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Philosophen kehren Uni den Rücken

Professoren-Exodus Philosophen kehren Uni den Rücken

Aderlass bei der Philosophie: Zwei der drei Professoren verlassen die Uni Marburg und wechseln nach Jena, wo sie deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen vorfinden.

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Kein Lächeln zum Abschied: Professorin Andrea M. Esser und Professor Christoph Demmerling verlassen die Uni. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Zwei renommierte Philosophen kehren der Philosophischen Fakultät und der Uni den Rücken. Sowohl Professorin Andrea M. Esser als auch Professor Christoph Demmerling haben einen Ruf an eine auswärtige Universität angenommen: Beide wechseln zum Sommersemester kommenden Jahres an die Universität nach Jena. Zurück bleibt in Marburg der dritte Marburger Philosophie-Professor, Winfried Schröder. Die Entscheidung der beiden Lehrenden fiel vor zwei Wochen, nachdem ihre Bleibeverhandlungen mit dem Marburger Uni-Präsidium gescheitert waren.

„Die Lage ist dramatisch, die Mitarbeiter sind betroffen“, erläutert Instituts-Koordinator Malte Dreyer vom Institut für Philosophie an der Philipps-Universität. Dass gleichzeitig zwei der drei Professoren Marburg verlassen, sei eine für die Marburger Philosophie einmalige Situation. Erst im Jahr 2006 hatte es einen Genera­tionswechsel im Philosophie-Institut gegeben, nachdem unter anderem die Professoren Peter Janich und Reinhard Brandt aus Altersgründen ausgeschieden waren.

In einem gemeinsamen Brief vor den Bleibeverhandlungen hatten Mitarbeiter des Instituts für Philosophie darauf hingewiesen, dass der Weggang von Esser und Demmerling einen kaum kompensierbaren Verlust mit sich bringen würde. Denn zwei Drittel der Marburger Forschungsprojekte würden plötzlich wegbrechen. Zudem hätten die beiden Philosophen, die eine aktualisierende Aufklärungsforschung betreiben, eine hervorragende Reputation in der Fachwelt, erläutert Dreyer. Demmerling und Esser sind beide Herausgeber der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Bisher war deswegen auch die Geschäftsführung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie in Marburg verortet. Voraussichtlich werden mehrere Mitarbeiter den bisherigen Marburger Professoren nach Jena folgen.

Überlast als Grund für Wechsel nach Jena

Vor allem die Überlastungssituation in der Philosophie in Marburg nannte Esser im Gespräch mit der OP als Hauptgrund dafür, dass sie Marburg verlassen wollte und sich nach Jena wegbewarb. Trotz eines Aufnahmestopps für den ­„Bachelor“-Studiengang in der Philosophie herrscht immer noch eine sehr angespannte Personalsituation mit einer Auslastungsquote von 300 Prozent. Auf rund 1000 Studierende kommen drei Professoren, so dass die Kurse und Seminare überfüllt sind, und die Professoren teilweise an sechs Tagen die Woche jeweils 12 Stunden arbeiteten (die OP berichtete).

Unabhängig voneinander hatten sich die beiden Marburger Forscher in Jena beworben. Dort wird Esser ab dem kommenden Sommersemester den Lehrstuhl für Praktische Philosophie besetzen und ihr Kollege Demmerling den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie.

Die Bleibeverhandlungen, die das Uni-Präsidium mit den beiden abwanderungswilligen Professoren führte, scheiterten. Aus Sicht von Professor Demmerling lag das daran, dass das Präsidium nicht einmal auf die Minimalforderung habe eingehen wollen, wie er der OP sagte. Die beiden Philosophen hatten gefordert, dass eine befristete Mitarbeiter-Stelle zu einer unbefristeten Stelle umgewandelt werden sollte.

"Bescheidenes Angebot"

Doch das Präsidium beharrte auf einem Grundprinzip, dass bei Bleibeverhandlungen keine Veränderungen der Struktur eines Fachbereichs zugesagt werden sollen, wie Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause auf OP-Anfrage mitteilte. „Wir haben den beiden ein gutes Bleibeangebot gemacht, das aber nicht angenommen worden ist“, so die Präsidentin. Zu Einzelheiten dieses Angebots wollte sie sich öffentlich nicht äußern. „Das Bleibeangebot ist bescheiden ausgefallen“, kommentierte hingegen Demmerling. Esser macht deutlich, dass es bei den Forderungen vor allem um die personelle Weiterentwicklung des Instituts gegangen sei und nicht um zusätzliches Geld für sie und ihren Kollegen.

Die Ausstattung der Philosophie in Jena sei jedenfalls deutlich besser als in Marburg. Dort gebe es vier Professuren und eine Juniorprofessur sowie mehr Mitarbeiterstellen und weniger Studierende. Trotz allem sei ihr die Entscheidung für einen Weggang aus Marburg schwer gefallen, betonte Esser. Denn es habe eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiten und dem Kollegen Schröder gegeben.

Die doppelte Vakanz ab dem nächsten Frühjahr bedeutet jetzt dringenden Handlungsbedarf. „Es ist eine schwierige Situation, aber wir werden sie meistern“, betonte die Präsidentin. Bereits für das Sommersemester sollen habilitierte und prüfungsberechtigte Philosophen gefunden werden, die bis zur Neubesetzung die Vertretung der ausscheidenden Professoren übernehmen. Zudem bereite der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie die Ausschreibung für die Nachbesetzungen vor.

Institutskoordinator Dreyer warnt jedoch, dass dieses ihm auch aufgrund der angespannten Personalsituation wie eine „Operation am offenen Herzen“ vorkomme.

von Manfred Hitzeroth

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