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Pastor kämpft gegen Flüchtlings-Elend

Hilfe auf Chios Pastor kämpft gegen Flüchtlings-Elend

Ein Marburger mitten im Elend: Alexander Hirsch reiste als freiwilliger Flüchtlingshelfer auf die griechische Insel Chios. Der OP erzählt er von seinen Erlebnissen.

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Alexander Hirsch erzählt der OP seine Geschichte als Flüchtlingshelfer auf der griechischen Insel Chios. Etwa, wie er die Überreste eines Schlauchboots entsorgte.

Quelle: Privatfoto

Marburg. „Das erste Gesicht, das diese Menschen auf europäischem Boden sehen, das soll ein freundliches sein“ – Alexander Hirsch ist nach Griechenland gereist, um eines dieser Gesichter zu sein. An einer der vielen Küsten, an denen weiterhin täglich Hunderte Flüchtlinge ankommen.

Alles, was in Zeitungen, Fernsehen, im Internet zu lesen, zu sehen ist, hat der Marburger direkt vor Ort erlebt: die überfüllten Boote. Weinende Babies und Kinder, schwangere Frauen. Durchnässte und entkräftete Menschen, die nichts mehr haben als das, was sie bei sich tragen. „Danach hat alles, was man hier hört und liest und vor allem das, was manche in den sozialen Netzwerken in den Äther pusten, eine ganz andere Dimension“, sagt Hirsch.
Den Entschluss, auf die Insel Chios zu reisen, fasste der Pastor plötzlich – auf der Autobahn. Er dachte über einen Artikel nach, den er zuvor in der OP gelesen hatte: Die Geschichte zweier Studentinnen, die als Helfer nach Lesbos wollten. Gewissheit habe ihn übermannt. „Ich bin dort gefragt.“

Hirsch schrieb von zuhause aus andere Helfer an, die bereits vor Ort waren. „Macht das Sinn, wenn ich da hin fahre, oder stehe ich nur im Weg rum?“ Die Antwort: „Wir brauchen jeden Menschen.“ Also wurden aus der spontanen Eingebung konkrete Reisepläne. Zuerst sprach Hirsch mit seiner Frau. „Dass Dinah das nicht nur hinnimmt, sondern voll dahintersteht, war grundlegend“, sagt er. Dann holte er sich von seiner Gemeinde das Okay und den Segen, seine Eltern erklärten sich bereit, die drei Kinder für die Dauer seiner Reise zu übernehmen, und am 28. Dezember 2015 brach er auf. Mit im Gepäck: mehr als 3 500 Euro Spendengelder.

Hirsch nennt die Situation is apokalyptisch

„Ich war total überwältigt, dass innerhalb von einer Woche so eine Summe zusammengekommen ist.“ Er hatte im Vorfeld nur seiner Gemeinde und seinem engeren Umfeld von seinen Plänen erzählt. Was er mit diesem Geld gemacht hat, ist auf Heller und Pfennig veröffentlicht – von seinen Reisekosten bis hin zur Anschaffung von 450 Trainingshosen in Griechenland. Dort wird jegliche Hilfe nämlich bislang lediglich von freiwilligen Helfern wie Alexander organisiert. Und den Einheimischen. Die im krisengebeutelten Land eigentlich genug eigene Sorgen hätten. „Weder die Regierung noch das UN-Flüchtlingshilfswerk oder das Rote Kreuz – keine Institution ist an diesen Stränden.“

Als erstes lernte er nach seiner Ankunft die türkische Seite kennen. Eine Helferin nahm ihn mit dorthin. An den Rand der Stadt Çesme, wo sich eine Bauruine, die einmal eine Ferienhaussiedlung werden sollte, in ein inoffizielles Camp verwandelt hatte. Inzwischen ist es geräumt. Als Alexander Hirsch ankam, versorgten Einheimische dort bis zu 1000 Flüchtlinge. Er nennt die Situation „apokalyptisch“.

Auf Chios selbst verbrachte Hirsch erst mehrere Tage im Keller – um Kleider zu sortieren. Und wofür das nötig ist, erlebte er dann in einer Nacht, als 30 Flüchtlingsboote auf einmal ankamen. Trockene Kleidung gehöre dann zum Wichtigsten. Kleidung, Essen, lebensrettende Maßnahmen. Eine kleine Hilfsorganisation aus Norwegen sei vor Ort gewesen, ansonsten Menschen, die zusammengewürfelt aus Deutschland, England, Polen oder den USA kommen. Studenten, Rentner, Lebenskünstler – alles dabei.

Koordination über soziale Netzwerke

Die Hilfe wird über Absprachen, über das Internet koordiniert. Informationen laufen über Facebook- und Whats­app-Gruppen. In 24-Stunden-Schichten kümmern sich die Helfer. Er ist mit den anderen zusammen die Küste auf- und abgefahren, er hat geholfen, den Strand aufzuräumen, er hat Kleider und Decken und Essen verteilt. Wenn ein Boot ankommt, wird die Polizei informiert, damit die erkennungsdienstlichen Maßnahmen durchgeführt werden können; wenn jemand medizinische Hilfe braucht, ein Krankenwagen. Nicht immer kommt einer.

Viele hätten ihn während seines Aufenthalts und jetzt danach gefragt, ob ihn all das Leid nicht erschlagen habe, emotional. „Überhaupt nicht“, antwortet er. Die komplette Abwesenheit von Institutionen vor Ort habe ihn geschockt, aber umso mehr war er davon beeindruckt, wie viel möglich ist, wenn sich nur ein Häufchen Freiwilliger findet. „Ich  habe Hochachtung vor den Leuten vor Ort, die sich kümmern und die sich auch schon vor Jahren gekümmert haben, als auch schon Boote ankamen, auch wenn es damals nur vereinzelt vorkam“, erklärt Alexander Hirsch.

Nach zehn Tagen kam er nach Hause. Von Chios nach Çesme reiste er sicher, für 20 Euro, auf einer Fähre, mit einem Dach über dem Kopf und schlechtem Kaffee. Er stand an Deck – und heulte. „Mit ein paar anderen Worten auf meinem Ausweis würde mich die Überfahrt gute 1000 Euro kosten, meine Würde und vielleicht – nicht unwahrscheinlich – mein Leben“, sagt er – und schreibt diese Zeilen in sein Blog (siehe Infokasten).

von Nadja Schwarzwäller

Vortrag
Am Montagabend, den 1. Februar um 20 Uhr erzählt Alexander Hirsch von seinen Erfahrungen. Ort: bei der Anskar-Gemeinde (Gisselberger Straße 51). Sein Blog finden Sie hier.
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