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Pentagon finanzierte Forschung der Uni Marburg

Militärforschung Pentagon finanzierte Forschung der Uni Marburg

22 deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute haben Förderung von mehr als 10 Millionen Dollar aus dem Haushalt des US-Verteidigungsministeriums erhalten. Auch ein Projekt an der Uni Marburg hat davon profitiert.

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Prof. Uwe Homberg hat im Auftrag der Air Force Wüstenheuschrecken erforscht. Das belegt der Forschungsbericht, der vom NDR öffentlich gemacht wurde.

Quelle: Screenshot vom Forschungsbericht

Marburg. Worum ging es in dem Marburger Projekt über nächtliche visuelle Orientierung bei fliegenden Insekten?  Während der Projektlaufzeit 2008 bis 2011 fertigte  die Marburger Arbeitsgruppe von Professor Uwe Homberg eine Laborstudie zur nächtlichen Orientierung von Wüstenheuschrecken an. Die normalerweise in Schwärmen vorkommende, tagaktive Art ist unter bestimmten Umständen auch nachts und dann  einzeln aktiv. Die Orientierung erfolgt bei den Tagflügen vermutlich  anhand des Himmelspolarisationsmusters. Die Vermutung, dass die nachts  fliegenden Tiere ein wesentlich empfindlicheres Sehsystem hätten als die tags fliegenden Tiere, konnte von der Forschergruppe allerdings nicht bestätigt  werden. Es ist also immer noch unklar, wie sich die Tiere nachts orientieren.

Das Ziel des Gesamtvorhabens geht aus der Projektskizze hervor, die der OP vorliegt. Einerseits sollte es zu einem besseren Verständnis im generellen Feld der Navigation der Tiere und ihrer Flugkontrolle dienen. Angewendet auf die Konstruktion von Drohnen hätten die Ergebnisse im nicht eingetreten Erfolgsfall  den Designern von Sensoren und Kontrollsystemen für diese unbemannten Flugkörper möglicherweise neue Informationen gegeben, die für die künstliche Navigation im sehr dunklen Licht wichtig gewesen wären.

Homberg versteht die Aufregung über die Pentagon-finanzierte Forschung nicht. Er verwies im Gespräch mit der OP darauf, dass die Ergebnisse seiner Forschung seit der Beendigung des Projektes 2011 wie vorher vereinbart öffentlich zugänglich im Netz nachzulesen seien. Zudem sei es keine Auftragsarbeit des US-Verteidigungsministeriums gewesen.

Drei Forscher reichten Antrag gemeinsam ein

Er erläuterte der OP, wie das Vorhaben in Gang gekommen war. Die Initiative dazu sei von einem Kollegen von der Universität Lund (Schweden) gekommen. Auch ein weiterer Biologe von der Universität Canberra (Australien) habe sich am Anfang daran beteiligt. Die drei Forscher hätten beim europäischen Büro der für die Verteilung von Forschungsgeldern zuständigen Abteilung der US-Luftwaffe den Antrag eingereicht.

Um das Projekt attraktiv zu machen, sei schon im Titel der Fokus auf eine mögliche Verbesserung des Designs von sichtbasierten Sensoren in „Mikro-Aereal Vehicles“ (Drohnen) und somit einen möglichen militärischen Nutzen gelegt worden. Der Antrag wurde bewilligt: Zusätzlich zu den 143 600 Euro für die Marburger Forscher gab es noch 200 000 Euro für die schwedische Forschergruppe, während die Australier wegen der Pensionierung des federführenden Forschers aus dem Projekt ausstiegen.

Nach der Genehmigung der Gelder wurde in Marburg in einem Labor zur Empfindlichkeit des Sehsystems der Heuschrecken geforscht. Homberg betonte, dass er die Forschung an den Wüstenheuschrecken auch dann betrieben hätte, wenn es  keine Mittel von der „US Air Force“ gegeben hätte, da es sich im üblichen Sinne um Grundlagenforschung gehandelt habe.

Krause hatte von Projekt abgeraten

„Dass das auch einen militärischen Nutzen haben könnte, dessen muss sich jeder Forscher bewusst sein“, betonte Homberg. Er ist sich jedoch sicher, dass die Ergebnisse seiner Forschungen nicht dazu beitragen können, dass Menschen noch effektiver getötet werden können, sagte er im Gespräch mit der OP.  Zudem sagte er, dass viele Forscher aus dem Sektor „Sinneswahrnehmung von Insekten“ Kontakte zu Drittmittelgebern aus dem militärischen Sektor hätten. Es gebe dabei jedoch relativ wenig Industrieforschung, in der es zielstrebig um die Anwendung der Erkenntnisse gehe. Auf Anfrage der OP sagte die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause, dass sie Homberg von dem Forschungsprojekt abgeraten hätte, falls dieser sie vorher gefragt hätte. Denn hier gebe es das gewaltige Problem, dass die Ergebnisse des Forschungsprojektes sich sowohl nützlich als auch schädlich verwenden lassen könnten.

An einigen Universitäten gibt es sogenannte Zivilklauseln, in denen Uni-Forscher aufgefordert werden, Forschungsmittel und Forschungsthemen abzulehnen, die Rüstungszwecken dienen können. Eine solche Zivilklausel an der Uni zu installieren, hält Krause allerdings wegen der grundgesetzlich verankerten Freiheit von Forschung und Lehre nicht für sinnvoll. Das sieht auch der Marburger Friedens- und Konfliktforscher Professor  Thorsten Bonacker so. „Zivilklauseln sind nicht einklagbar“, betonte Bonacker, auf OP-Anfrage. Bonacker forderte aber wie der Friedens- und Konfliktforscher Dr. Johannes M. Becker (Marburg) eine stärkere inneruniversitäre Debatte über eine mögliche Militärforschung. Becker plädiert für eine Zivilklausel und sagte gegenüber der OP: „Man  sollte versuchen, die Militärforschung generell von den Universitäten fernzuhalten“.

von Manfred Hitzeroth

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