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"Packt uns in den Lkw - nehmt uns mit"

Willi will helfen "Packt uns in den Lkw - nehmt uns mit"

Wie oft hatten Willi und Manuel Weitzel sich auf ihrer Reise gefragt, was sie im Flüchtlingslager erwarten würde. Was sie tatsächlich erlebten, stimmt die Brüder nachdenklich und demütig

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Willi und Manuel erzählen den versammelten Flüchtlingen, warum sie gekommen sind und von wem die Spenden sind. Zwei Flüchtlinge übersetzen.

Quelle: Thomas Strothjohann

Harmanli . Freitag haben Manuel und Willi Weitzel im Flüchtlingslager im bulgarischen Harmanli zwei Tonnen Hilfsgüter an syrische Flüchtlinge übergeben.

OP: Warum habt Ihr die Sachspenden in Harmanli übergeben?
Willi: Eigentlich wollten wir die Sachen zu syrischen Flüchtlingen in die Türkei bringen. Hilfsgüter, vor allem gebrauchte, dürfen aber nicht in die Türkei eingeführt werden. Und leider konnten wir die türkische Regierung nicht überzeugen, für die syrischen Flüchtlingskinder eine Ausnahme zu machen. Doch ein paar Tausend Flüchtlinge haben es über die türkische Grenze bis nach Bulgarien, also in die EU geschafft – und in der EU gab es für uns keine Grenzen, die uns aufhalten konnten.

OP: Wie muss man sich ein Flüchtlingslager in der Europäischen Union vorstellen?
Manuel: Die Menschen leben in Harmanli in einfachsten Verhältnissen. Zwischen vier und zehn Personen in einem Container. Wenn man einen Blick in die Unterkünfte wirft, wird klar, dass sie die Sachspenden gut gebrauchen können. Zwei Beispiele: Auf den Matratzen sind keine Laken – und fast alle Spielsachen, die wir später im Lager gesehen haben, hatten wir mitgebracht.

OP: Wie war die Stimmung in dem Lager?
Manuel: Beim Ankommen habe ich gleich gemerkt, dass da eine gewisse Schwere in der Luft liegt. Da sind keine Kinder neben dem LKW hergerannt. Die Menschen waren irgendwie bedrückt, haben sich umgeschaut und sich über die Lagerleitung beschwert. Wir standen da gleich zwischen zwei Fronten in einem Konflikt. Der Direktor des Lagers, ein ehemaliger bulgarischer Offizier hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er von den Flüchtlingen nicht viel hält und keinen Weg sieht, Disziplin in die ‚Truppe‘ zu bringen.
Willi: …Aber es geht hier ja nicht um Soldaten, sondern um  Flüchtlinge – und davon die Hälfte sind Kinder.  

OP: Und konntet Ihr daran etwas ändern?
Willi: Ich fürchte nicht. Da sind zwei Welten aufeinandergetroffen. Wir sind mit einem bunten Lastwagen und Reiselaune aus der heilen Welt gekommen. Und die sind von Schleppern aus einem Bürgerkrieg herausgeschleust worden – haben ihr Zuhause verloren. Aber wir haben erklärt, dass wir Hilfe von Kindern aus Deutschland bringen – und beim Wort Deutschland hellte sich die Stimmung auf. Da wurde es laut und eine regelrechte Jubelwelle ging durch die Schlange vor dem Zelt, in dem wir die Sachen verteilen wollten.

Nachdenklich müssen Willi und Manuel Weitzel das Flüchtlingslager im bulgarischen Harmanli verlassen. Sie haben einen Großteil der Hilfsgüter verteilt - und gesehen, dass noch viel mehr getan werden muss, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern. (Fotos: Thomas Strothjohann)

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OP: Und wie habt Ihr die Sachen verteilt?
Manuel: Das war wirklich nicht einfach. Wir haben mit einer Gruppe erwachsener  Flüchtlinge versucht, die Spenden gerecht zu verteilen. Die Kinder sollten nacheinander ins Zelt kommen. Jedes Kind bekam erst einmal Stifte, einen Block, Zahnputzzeug und ein Kuscheltier. Damit sich keiner zweimal anstellt, hat einer der Helfer die Kinder mit einem Filzstift markiert. Danach haben sich die Eltern aus den Kleiderspenden, Spielzeugen und Hygieneartikeln Sachen für ihre Kinder herausgesucht. Das war sehr schwer zu kontrollieren und unsere Vorstellungen vom Helfen waren dabei auch nicht immer richtig.

Willi: … Ich hatte mehrfach die Sorge, dass das Gedränge zu groß wird und jemand verletzt wird. Natürlich verstehe ich als Vater aber, dass Eltern für ihre Kinder wie Löwen kämpfen, wenn es ums Überleben geht.
OP: Wie könnte den Flüchtlingen denn über die Aktion hinaus geholfen werden?
Manuel: Die Flüchtlinge sind nicht in Bulgarien, weil sie da hin wollten, sondern, weil sie auf dem Weg nach Deutschland und Westeuropa sind. Eine Frau hat sogar gesagt: ‚packt uns doch in den Lkw und nehmt uns mit nach Deutschland!‘ Das hat meinen Eindruck bestätigt, dass die Flüchtlinge sich in Harmanli nicht andeutungsweise zu Hause fühlen.

von Thomas Strothjohann

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Willi will helfen

Manuel und Willi Weitzel haben Flüchtlingskinder an der syrischen Grenze besucht und ihre Spendenmission erfüllt. In welcher Armut Flüchtlinge in der Türkei leben, haben sie unter anderem bei einem Hausbesuch erlebt: Die achtköpfige Familie teilt sich zwei Zimmer. Die Kinder müssen zudem arbeiten.

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