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Pflegevater vor Gericht

Sexueller Missbrauch Pflegevater vor Gericht

Prozessauftakt am Landgericht: Einem 50-jährigen Familienvater wird vorgeworfen, seine damals 15-jährige Pflegetochter sexuell missbraucht zu haben.

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In der Familienwohnung soll ein Marburger ein lernbehindertes Mädchen mehrfach angegriffen haben und steht deshalb vor Gericht.

Quelle: Archiv

Marburg. Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft habe der Marburger das im Jahr 2011 noch minderjährige Mädchen mehrfach mit sexueller Gewalt bedroht. Eine damals für die zwischenzeitliche Obhut des Mädchens zuständige Sozialpädagogin brachte die Vorfälle zur Strafanzeige. Acht Zeugen waren am ersten Prozesstag dazu aufgerufen, im Schwurgerichtssaal vor dem Vorsitzenden Richter Dr. Thomas Wolf und zwei Schöffen auszusagen.

Die Aussage der damals  15-jährigen Schülerin einer Marburger Gesamtschule erfolgte bereits vor dem Prozessauftakt in einer gesonderten Sprechstunde mit Richterin Ina Nadine Bernshausen per Videovernehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. „Es war eine mühsame Geschichte“, berichtete Bernshausen eingangs ihrer Zeugenaussage. Die Richterin gab an, dass alle sich daraus ergebenen Übergriffe des Pflegevaters, welche das Mädchen nannte, mit harmlosen Nacht-Küssen begonnen haben. Am auffälligsten sei im Nachhinein die Freizügigkeit des Pflegevaters gewesen, der nackt oder nur leicht bekleidet auch bei einem Besuch von Schulfreunden des Mädchens durch die Wohnung lief.

Unsittliche Berührungen, trotz Gegenwehr

„Das Zusammenleben war anfangs gut, bis zum Übergriff“, schilderte das Mädchen, welches nach Aussage der Sozialpädagogin eine Minderbegabung aufzeigt. Die mehrfachen Übergriffe des Pflegevaters geschahen laut Aussage in der Wohnung der Pflegefamilie immer dann, wenn die Pflegemutter außer Haus war. Unsittliche Berührungen im Intimbereich, trotz Gegenwehr, erfolgten im Badezimmer, welches nicht abzuschließen war, im Schlafzimmer der Pflegeeltern und im Wohnzimmer. „Er wollte rein mit seinem Ding“, gab das Mädchen in der Befragung zum Ausdruck.

Der Pflegevater drängte nach weiterer Aussage darauf, dass sich die Pflegetochter ausziehen musste, im Badezimmer schubste sie ihn einmal von sich. An einem regulären Schultag versuchte es der Pflegevater erneut, woraufhin sich die Schülerin bei ihrer Schulfreundin nach langem Zögern aussprach. Über das Gespräch der sexuellen Übergriffe berichtete die Schulfreundin ihrer Mutter. Auch der leiblichen Schwester vertraute das Mädchen ihre Situation an, welche diese ihr aber nicht glauben wollte.

Der Angeklagte dementierte jedoch die Aussage des Mädchens. Orale, anale und sexuelle Nötigungen waren die Hauptvorwürfe, die über einen längeren Zeitraum stattfanden, ergänzte das Mädchen in ihrer Aussage vor Richterin Bernshausen.

Eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin gab im weiteren Verlauf der Zeugenvernehmung die gestellte Diagnose des Mädchens an: „Es wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Das Mädchen hatte das Gefühl, das die Pflegemutter ihr Bedeutungsgefühl nicht eingelöst hatte“, sagte die Therapeutin. Die kindliche Naivität des Mädchens habe an das Gute in den Menschen geglaubt und dass die Pflegemutter nach Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe sie unterstützt.

Telefonate, um sich vor Pflegevater zu verstecken

Anschließend sagten die ehemalige Schulfreundin und deren Mutter aus. „Ich konnte es erst nicht glauben, da ich ihn anders kennengelernt habe“, sagte die Schulfreundin über den Angeklagten. Immer dann, wenn die Pflegemutter außer Haus und der Pflegevater allein mit dem Mädchen war, vereinbarten die Freundinnen Telefonate, damit das Mädchen einer Konfrontation mit dem Pflegevater aus dem Weg gehen konnte. „Wir haben immer gechattet und wenn sie allein war, habe ich sie angerufen.“ Auch die Mutter der Schulfreundin erzählte von ihrem Kontakt zu der mutmaßlich Geschädigten, welcher erst auch über Chats im Internet und dann persönlich entstand: „Sie wollte auch nicht aus der Situation, weil sie Angst hatte und sich vor den Konsequenzen fürchtete.“

Doch als die besorgte Mutter von weiteren Übergriffen durch den Pflegevater erfuhr, suchte sie den Kontakt zum Jugendamt, welches später die Schulleitung informierte. Nach einem Gespräch mit dem Schulleiter, beschloss das Jugendamt die Obhut über das Mädchen auf die Mutter der Schulfreundin für drei bis vier Monate zu übertragen. „Während der Zeit bei uns verzehrte sie sich nach ihrer Mama, doch ich hatte auch nicht die Möglichkeit noch eine Pflegetochter dauerhaft aufzunehmen“, sagte die Zeugin. Das machte eine Vermittlung in eine neue Pflegefamilie unabdingbar.   

Ebenso wie die Mutter der ehemaligen Schulfreundin bestätigte eine weitere Zeugin von der Fachstelle für Kinderschutz der Stadt die im Verlauf der Verhandlung getätigten Aussagen über mutmaßliche Tathergänge in der Wohnung. „Der Schulleiter fiel damals aus allen Wolken, und ich war es, die die Anzeige gemacht hat“, bestätigte die Sozialpädagogin.

Zum Ende der Verhandlung lud Richter Wolf die jetzigen Pflegeeltern in den Zeugenstand. Seit 2013 ist das Mädchen nun Teil ihrer Familie. „Alpträume hat das Mädchen aber heute noch“, berichtete der 62-jährige Ergotherapeut. Der Verein Wildwasser helfe der heute 18-Jährigen bei der Aufarbeitung.

von Arnd Hartmann

  • Fortsetzung: Mittwoch, 9 Uhr in Saal 101
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