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Pioniere prägen Zukunfts-Dorf

Marburgs Stadtteile: Ginseldorf (Teil 5 von 18) Pioniere prägen Zukunfts-Dorf

In Ginseldorf reifen Überlegungen, am bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ teilzunehmen. 2005 reichte es zu Rang zwei – jetzt erhofft man sich einen Geldsegen um das Bürgerhaus aufzuhübschen.

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Der erste in Marburg zugelassene Lastkraftwagen wurde von einem Ginseldorfer gefahren: Lorenz Stey, der Vater des 76-jährigen Clemens Stey, sitzt ab 1928 für die Firma Kaiser und Roth am Steuer.

Quelle: Björn Wisker

Ginseldorf. Clemens Stey ist Teil einer Pionierfamilie. Sein Vater Lorenz fuhr Marburgs ersten Lastkraftwagen, das war 1928, für die Firma Kaiser und Roth. Die Steys waren auch die ersten im Dorf, die ab 1955 einen VW Käfer, Farbe blau, besaßen. „Dann war für mich der Weg zum Arbeitsplatz am Renthof nicht mehr so lang“, sagt der 76-Jährige. Und in seinen 46 Jahren am Fachbereich Physik der Universität Marburg ging das Leben voller Premieren weiter: Stey baute mit Dr. Richard Thillmann in Marburg die erste Herz-Lungen-
Maschine. „Die haben wir so nebenbei zusammengebastelt.“ Ein paar Jahre später, Anfang der 1960er, operierten Ärzte in München mit diesem Gerät den ersten Menschen,
eine junge Frau.

Der Ginseldorfer Clemens Stey schaute zu, seine Maschine funktionierte. „Ein richtig tolles Erlebnis.“ Nach dem Coup war er auf dem Sprung nach München – doch er blieb Marburg treu, wohnt noch heute im Elternhaus in der Bürgelner Straße. „Ich bin eben Ur-Ginseldorfer“, sagt er.
Auf Kreativköpfen wie Clemens Stey ruhen die Hoffnungen von Horst Wiegand. Der Ortsvorsteher ist hin- und hergerissen, möchte zwar seine Vision eines Top-Dorfkerns für die Einwohner umsetzen. Aber er fürchtet, dass er ein Einzelkämpfer-Dasein fristen würde. Denn wenn es an die Planung  und Mitarbeit beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ geht, halten sich die meisten der 830 Bewohner bedeckt. „Das alles nur zu zweit, zu dritt zu machen, geht nicht“, sagt Wiegand. Aber: Es zeichnet sich ab, dass der Ortsbeirat für eine Teilnahme an dem Wettbewerb plädieren wird.

2005, bei der ersten Bewerbung, mutierte der Ort zwar zum Sensations-Dorf, wurde Zweiter. Beim Rundgang mit der Jury waren auch viele Anwohner dabei – doch der Weg zum Erfolg wurde von ein paar wenigen geebnet. Wiegand will nun neue Anreize schaffen, den Zusammenhalt wiederbeleben. „Wir hätten einen Zuschuss von 10 000 Euro in Aussicht, wenn wir teilnehmen. Dann könnten wir einiges aufwerten, die Außenanlage am Bürgerhaus etwa“, sagt Wiegand. Sowohl Stadt- als auch Landkreisverwaltung räumen Ginseldorf
gute Sieg-Chancen ein. „Immerhin stehen wir vor dem Glasfaser-Ausbau und der Dorfladen funktioniert ganz gut“, sagt Wiegand.

Immer mehr Verkehr fließt durch den Stadtteil

Doch droht dem Geschäft, das seit 2005 von einem Verein betrieben und von der Stadt finanziell gestützt wird, ein Kunden-Schwund: Im Nachbarort Bürgeln soll ein Supermarkt, Norma, eröffnen. Das droht dem Laden die Kundschaft, die von Brötchen bis Büroartikel dort alles kaufen kann, abzuschöpfen. „Dagegen werden wir vorgehen“, kündigt Wiegand an. Der Nachbarort habe das Dorf nie in die Planung für den Markt einbezogen –
dabei sei man von den Auswirkungen unmittelbar betroffen.

Gebaut werden soll auch in Ginseldorf. Kein Supermarkt, sondern eine Senioren-Siedlung. Auf mehreren Flächen sollen acht bis zwölf Häuser entstehen. Alle zwischen 80 und 120 Quadratmeter groß. Die restliche Fläche soll Bauland für Familien aus dem Ort werden. Sechs Familien haben dafür schon Interesse angemeldet.

In den vergangenen Jahren wanderten einige, die in Ginseldorf bauen wollten, in den Ebsdorfergrund ab. „Dort gab es Bauland für sie, hier lange nicht. Jetzt sind wir aber laut städtischem Entwicklungsplan von 2005 dran“, sagt Wiegand. Die Chance will er nicht verstreichen lassen, weshalb ein Architekt bereits beauftragt wurde, die in Frage kommenden Flächen zu prüfen und ein 3-D-Modell anzufertigen. Wenn die Kosten klar sind, wollen die Dorf-Fans rundum Wiegand im Ort und in Bauerbach um Investoren werben.
Ohnehin gibt es seit Jahren zuhauf Anfragen für freie Häuser, Baugebiete im Ort. Vor allem Teile der Marburger Bildungselite reizt Ginseldorf:
15 Professoren und mehr als 40 Promovierte wohnen in dem kleinen Stadtteil. Es sind vor
allem Ärzte, die im Klinikum auf den Lahnbergen arbeiten.

Ziel ist der Schleichweg

Sorgen bereitet den Ginseldorfern hingegen die Verkehrs-Zunahme. Immer mehr Autos rollen morgens und spätnachmittags durch den Ort in Richtung Lahnberge. Ihr Ziel: Der Schleichweg in Bauerbach zum Klinikum und zu den
Naturwissenschafts-Fachbereichen der Universität. „Alles, was dorthin oder von dort weg will, fährt mittlerweile hier durch. Das nervt jeden“, sagt Wiegand. Der Ortsbeirat fordert von den Behörden, Schilder aufzustellen, die Autofahrer über die
Panoramastraße leiten. „Tempo 30 hat die Stadt hier im Ort ja schon abgelehnt“, sagt er.

Ein Grund für den Verkehrsboom durch die Stadt: Navigationsgeräte weisen als kürzeste Route den Autofahrern stets den Weg durch Ginseldorf.

von Björn Wisker

Fakten zum Ort:

Einwohner: 830
Fläche (Hektar):    814
Vereine:        7
Kilometer zum Zentrum: 11
Kindergärten:    1
Als „Gunzellendorf“ wurde
der Ort erstmals im Jahr 1253 urkundlich erwähnt.
Ortsvorsteher: Horst Wiegand
Kontakt: 0 64 21 / 8 14 92

Termine:

1. Mai, Vormittag: Frühschoppen
19. Juli, 17 Uhr: Grillfeier TTC
12. Juni bis 13. Juli: Public Viewing der Deutschland-
Spiele während der
Fußball-WM in Brasilien.
Am Montag, 16. Juni um
18 Uhr trifft Deutschland auf Portugal, am Samstag,
21. Juni um 21 Uhr spielt Deutschland gegen Ghana und  am Donnerstag, 26. Juni um
18 Uhr beginnt das Spiel gegen die USA. Achtelfinale: 30. Juni oder 1. Juli.

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