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Philosoph vermittelt im Gender-Streit

Studium generale Philosoph vermittelt im Gender-Streit

„Eine Streitschrift im allerbesten Sinne“: Der Marburger Denker Professor Peter Janich fordert die Geschlechterforscher zur Auseinandersetzung mit den Thesen und Quellen des Biologen Professor 
Ulrich Kutschera auf.

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Professor Peter Janich spricht im OP-Interview über den aktuellen Wissenschaftsstreit an der Philipps-Universität und fordert die Gender-Studies-Vertreter zur Debatte auf.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der emeritierte Marburger Wissenschaftsphilosophe Professor Peter Janich im OP-Interview:

OP: Womit befasst man sich in der Wissenschafts-Philosophie?
Professor Peter Janich: Sie reflektiert auf das, was Wissenschaftler tun. Sie analysiert 
deren Sprache und Methoden und fragt nachträglich: Erfüllen die Ergebnisse die erhobenen Geltungsansprüche? Die Wissenschaftsphilosophie hat vor allem Fragen zu klären wie „Was ist Wissenschaft?“, „Was zeichnet die Geltung ihrer Aussagen in verschiedenen Fächern aus?“ und „Was bedeuten 
ihre Erkenntnisse für das Bild von Mensch und Welt?“. Das ist das Programm „Wissenschaftstheorie als Wissenschaftskritik“ – Kritik nicht im alltäglichen Sinn von Gemecker und Ablehnung, sondern als Klärung und Aufklärung.

OP: Was ist der grundsätzliche Konflikt, der bezogen auf die Thesen des Evolutionsbiologen Ulrich Kutscheras in Marburg gerade tobt? Ist es die vermeintlich harte Naturwissenschaft gegen die oft als weicher bezeichnete Gesellschaftswissenschaft?
Janich: Das ist zumindest die äußere Form des Kernkonflikts. Es geht aber um mehr als eine 
Konfrontation zweier Parteien, mehr als einen oberflächlichen Streit zwischen Natur- und 
Sozialwissenschaften. Kutscheras Argumentation baut darauf auf, dass er zeigt, wo die Gendermainstream-Leute Behauptungen über biologische Sachverhalte aufstellen, die aus Sicht eines Biologen einfach falsch sind. Heißt: Er will den Nachweis erbringen, dass naturwissenschaftlich gesehen Fehler in der Gender-Theorie und damit im Genderismus-Programm enthalten sind. Das ist nicht nur sein gutes Recht, sondern seine Pflicht als Naturwissenschaftler. Hier kommen zudem sehr verschiedene Wissenschaftsverständnisse ins Spiel. Dabei kann Dogmatismus leider auf allen Seiten vorkommen. Und dass Gesellschaftswissenschaft „weicher“ sei als Naturwissenschaft, ist selbst eine riskante wissenschaftstheoretische These. Man muss vielmehr für alle Wissenschaften fragen, was ihre spezifische Wissenschaftlichkeit ausmacht.

OP: Wie bewerten Sie die 
Ausladungs-Entscheidung der Universität?
Janich: Finde ich völlig unakzeptabel, scheint aber dadurch etwas relativiert, dass mir nicht klar ist, ob Kutschera tatsächlich ausgeladen wurde oder selbst abgesagt hat, und warum. Grundsätzlich stellt sich bei so einem Vorgang die Frage, welche Rolle die Uni spielen sollte. Mein Eindruck: Sie tut gar nichts, und das halte ich für die falsche Strategie.

OP: Sie haben sowohl Kutscheras Evolutions- als auch das heiß diskutierte Gender-Paradoxon gelesen. Können Sie die Aufregung verstehen?
Janich: Das Gender-Buch ist im Gegensatz zu dem anderen nicht einfach ein wissenschaftliches Sachbuch, sondern 
eine sehr engagierte Streitschrift, ein an provozierenden Formulierungen reicher Text. Kutschera positioniert sich ausdrücklich wie schon vorher 
gegen den Kreationismus jetzt auch gegen das Gendermainstreaming und zwar durchaus polemisch. Er will den Streit – und jetzt hat er ihn.

