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Personalsorgen: Wehren in Marburg am Limit

OP-Recherche Personalsorgen: Wehren in Marburg am Limit

Die Marburger Feuerwehren kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Selbst größere Wehren verzeichneten zuletzt einen massiven Einbruch (62 Prozent) bei der Jugendabteilung im Vergleich zu 2008. Die OP sprach mit Brandbekämpfern in der Stadt.

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Hundertfach pro Jahr bei Bränden im Einsatz – freiwillig, ohne Gehalt: die Marburger Feuerwehren.

Quelle: Fotomontage: Sven Geske

Marburg. In der Universitätsstadt gibt es aktuell 16 freiwillige Feuerwehren. Doch ihnen fehlt der Nachwuchs, die jugendlichen Brandschützer wechseln nicht mehr in die Einsatzabteilung oder treten gleich gar nicht mehr bei: „Es drohen bald massive Personaleng-pässe“, sagt Uwe Rumpf, Wehrführer in der Marbach. Nach Einschätzung einiger ehrenamtlicher Feuerwehrleute müssen bei gleichbleibender Tendenz in Zukunft einige Marburger Wehren aufgelöst werden - womit einige Stadtteile das Schicksal von Ginseldorf, Gisselberg, Cyriaxweimar und Dagobertshausen erleiden, wo es keine Einsatz- oder Jugendabteilung gibt. Auf die problematische Situation wollen die Mitglieder der Feuerwehr Ockershausen mit ihrem Internet-Hit "Atemschutz in der Nacht" (auf Youtube mehr als 280 000 Mal angeklickt) aufmerksam machen.

Haddamshausen: „Die Einsatzabteilung steht an der Grenze der Vorgaben“, sagt Alwin Schneider, Wehrführer in Haddamshausen. Die Nachwuchs-situation der Brandschützer im Stadtteil sei „sehr sehr kritisch“. Die Jugendlichen haben seiner Erfahrung nach „heutzutage zu viel um die Ohren, die Feuerwehr bleibt dabei auf der Strecke.“

Ockershausen: „Die Jugendfeuerwehr war und ist einer der wichtigsten Faktoren der Nachwuchsförderung.“ „Viele Bürger wissen mittlerweile gar nicht mehr, dass bei der Feuerwehr hauptsächlich ehrenamtliche Kräfte wirken“, sagt Patrick Fischer, Wehrführer in Ockershausen.

Hermershausen : „Man spürt bei uns den demografischen Wandel nun sehr deutlich“, sagt Florian Ziegler, Wehrführer in Hermershausen. „Familie und das Hobby Feuerwehr unter einen Hut zu bekommen, ist heute schwierig“, sagt er. Im Gegensatz zu früher werde Werbung immer wichtiger, um Aktive zu gewinnen. Jedoch: „Das Bewusstsein, dass es überhaupt eine freiwillige Feuerwehr gibt, sinkt. Viele Menschen vergessen, wie notwendig dieses Engagement, diese Arbeit ist.“

Elnhausen : „Wir können uns zwar nicht über unsere Situation beschweren, aber Ganztagsschulen sind ein Problem für unsere Nachwuchsförderung“, sagt Harald Michel, Wehrführer in Elnhausen.

Dilschhausen: „Es fehlt schlicht an Bereitschaft für das Ehrenamt und einer aktiven Teilnahme“, sagt Markus Vormschlag, Wehrführer in Dilschhausen. Der Vorstand wird sich demnächst wohl komplett auflösen, Nachfolger gebe es keine.

Marbach: „Wir sind an der absoluten Schmerzgrenze in der Einsatzabteilung“, sagt Uwe Rumpf, Wehrführer in Marbach. Die Mitglieder-Entwicklung sei sehr rückläufig, auch, weil aufgrund der Mieten kaum noch junge Bewohner in den Stadtteil zögen und die schulischen Anforderungen an die Teenager gestiegen seien. Grundsätzlich werde es „immer schwerer, Jugendliche zu begeistern und Idealismus zu wecken“. Der Trend gehe „klar zum Personalverlust, obwohl die Aufgaben mehr werden“. An der Technik, Ausstattung und zeitgemäßen Gebäuden mangele es hingegen nicht.

Michelbach: „Es ist schwer, Jugendliche über einen langen Zeitraum zu binden“, sagt Andreas Schogs, Wehrführer in Michelbach. Er sieht die Brandschützer im Stadtteil aber „gut aufgestellt“, man schaue „optimistisch in die Zukunft“. Mit der Gründung einer Kinderfeuerwehr habe man gute Erfahrungen gemacht.

Wehrda: „Uns geht es sehr gut, wir sind äußerst zufrieden“, sagt Markus Dehnert, Wehrführer in Wehrda.

In der Stadt arbeiten 30 hauptamtliche Feuerwehrkräfte. Fachdienstleiterin ist seit April 2011 Carmen Werner. Die meisten Feuerwehrleute (rund 500), die zu Einsätzen ausrücken, arbeiten jedoch ehrenamtlich, bekommen also kein Geld für ihre Dienste. Die Feuerwehren in Marburg seien in Bezug auf Ausrüstung, Unterkünfte, Gebäude oder Fahrzeuge „auf einem allgemein guten Stand und sehr gut ausgestattet“, teilte Andreas Brauer, stellvertretender Leiter der Marburger Feuerwehr auf OP-Anfrage mit.

  • Die gemeinsame Jahreshauptversammlung der freiwilligen Feuerwehren findet am Mittwoch, 15. April, 19.30 Uhr im Bürgerhaus Marbach (Emil-von-Behring-Straße) statt.

von Björn Wisker und Ina Tannert

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