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Pförtner verhindert Axt-Amoklauf

Anschlag Pförtner verhindert Axt-Amoklauf

Schock in Marburgs Gerichtsgebäuden: Nachdem ein Bewaffneter in das Haus gestürmt ist, hielten Pförtner und Wachmannschaft den psychisch kranken Angreifer in Schach - und verhinderten wohl einen Amoklauf.

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Mit einer Doppel-Streitaxt (Abbildung oben ähnlich) schlug der Angreifer auf die Lautsprecheranlage im Eingangsbereich des Amtsgerichts ein. Verletzt wurde niemand.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. „Ich räche mich“, brüllte der Angreifer aus Lohra. Er sei gegen seinen Willen mit Medikamenten vollgepumpt worden, das hätte sein „Leben fertiggemacht.“ In eine Militäruniform gekleidet stürmte der 47-Jährige gegen 11.30 Uhr in das Amtsgericht, schlug erst einen Motorradhelm, dann eine 50 Zentimeter lange Streitaxt gegen Fenster und Lautsprecheranlage des Pförtnerzimmers. „Er war völlig außer sich, wollte den Gerichtssaal zertrümmern“, sagt Cai-Uwe Boesken, Leiter des Amtsgerichts. Versuche, auf den Täter einzureden, schlugen fehl. „Sein Gemütszustand wechselte ständig, das war unberechenbar.“

Nach OP-Informationen gilt der Mann aus Lohra als psychisch krank. Zudem soll er betrunken gewesen sein. Eine lange, tiefe Kerbe schlug er in den Metallrahmen eines Lautsprechers. „Wenn diese Schläge Menschen getroffen hätte, wären zumindest drastischste Verletzungen die Folge gewesen“, sagt Martin Ahlich, der Polizeisprecher. Eine Attrappe, eine täuschend echt aussehende, aber aus Plastik bestehende Waffe, sei die Axt nicht gewesen. Die Schneideblätter an dem langen Holzstab sind aus Stahl - ein Todeswerkzeug.

Das SEK kam aus Gießen

Aufregung herrschte, weil lange unklar war, was sich in einem Rucksack befand, den der Täter trug. Die Vermutung: Schusswaffen oder Sprengstoff.

Zur Unterstützung der 30 Marburger Polizisten, rückte ein Spezialeinsatzkommando (SEK) an. Ein Team von Unterhändlern, darunter Psychologen, redete auf den Angreifer ein. Nach zweieinhalb Stunden, gegen 14 Uhr öffnete dieser unbewaffnet die Tür, das SEK umzingelte und überwältigte ihn. Er wurde daraufhin abgeführt, Verletzte gab es nicht.

Sicherheitsschleuse hat Katastrophe verhindert

Erleichterung nach der Festnahme: „Unser Sicherheitskonzept greift“, sagt Cai-Uwe Boesken. Das schnelle Alarm-schlagen des Pförtners und die Sofort-Evakuierung des Gebäudes haben „wohl eine Katastrophe verhindert“, ergänzt er. Im Nachklang mehrerer Attentate in Gerichtsgebäuden aus den vergangenen Jahren änderten die Justizbehörden ihre Sicherheitsstrategie. Um die bis zu 110 Angestellten zu schützen, ist eine Schleuse zwischen Haupteingang und Treppenhaus eingerichtet worden. Die Zusatztüre ist dauerhaft verschlossen, kann nur durch die Wachleute in einem Zimmer hinter Panzerglas geöffnet werden. „Jeder wird vor dem Zutritt gefragt, wer er ist und wo er hin möchte“, erklärt Boesken. Das Personal ist speziell für solche Fälle trainiert. Bei akuten Gefahren machen sie die Schleuse dicht, alarmieren die Polizei.

Die Motive für den gestrigen Überfall sind noch unklar. „Er hat noch nichts Klares gesagt, bringt kein Licht ins Dunkel“, sagt Ahlich. Erste Spekulationen, wonach er sich für ein Urteil rächen wollte, erwiesen sich als falsch. „Der Täter ist nicht polizeibekannt, einen direkten Bezug zum Gericht sehen wir bislang nicht“, sagt Ahlich. Ein Richter wird nun über die vorübergehende Unterbringung des Täters entscheiden.

Am Rande beobachtet - von Björn Wisker:

Selbst bei den ernstesten Angelegenheiten gibt es am 
Rande amüsante Dinge zu 
beobachten. Denn bei aller Konzentration, Anspannung und Professionalität, die Polizisten bei einem Großeinsatz wie am Dienstag gewährleisten müssen, haben sie ganz menschliche Bedürfnisse. Etwas zum Trinken zu finden, beispielsweise.

Denn da standen sie nun, 30, 40 Sicherheitsleute, stundenlang in der prallen Sonne, während im Inneren des Gebäudes ein unberechenbarer Mann sein Unwesen treibt. Schatten für die Polizisten? Fehlanzeige. Stattdessen die kiloschwere Montur, wie die schusssichere Weste, am Leib. Wer wissen möchte, was Schwitzen bedeutet, ziehe sich eine solche Weste an.

Und so dürften sowohl die Marburger Beamten als auch ihre Kollegen des angerückten Sondereinsatz-
Kommandos innerlich gejubelt haben, als Kollegen einige Kisten Apfelschorle, Wasser und andere Drinks anschleppten. Gefährlicher Angreifer hin, nervenaufreibender Job her: Das Trinken kommt zuerst.

Anschläge auf andere Gerichtsgebäude

  • Januar 2012: Am Amtsgericht Dachau erschießt ein Angeklagter einen Staatsanwalt und schießt auf den Richter.  
  • Juli 2009: Im Dresdner Landgericht ersticht ein Angeklagter eine Zeugin.
  • April 2009: Im Landshuter Landgericht erschießt ein Mann seine Schwägerin und nimmt sich danach das Leben. Zwei weitere Menschen werden bei der Schießerei vor einem Sitzungssaal verletzt.

von Björn Wisker

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