OP: Kutschera spricht in seinem Gender-Buch unter anderem von einem ‚Terror durch kinderlose, lesbisch veranlagte Mann-Weiber‘. Muss man den Streit in so 
einem provokativen, gar beleidigenden Ton führen?
Janich: Ich bin ein Freund von guter Polemik. Manchmal muss man zuspitzen bei den vielen weichgespülten Wissenschaftlern, die leider kein Engagement mehr in ihre Arbeit setzen. Andererseits weiß Kutschera natürlich, dass er allein für die scharfen Formulierungen Gegenwind 
bekommt. Mitleid mit ihm muss man deshalb nicht haben.

OP: Welchen Fehler haben die Gender-Vertreter in der laufenden Debatte gemacht?
Janich: Sie sollten sich auf die Argumente Kutscheras einlassen. Sie sollten darauf replizieren, etwa darauf, ob der Vorwurf der falschen Prämissen innerhalb der Gender Studies richtig ist oder nicht. Dazu müssen sie inhaltlich etwas Fundiertes sagen. Stattdessen wird er persönlich als Frauenhasser bezeichnet. Das ist nicht das 
Niveau einer wissenschaftlichen 
Auseinandersetzung. Deshalb würde ich als Philosoph raten: Alle Seiten sollten sich einer argumentativen und begrifflichen Sachlichkeit bedienen.

OP: Das Eine ist der Wissenschaftsstreit, aber das Andere, das wir derzeit erleben, ist eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einem offenbar sehr lebensnahen, heiklen Thema?
Janich: Ja. Es geht bei diesem Thema, den Geschlechterrollen, von dem ja jeder in irgendeiner Weise betroffen ist, um 
einen emotionalen Untergrund der Gesellschaft, um Lebensentwürfe, Lebensstile. Vorneweg: Kutschera ist ein Vertreter der Gleichberechtigung. Aus seinen Büchern kann man nichts anderes entnehmen. Aber Geschlechtsunterschiede gibt es von Natur aus. Sie lassen sich nicht hinwegdiskutieren oder durch soziale Konstruktionen auflösen. Das hat aber nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun.

OP: Gleich zu Beginn der causa Kutschera gab es eine Vermischung seiner Thesen. Sein Vortrag fußt auf dem UTB-Lehrbuch „Tatsache Evolution“. Kritisiert und ausgeladen wird er für das andere Buch namens „Das Gender-Paradoxon“.
Janich: Das Gender-Buch hat das Tatsachenbuch zur Evolution (und andere seiner Fachpublikationen) ausdrücklich als Grundlage. Da ist die Schnittmenge erheblich. Im Gender-Buch nimmt er außerdem eine sehr sorgfältige historische Analyse vor, etwa woher die biologische Unterscheidung von Gender und Sex eigentlich kommen, welche Geschichte das Thema in der Biologie selbst hat. Aber er diskutiert auch politische Programme etwa in Hessen oder Baden-Württemberg, oder schaut sich die Akkreditierung von Studiengängen an Universitäten an. In der Bewertung sieht er eine Geistesverwandschaft von Kreationismus und Genderismus unter anderem dort, wo Pseudowissenschaft anstelle naturwissenschaftlicher Forschung getrieben wird.

OP: Ein Vorwurf an Kutschera (Archivfoto) ist, er ziehe die falschen Schlüsse.
Janich: Dogmatismus ist eine permanente Gefahr, die jedem Menschen droht, der eine Meinung vertritt. Mancher täuscht sich eben darin, wie begründet seine Meinung und wie gerechtfertigt seine Programme tatsächlich sind. Aber wer deswegen behauptet, Kutschera ziehe die falschen Schlüsse, wenn er gegen den Genderismus polemisiert, der muss dies explizit zeigen – und das müssen die Vertreter des Genderismus leisten. Es geht im Kern um konkurrierende wissenschaftliche „Programme“, was ja wörtlich „Vorschriften“ bedeutet, die wie jede Vorschrift weder wahr noch falsch sind, sondern rechtfertigungspflichtig. In einer pluralistischen Gesellschaft zumal. Auch die naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt ist ja nur eine Sicht unter anderen möglichen vernünftigen Sichten.

