Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Pfandsache ist Respektsache

Studenten-Projekt Pfandsache ist Respektsache

Achtlos in den Müll geworfen, in der Küche zu Pyramiden gestapelt. Der Gang zum Pfandautomaten ist für viele Alltagslast - für andere Lebensabsicherung. Ein Projekt soll nun Pfandsammler und Pfandgeber ­zusammenbringen.

Voriger Artikel
Große Koalition: Der richtige Weg im Kreis?
Nächster Artikel
Stromberg ist "Unisex-Kino"

Aktion „Pfandsache“ – Sebastian Petzer und Sascha Hörmann (rechts) wollen Pfandsammler und Pfandgeber zusammenbringen. Um durchzustarten, müssen sie jedoch erst einen Ideenwettbewerb der Uni Kiel gewinnen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Spät abends, wenn nur noch feiernde Studenten und Hundebesitzer durch die Straßen ziehen, dreht er seine Runde. Von Mülleimer zu Mülleimer. In der Nähe der Kneipen guckt er zuerst. Dann an der Mensa. Zum Schluss macht er noch einmal einen Abstecher zu einem der Mülleimer nahe des Supermarktes. Er muss seine Hand tief hinein stecken. Fast bis zur Achsel. Seine Finger tasten angebissene Äpfel, leere Bäckertüten und ab und an auch eine Flasche. 8 Cent, 25 Cent - zwischen dem Müll liegt bares Geld. Geld, von dem er sich sein Mittagessen kaufen, sein Leben ein bisschen lebenswerter gestalten kann. Manchmal stehen die Flaschen auch auf, neben oder unter dem Müll. Manchmal war schon ein anderer da.

Am Anfang das Gespräch, am Ende die Idee

Die drei Studenten Sascha Hörmann, Sebastian Petzer und Bijan Aleahmad kennen einige der Pfandsammler Marburgs. Kennen ihre Lebensgeschichte, ihre festen Sammelwege. Sie haben nicht weggeschaut, als die Mülltonnen an der Mensa nach Dosen und Flaschen durchsucht wurden, sondern haben erst nachgefragt, dann nachgedacht. Am Anfang stand das Gespräch, am Ende eine Idee. „Gutes beginnt im Kleinen“, sagt Sebastian Petzer. Aber auch Kleines muss erst einmal auf den Weg gebracht werden. Mit ihrer Idee „Pfandsache“ nehmen die drei Studenten an einem Ideenwettbewerb der Uni Kiel teil. Ihr Ziel: Marburger Pfandsammler und Pfandgeber zusammenbringen. Das Prinzip ist einfach: Die potenziellen Pfandgeber melden sich im Internet an. Sie verzichten auf ihren Pfand - sind diesen dafür ohne größeren Aufwand los. Ohne samstags das Auto mit den Flaschenbergen zu beladen. Ohne zum Getränkeladen oder dem Pfandautomaten zu gehen.

Ein Video zum Thema "Pfandsache" findet ihr hier

Die drei Studenten informieren gezielt die Pfandsammler, die bei dem Projekt angemeldet sind und erstellen verbindliche Sammelrouten. „Wir wollen, dass das Geld bei den Richtigen ankommt. Dabei ist es unser Ziel, mit den Pfandsammlern in Kontakt zu stehen. Es ist doch etwas völlig anderes, ob ich in einen Mülleimer packe oder ob ich ein gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe bin“, sagt Petzer. Sascha Hörmann fügt hinzu: „Durch den persönlichen Kontakt stellen wir sicher, dass nicht irgendwer an der Tür steht.“

Wissen, das man etwas bewegen kann

Und was springt für die drei jungen Männer bei der ganzen Sache raus? Reichtum? Wohl kaum. Ein paar Karma-Punkte? Sicher doch. In erster Line aber das Wissen, dass sie etwas bewegen können. Und das in der Stadt, in der sie leben, sich wohl fühlen und engagieren. „Es ist ein kleiner Ansatz. Ein Zeichen für ein gutes Miteinander. Wir wollen der Stadt mit dem Projekt etwas zurückgeben“, sagt Petzer. Eine eigene Facebook-Seite haben sie mittlerweile eingerichtet, um für die Projektidee zu werben. Haben ein Erklär­video gedreht und gehen im persönlichen Umfeld auf Stimmenfang. Denn nur wenn die Finanzierung des Projektes steht, können sie auch richtig durchstarten. Dafür muss aber erst der Ideenwettbewerb gewonnen werden. Je mehr Stimmen die Marburger im Internet sammeln, desto höher die Chance.

„Es fällt nicht nur Zeitaufwand und Stress, sondern auch Kosten an“, so Sascha Hörmann. So wollen die Studenten eigene „Pfandkisten“ entwerfen, die an die Pfandgeber ausgeteilt werden. Ein weiteres Ziel: die Fahrräder der Pfandsammler aufrüsten, so dass Kisten und Säcke sicher transportiert werden können. Darüber hinaus soll eine eigene Internetseite entstehen, die das Projekt vorantreibt.

„Wir arbeiten alle drei neben dem Studium. Es ist schön, dass wir die Erfahrungen, die wir da gesammelt haben, nun auch für so etwas einsetzen können“, erklärt Sascha Hörmann. Die Projektidee an sich ist nicht revolutionär. Besonders in Großstädten können Pfandsammler und Pfandgeber sich bereits über verschiedene Internetplattformen finden. Neu ist der persönliche Kontakt zu den Organisatoren. Raus aus der Anonymität. Weg von dem Gefühl, gesellschaftlich nicht dazu zu gehören. „Das Pfandgeld geht zu 100 Prozent an die Abholer,“ so Petzer.

Im März fällt die Entscheidung, ob das Projekt „Pfandsache“ genug Unterstützer finden konnte. Einen Plan B haben die Studenten nicht. Wieso denn auch? „Wir glauben einfach daran“ , zeigt sich Hörmann optimistisch.

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Bei dem Ideenwettbewerb der Uni Kiel haben sich 54 Teams mit ihren sozialen, nachhaltigen oder ökologischen Projekten beworben.
  • Noch bis zum 7. März kann abgestimmt werden, welches der Projekte den Publikumspreis und somit die Startfinanzierung erhält.
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr