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Nachruf Pädagoge mit Breitenwirkung

Wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag ist der international anerkannte Marburger Erziehungswissenschaftler Professor Wolfgang Klafki am vergangenen Mittwoch in Marburg gestorben.

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Der Marburger Professor Wolfgang Klafki.

Quelle: Manfred Hitzeroth (Archiv)

Marburg. „Schule anders machen, als wir es als Schüler erlebt haben“: Dieses sei schon in seiner vierjährigen Zeit als Grundschullehrer sein Motto gewesen, sagte der Erziehungswissenschaftler Professor Wolfgang Klafki in einem Gespräch mit der OP, anlässlich seines 80. Geburtstags vor neun Jahren. Dieses Credo habe er als Absolvent der Pädagogischen Hochschule kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verinnerlicht und dann auch auf seine spätere Laufbahn als Erziehungswissenschaftler mit übertragen.

Schon als Lehrer in einer Schule in Schaumburg/Lippe in den Jahren 1948 bis 1952 wandte der gebürtige Ostpreuße ungewöhnliche Unterrichtsmethoden an. So bevorzugte er im Deutschunterricht die Aufteilung seiner Schüler in Kleingruppen.

Bildungsreformer beeinflusste Funkkolleg Erziehungswissenschaft

Im Jahr 1927, als die Philipps-Universität ihr 400-jähriges Bestehen feierte, wurde Klafki geboren. Nach seinem Pädagogik-Studium an den Universitäten Göttingen und Bonn von 1952 bis 1957 war er von 1963 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1992 Professor für Erziehungswissenschaften an der Marburger Universität.

Als Bildungsreformer beeinflusste er die Theoriebildung wie mit seinen mehrbändigen Schriften zum Funkkolleg Erziehungswissenschaft 1969 und 1970.

Von 1971 bis 1977 leitete er an der Uni Marburg ein von der Volkswagenstiftung gefördertes groß angelegtes Forschungsprojekt, bei dem zusammen mit Lehrern und Schülern neue Konzepte für Unterrichtseinheiten im Grundschul-Unterricht erprobt und entwickelt werden sollten. Auch die Entwicklung der sechsjährigen Grundschule an der Otto-Ubbelohde-Schule bereitete Klafki federführend mit vor.

Erhebliche Wirkung hat Klafki durch seine Arbeiten zur Bildungstheorie und zur Entwicklung eines zeitgemäßen Allgemeinbildungskonzepts erzielt, so Professor Heinz Stübig, einer von Klafkis Schülern. Allgemeinbildung sei im Sinne Klafkis dabei als Zusammenspiel von Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit zu verstehen. Junge Menschen sollten befähigt werden, über ihre individuellen Lebensentwürfe verantwortlich zu entscheiden.

Zudem sollten sie ermutigt werden, auch im Zusammenwirken mit anderen Einfluss auf die Gestaltung der kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse auszuüben. Schließlich sollten sie erkennen, dass es notwendig sei, sich auch für diejenigen einzusetzen, die aufgrund von Behinderungen oder Benachteiligungen dazu nur teilweise oder gar nicht in der Lage seien.

Gewürdigt wird Klafkis Lebensleistung anlässlich seines Todes auch von der Marburger Uni-Leitung und den Verantwortlichen des Fachbereichs Erziehungswissenschaften. Klafki habe mit seinem Konzept der kritisch-konstruktiven Didaktik Bleibendes geschaffen, heißt es in einem von der Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause und der Dekanin des Fachbereichs, Professorin Susanne Lin-Klitzing, unterzeichneten Erklärung. „Wir sind froh und dankbar, ihn erlebt und von ihm gelernt zu haben. Sein überaus gründliches und kontinuierliches erziehungswissenschaftliches Schaffen sowie seine positive menschliche Zuwendung werden uns in besonderer Erinnerung bleiben“, heißt es dort weiter. Wolfgang Klafkis wissenschaftliches Werk schlägt sich in mehr als 430 Publikationen nieder. Um alle diese Abhandlungen, Aufsätze und Berichte, Interviews, Vorworte oder Rezensionen zu dokumentieren, wurde 1992 eigens eine umfangreiche Bibliographie erstellt.

Auch nach seiner Emeritierung 1992 war Klafki weiterhin wissenschaftlich und bildungspolitisch tätig. Dabei habe er immer versucht, seine pädagogischen und bildungspolitischen Ansätze Lehrern aller Schulformen nahezubringen, so Professor Stübig. Viele von ihnen hätten Klafkis theoretische Überlegungen und seine praktischen Ansätze übernommen.

von Manfred Hitzeroth

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