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Plädoyer für persönliche Begegnungen

Infoabend zur Flüchtlingspolitik Plädoyer für persönliche Begegnungen

Voll besetzt war das Cappeler Bürgerhaus bei der kurzfristig angesetzten Info-Veranstaltung über den Aufbau eines Zelt-Flüchtlingslagers an der Umgehungsstraße.

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Das Cappeler Bürgerhaus war beim Informationsabend am Dienstag voll besetzt.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Cappel. Großes Aufgebot auf dem Podium: Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) hatte nicht nur Regierungspräsident Lars Witteck (CDU zur Präsentation der Planungen für eine provisorische „Zeltstadt“ für mindestens 500 Flüchtlinge mitgebracht.

Auch Ortsvorsteher Heinz Wahlers (SPD), Ordnungsamtsleiterin Regina Linda, der Marburger Polizeichef Ralph-Dieter Brede und Gudrun Fleck-Delnavaz (Leiterin der Koordinierungstelle für die Flüchtlinge) saßen auf dem Podium, unterstützt von dem Marburger Sozialpsychologen Professor Ulrich Wagner. Sie alle waren da, um Fragen der Zuhörer zu beantworten.

„Wie können wir Ängste abbauen und Missverständnisse verhindern?“: Dieses sei das zentrale Anliegen der Veranstaltung und der kommenden Tage, erläuterte Vaupel. Weil die Aufnahmekapazität der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen erschöpft ist (siehe Hintergrund) und auch die Ausweich-Außenstellen wie beispielsweise in Büdingen und Neustadt übervoll sind, soll nun auf Initiative des Regierungspräsidiums Gießen wie bereits seit zwei Wochen in Wetzlar nun auch in Marburg eine provisorische Zeltunterkunft geschaffen werden.

Oberbürgermeister Vaupel erläuterte, dass man im Vorfeld auch andere Unterbringungsmöglichkeiten oder Alternativ-Standorte geprüft habe. Der Cappeler Standort habe sich aber als am besten geeignet erwiesen. Weder das ehemalige Chemie-Gebäude oder das noch nicht wieder freigegebene frühere Studentenwohnheim Am Richtsberg 88 könnten genutzt werden.

Großzelte sollen ab Donnerstag aufgestellt werden

Auch ein Aufbau der Zelte am Messeplatz sei geprüft worden. Dagegen spräche jedoch, dass dort regelmäßig viele Lastkraftwagen geparkt würden, deren Fahrer auf die Abfertigung am Zollamt neben dem Hauptbahnhof warten. Zudem sei das Messegelände bereits mehrfach im ganzen Sommer vermietet. Auch das Großsportfeld oder eine Unterbringung der Flüchtlinge in Turnhallen sei nicht möglich.

Und so sehen die groben Rahmenbedingungen für das „Zeltlager auf Zeit“ aus, die RP Lars Witteck skizzierte: Die vier Großzelte sollen voraussichtlich ab Donnerstag auf dem ehemaligen Sportplatz an der Umgehungsstraße in Cappel aufgestellt und ab kommendem Montag belegt werden. Spätestens Ende Oktober sollten die Zelte wieder abgebaut werden, denn dann seien zusätzliche Unterkünfte für Asylbewerber in anderen hessischen Städten bezugsbereit, sagte Witteck.

In puncto Belegungszahl der Zelte wollte sich Witteck nicht genau festlegen. Er hoffe auf eine Zahl, „die 500 nicht wesentlich überschreitet“. Dies könnten also auch 600 Flüchtlinge sein, aber keine 800 oder 1000.
Zusätzlich zu den Wohnzelten soll auch ein Zelt für die Verpflegung mit Essen und Trinken aufgebaut werden, wofür eine vom RP beauftragte Catering-Firma zuständig sein soll. Dusch- und Toilettencontainer sollen zudem aufgestellt werden, und ein Hygiene-Plan soll mit dem Gesundheitsamt abgeglichen werden. Um die mögliche Sommerhitze erträglicher zu machen, solle auch mit Ventilatoren gearbeitet werden.

Vorwiegend Kriegsflüchtlinge nach Cappel

Das gesamte Gelände soll eingezäunt werden, vor allem, um die Flüchtlinge zu schützen, wie Witteck betonte. Sie könnten aber jederzeit das Lager verlassen. Zudem werde ein Sicherheitsdienst installiert, der auch in Gießen für die Ordnung in den Flüchtlingsunterkünften zuständig ist.

Auch die Polizei wird regelmäßig Streife fahren, „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass 500 Flüchtlinge, die zusätzlich kommen, in einer Stadt mit 72.000 Einwohnern und 26.000 Studenten die Sicherheitsfrage völlig auf den Kopf stellen“, sagte Ralph-Dieter Brede, Leiter der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf.

Asylbewerber aus „sicheren Drittländern“ wie dem Kosovo oder Albanien, sollen nicht nach Cappel kommen, sagte OB Vaupel am Mittwoch auf OP-Anfrage. Die Cappeler „Zelt-Unterkunft“ solle vorwiegend für die „Kriegsflüchtlinge“ aus Ländern wie Syrien oder dem Irak gedacht sein. Jedoch sollen auch keine „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“ nach Cappel kommen.

Die Unterbringungsdauer in den Zelten in Cappel soll auch nicht die vier bis sechs Wochen betragen, die es üblicherweise dauert, bis Asylbewerber an einen Ort in Deutschland zugewiesen werden, wo sie leben, bis über den Asylantrag voll entschieden ist. Gedacht ist stattdessen an eine kurze Zeit, und zwar „so lange, bis ein ordentlicher Platz frei ist“, so Witteck.

Für Integrationsarbeit ist die Zeitdauer zu kurz

In Wetzlar, wo die Zeltlösung schon praktiziert werde, betrage diese Zeit derzeit zwischen einem und vier Tagen. Die Stadt Marburg will höchstwahrscheinlich neben dem Zelt-Lager eine Anlaufstelle sowohl für Flüchtlinge als auch für die Cappeler einrichten. „Die meisten, die hierher kommen, sind schwer traumatisiert und einfach nur kaputt und fertig“, betonte Witteck.

Zwar sei für eine „echte Integrationsarbeit“ die Zeitdauer der Unterbringung in Cappel zu kurz, wie Witteck betonte. Am wichtigsten aber seien persönliche Begegnungen. Es könne schon helfen, wenn Bürger aus Marburg einen Tee mit den Neuankömmlingen trinken oder etwas spielen würden, erklärte der RP.

In diesem Ansinnen unterstützte ihn auch der Marburger Anwalt Dieter Unseld, Zweiter Vorsitzende des Hessischen Flüchtlingsrates. „Ich kann manche Ängste gut nachvollziehen. Ich bitte Sie aber: Begegnen Sie den Menschen herzlich und heißen Sie sie willkommen“, appellierte Unseld.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund
Das Land Hessen nimmt pro Jahr 7,3 Prozent aller Asylbewerber auf, die auf der Flucht vor politischer Verfolgung nach Deutschland kommen. Die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) befindet sich in Gießen. Dort sind über 7000 Menschen untergebracht. In diesem Jahr kommen sehr viel mehr Flüchtlinge als in den vergangenen Jahren. Deswegen reicht die Aufnahmekapazität des Standortes Gießen nicht mehr aus. So ist das Regierungspräsidium Gießen in Hessen auf der Suche nach zusätzlichen Gebäuden für die Flüchtlingsunterbringungen wie zum Beispiel Kasernen in Büdingen und Rotenburg. Bis zum Herbst soll aber nun auch die Cappeler „Zelt-Unterkunft“ als Übergangslösung dienen.
 
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