OP: Abgesehen vom kreispolitischen Konsens: Welche Meinung haben Sie zu dem Thema?

McGovern: Ich habe unter der Bedingung, dass es eine Trennung von äußerer und innerer Schulverwaltung gibt, keine andere Meinung dazu. Sollte das Land sich besinnen und uns nicht nur für die Schulgebäude, sondern auch für die Beschulung selbst zuständig werden lassen, so gilt es dann aber den Personaleinsatz zu optimieren. Meines Erachtens ist es nicht gut, wenn Schulen mit einem höheren Anteil von sozial benachteiligten Kindern die vollen Klassen haben, während in den weniger problematischen Bereichen die Klassengrößen klein sind.

1700 Schüler weniger in den nächsten fünf Jahren

OP: Sie haben als Kreiskoalition im vergangenen Jahr ein 50-Millionen-Euro-Paket für die energetische Sanierung an Schulen geschnürt. Inwiefern beschäftigt sich der Schulentwicklungsplan damit? Vor einigen Monaten war noch kein Cent von den 50 Millionen verbaut - Ihr Dezernat wollte zunächst eine Gesamtplanung für die Bautätigkeiten. Was hat sich getan?

McGovern: Der Schulentwicklungsplan hat mit der energetischen Sanierung nicht direkt zu tun. Allerdings werden auch Raumbedarfe beschrieben. Das ist deshalb wichtig, da wir im Planungszeitraum immerhin knapp 1700 Schülerinnen und Schüler weniger haben werden. Theoretisch sind dies 60 Klassenräume, die nicht mehr gebraucht werden. Für diese nicht mehr benötigten Räume werden wir genau überlegen, inwieweit diese für schulische Zwecke weiter verfügbar sein sollen - was angesichts von Ganztagsentwicklung und veränderten Lernkonzepten sinnvoll ist - oder es Flächenreduzierungen geben kann. Die energetische Sanierung ist an den Grundschulen Kirchhain und Lohra bereits in Form von Baumaßnahmen angelaufen. In den anderen Fällen wird es im Frühjahr losgehen.

G 8 / G 9: Kinder als Versuchskaninchen

OP: Was genau steht dann an? Geben Sie bitte ein Beispiel zur besseren Einordnung.

McGovern: Bei der größten Maßnahme in Wetter geht es im kommenden Jahr mit inneren Umbaumaßnahmen los und im übernächsten Jahr wird die Gebäudehülle vollständig ersetzt. Ausgehend davon, dass erst im Mai des Jahres die Haushaltsgenehmigung vorlag und somit Gelder für die Planung bereitstanden, sind wir gut vorangekommen und liegen im Zeitplan. Parallel werden die nächsten Maßnahmen vorbereitet.

OP: Gestatten Sie bitte noch eine Ergänzungsfrage zum problembehafteten Thema G 8 / G 9 - auch, wenn das nur indirekt mit dem Schulentwicklungsplan zu tun hat. Was sagen Sie zu der Problematik und wie bewerten Sie die Entscheidung der heimischen Schulen, die zu G 9 und damit zur alten Form zurückkehren?

McGovern: Die jetzt auch für die Gymnasien mögliche Rückkehr zu G 9 zeigt vor allem, dass G 8 in der eingeführten Form als verkürzte Mittelstufe gescheitert ist. Statt eines aus politischen Gründen veranlassten Schnellschusses, um das Thema vor der Landtagswahl zu entschärfen, wäre eine gründliche Überarbeitung besser gewesen. Warum wurden Lehrinhalte nicht besser angepasst, Wahlmöglichkeiten oder flexible Gestaltungsmöglichkeiten den Schulen überlassen und die naheliegende Verkürzung der Oberstufe nicht erwogen? Jetzt haben viele Eltern das Gefühl, ihre Kinder wurden als Versuchskanichen missbraucht.

OP: Und was sagen Sie zu der jetzigen Reform?

McGovern: Sie ist fragwürdig, da die in den Klassen 5 und 6 eingeschulten Kinder weiter G 8 machen müssen und es keine Wahlmöglichkeit gibt. Bei uns in der Region wird von den staatlichen Schulen in Zukunft nur die Gesamtschule Niederwalgern G 8 anbieten. Alle Marburger Gymnasien und auch die Lahntalschule in Biedenkopf wollen zu G 9 zurückkehren. Als Schulträger haben wir keine Lenkungsmöglichkeiten, da es zwar Einvernehmen mit uns geben muss, aber der Zug durch die Entscheidung der Schulgemeinden abgefahren ist.

OP: Vielen Dank für Ihre Antworten.

von Carina Becker

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