OP: Das Thema Kreationismus spielt im Studium generale jedenfalls keine Rolle mehr.
Janich: Es wäre schön gewesen, Kutschera zum Kreationismus zu hören. Und es wäre hilfreich, sich erst einmal seine Ausführungen anzuhören, zu verstehen oder auch über die Lektüre seiner Bücher zu lernen. Aber der Hinweis auf das Renommee eines Naturwissenschaftlers ist auch nur ein Autoritätsargument, also eher eine bloße 
Meinung als ein begründetes Wissen. In Hessen gab es tatsächlich einmal eine Kultusministerin, die vorgeschlagen hat, parallel zur Evolution im Biologie-Unterricht auch den Schöpfungsbericht des Alten Testaments zu lehren. Ein ungeheurer Skandal war das. Damals las ich die empörten Einwände prominenter Naturwissenschaftler – und die waren sehr schwach. Man muss eben schon verstanden haben, dass Aufklärung ein philosophisches Unternehmen ist und nicht quasi automatisch aus den 
Naturwissenschaften folgt. Wer 
dazu Anschauungsunterricht benötigt, möge doch nur in die USA schauen. Es geht letztlich um ein Bildungs- und Aufklärungsdefizit. Das betrifft auch die Meinung, dass emanzipierte Frauen ihre Souveränität dem Gendermainstream verdanken. Das halte ich für absurd.

OP: Worum geht es in Ihren 
Büchern, in denen Sie sich auch der Evolutionsbiologie widmen?
Janich: Wissen unterscheidet sich vom bloßen Meinen durch eine stichhaltige Begründung. Jeder Mensch hat eine Unzahl von Meinungen, aber in den Wissenschaften müssen diese begründet werden. Das läuft in der Mathematik – denken Sie an den Geometrieunterricht und einen einfachen Beweis – anders als in einer Experimentalwissenschaft wie Physik und Chemie, wo Erfolgskriterium die technische Reproduzierbarkeit von Experimenten ist. Und in der Evolutionsbiologie nochmals anders, weil dort ein Naturgeschehen beschrieben wird, das prinzipiell nicht direkt beobachtbar, weil vergangen (und größtenteils vor der Entstehung des Menschen abgelaufen) ist. Natur-Wissenschaftlichkeit ist durch eine doppelte Allgemeinheit gekennzeichnet: Ergebnisse müssen für alle Subjekte gelten (man nennt diesen Anspruch „transsubjektiv“, für jedermann nachvollziehbar). Und sie müssen universell sein, das heißt für alle fraglichen Objekte, etwa alle Körper in der Mechanik gelten. In den traditionellen Geisteswissenschaften dagegen geht es meist um ein einzelnes, individuelles historisches Geschehen. Der Evolutionsbiologe nun muss quasi beides leisten: aus der Gegenwart mithilfe experimentellen Kausalwissens die Vergangenheit rekonstruieren. Es ist wie im Krimi: der unbeobachtete Tathergang wird mithilfe technisch-naturwissenschaftlichen Wissens (z.B. Ballistik bei Erschießen, Toxikologie bei Giftmord) aus Indizien rekonstruiert. Aber für die Gegenwart der Indizien selbst, für die heute lebenden Lebewesen, ist eine Menge naturwissenschaftlicher Kenntnisse erforderlich, um die Gegenwart des Lebendigen zu verstehen. Also: Man muss sich schon mit der Wissenschaftlichkeit der Evolutionsbiologie befassen, um Kutscheras Legitimation zu begreifen. Die Geschlechterrollen nur als historisch variables, soziales Konstrukt zu sehen, ist zu kurz gefasst. Wir sind immer auch genetisch disponiert, und auch der Fortpflanzungstrieb ist laut Kutschera genetisch disponiert. Ich wüsste nicht, was gegen diesen Befund spricht.

von Björn Wisker

 
 Zur Person
Professor Peter Janich (74) war von 1980 bis 2007 an der Philipps-Universität tätig, sein Schwerpunkt ist die Theoretische Philosophie. Er lehrte eine pragmatische Wissenschaftstheorie, die sich besonders mit den Grundlagen der Naturwissenschafte beschäftigte.
 
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