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Patienten nutzen Notversorgung aus

Ärztlicher Notdienst Patienten nutzen Notversorgung aus

In den vergangenen Jahren sind die Kosten in der ärztlichen Notfallversorgung immens gestiegen. Ein großer Teil des Geldes wird für Notfälle ausgegeben, die gar keine sind. Auch in Marburg.

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Auch Allgemeinmediziner Dr. Oliver Fraß aus Stadtallendorf bemängelt, dass der ärztliche Notdienst von manchen Patienten unnötig aufgesucht wird.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Freitagabend. Der Hals schmerzt, das Atmen wird schwerer, das Fieber steigt. Die Hausarztpraxis ist längst geschlossen. Was tun? „Wer am Freitagabend an einem hochfieberhaften Infekt erkrankt, muss damit nicht bis Montagmorgen warten“, findet Doktor Clemens Kill, Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am Uniklinikum Marburg (Foto: Korte). Doch statt den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu kontaktieren, der außerhalb der hausärztlichen Sprechzeiten für Patienten zuständig ist, fahren viele in die Notfallaufnahme oder, noch unnötiger, lassen sich vom Rettungsdienst fahren.

In den letzten 14 Jahren sind die Kosten für Einsätze mit dem Rettungswagen um 147 Prozent gestiegen. Betrugen sie im Jahr 2000 noch 700 Millionen Euro, waren es im Jahr 2014 bereits 1,74 Milliarden Euro. Dies bestätigte der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) gegenüber der OP. Im Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ wurde aufgedeckt, dass knapp ein Drittel dieser Kosten (560 Millionen Euro) für Einsätze ausgegeben wurden, die kein Notfall waren.

Rettungsdienst wird zunehmend missbraucht

Die Zahlen aus Marburg und dem Landkreis überraschen zunächst: Betrug die Zahl der Gesamteinsätze der Rettungsdienste hier 2013 noch 42617, sank sie im darauffolgenden Jahr 2014 um knapp 4 Prozent auf 40982. Wie viele dieser Einsätze kein wirklicher Notfall waren, lässt sich laut Eike Maxin, stellvertretender Rettungsdienstleiter der Johanniter in Marburg, nicht feststellen, da die Notfallambulanzen den Rettunsgdiensten nicht rückmelden, wie es den Patienten nach Einlieferung ergangen ist. Maxin stellt aber fest: „Der Rettungsdienst wird zunehmend zu Patienten gerufen, die nicht so schwer erkrankt sind und für die der Rettungsdienst eigentlich nicht gedacht ist.“ Auffallend sei auch, dass immer häufiger solche Patienten transportiert werden, die früher noch von Familienangehörigen zum Hausarzt gebracht wurden.

Versorgungswunsch der Patienten nimmt zu

Wie sieht es in der Notfallaufnahme des Universitätsklinikums aus? Hier werden jährlich rund 60000 Patienten versorgt. Täglich sind das etwa 150 bis 200 Patienten - Tendenz, laut Kill, steigend. Er stellt fest: „Der medizinische Versorgungswunsch der Patienten nimmt zu. Die Patienten wollen schneller und besser über ihre Krankheit informiert und fachspezifischer behandelt werden als früher.“ Auch der demografische Wandel - „Die Patienten werden älter und damit auch kränker“ - mache sich bemerkbar.

Einen weiteren Grund für die Zunahme von Patientenzahlen in der Notfallaufnahme sieht Kill darin, dass Patienten bei einem Termin bei Fachärzten sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. „Da ist es leichter, ins Krankenhaus zu fahren, wo sich verschiedenste Fachärzte befinden. Das Versorgungssystem ist aber nicht dafür vorgesehen, um mit dem Anspruch in die Notfallaufnahme zu gehen, sofort umfassend durch alle Spezialisten behandelt zu werden, wenn es sich nicht um ein akut bedrohliches Problem handelt“, stellt Kill klar.

Nicht selten stelle sich in der Notfallaufnahme heraus, dass vermeintliche „Notfallpatienten“ auch durch den Hausarzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst hätten versorgt werden können. Kill führt dies auf eine „Unkenntnis über die Möglichkeiten, die ein medizinisches System bietet“, zurück. Dabei sei die Formel doch ganz leicht: „Erst kommt der Hausarzt, dann die Notfallaufnahme.“ (siehe auch „Hintergrund“).

Heißt: Wenn das Warten auf den Hausarzt dazu führen kann, dass sich der Zustand verschlechtert, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst zu informieren. Bei lebensbedrohlichen Notfällen soll der Notruf zum Rettungsdienst erfolgen, der nach Erstversorgung den Notfallpatienten in die Notfallaufnahme transportiert. „Die Notfallaufnahme ist eine Eingangstür, um danach im Krankenhaus zu bleiben“, verdeutlicht Kill. Dies sei vielen nicht bewusst.

Bis zu 100 Euro Verlust bei Notfallversorgung

Was vielen auch nicht bewusst zu sein scheint, ist der Kostenpunkt: Die Vergütungshöhe bei einer ambulanten Notfallversorgung liegt bei etwa 35 Euro - egal ob beim ärztlichen Bereitschaftsdienst oder in der Notfallaufnahme. In der Notfallaufnahme eines Krankenhauses werden aber mehr Zusatzleistungen wie Röntgen- und Laboruntersuchungen erbracht, die weitaus mehr kosten können. Um die Versorgung eines Notfallpatienten zu decken, macht das Krankenhaus bis zu 100 Euro Verlust.

Obwohl die Zahlen der Beauftragung durch den ärztlichen Notdienst nicht erfasst werden, sei auch hier in den vergangenen Jahren „eine deutliche Erhöhung“ wahrzunehmen, wie Kreissprecher Markus Morr gegenüber der OP angibt. Letzteres bestätigt auch Christoph Wiemers von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und Leiter der Dispositionszentrale in Kassel im OP-Gespräch. Besonders an Brückentagen sei ein hoher Ansturm zu verzeichnen.

„Es gibt Patienten, die gar keinen Hausarzt haben, sondern den Notdienst vorziehen.“ Darunter seien vor allem viele junge Patienten. „Die Mentalität ‚kostet ja nichts - da geh ich mal hin‘“ ist für Wiemers „ein Ärgernis.“

Er kritisiert die mangelnde Eigenverantwortung vieler Patienten. Es seien schon Personen zum notärztlichen Dienst gekommen, die seit zwei Wochen Gelenkschmerzen an der Hand haben.

„Das ist nicht akut“, sagt Wiemers. „Man muss doch so selbstverantwortlich mit sich umgehen und einen Termin unterhalb der Woche machen können“, appelliert Wiemers.

von Ruth Korte

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