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Vor der Entschärfung der Fliegerbombe

Ortenberger nehmen Sprengung gelassen

Für die Menschen am Ortenberg sind Evakuierungen wie die an diesem Mittwoch, 31. August, schon zur Routine geworden. Es gibt keinen Grund zur Sorge, erzählten diejenigen, die mit der OP 
gesprochen haben.
Der Marburger Ortenberg unterhalb vom Spiegelslustturm: Wegen der Sprengung einer Fliegerbombe werden Teile des Viertels diesen Mittwoch evakuiert. Panorama-Fotomontage: Thorsten Richter

Der Marburger Ortenberg unterhalb vom Spiegelslustturm: Wegen der Sprengung einer Fliegerbombe werden Teile des Viertels diesen Mittwoch evakuiert.

© Thorsten Richter

Marburg. Spätestens um 8 Uhr an diesem Morgen müssen etwa 600 Ortenberger ihre Häuser verlassen haben, weil am Vormittag eine nördlich des Kaiser-Wilhelm-Turms gefundene Fliegerbombe kontrolliert gesprengt werden muss (die OP berichtete).

Vom oberen Teil der Dürerstraße bis zur Ecke Hans-Sachs-Straße über die Georg-Voigt-Straße bis Ecke Blitzweg und zum Ende des Blitzwegs gen Wald sowie im Glammbergweg dürfen die Anwohner ihre Häuser bis voraussichtlich 12 Uhr nicht aufsuchen. Wieder zurückkehren in die betroffenen Häuser können die Ortenberger aber erst nach der offiziellen und ausdrücklichen Entwarnung beziehungsweise Freigabe durch den Kampfmittelräumdienst und die beteiligten Einsatzkräfte.

Zwar besteht während der Sprengung Lebensgefahr am oberen Ortenberg und im angrenzenden Waldgebiet, doch das verunsichert Annette Velte nicht. Die 66-Jährige hat schon zwei andere Sprengungen hinter sich (die am Edeka-Supermarkt und die Mitte Juli in der Neuen Kasseler Straße).

Velte weiß zwar, dass am Ortenberg viele Bomben liegen, doch das sei verständlich, wurde der Hauptbahnhof im Zweiten Weltkrieg doch stark bombardiert. „Schon meine verstorbene Nachbarin, die den Krieg miterlebt hat, erzählte immer, dass noch viele Bomben unter der Erde liegen“, offenbart Velte.

„Dass sich überall Bomben befinden, finde ich nicht beunruhigend, denn wenn die seit dem Krieg nicht hochgegangen sind, werden die jetzt in der Regel auch nicht mehr explodieren“, glaubt die Ortenbergerin. Sie entstammt der Nachkriegsgeneration und sieht die durch Bombenfunde ständige Konfrontation mit dem und die Erinnerung an den Krieg als „eine Art Mahnmal“. Bei der letzte Woche entdeckten Bombe ist sie allerdings nicht von der Evakuierung betroffen, zumal sie schon am Donnerstag sogar verreist.

Wie Velte ist auch Flavia Mac Donald Couto (Fotos: Bakhtari) 
durch einen 
Facebook-Post der OP auf die Sprengung der Bombe aufmerksam geworden. Sie habe sich vor allem bei der Bombe im Juli „schrecklich gefühlt, ich war geschockt.“ Auch die 27-Jährige ist nur mittelbar von der Räumung betroffen, ihre 
Straße muss nicht evakuiert werden. Erfreulich sei, dass die Behörden die Nachricht von der Bombenentschärfung diesmal frühzeitig bekannt gaben.

Denn bei der vorigen Bombe in der Kasseler Straße sei das Räumen betroffener Straßenzüge sehr kurzfristig umgesetzt worden. So hatten Sarah Niemczyk und ihr Mann Stephan Michler (beide 37) im Juli gar keine Möglichkeit mehr, in ihr Haus zu gelangen, da sie unterwegs waren. Erfahren hatten sie vom Fund der Bombe durchs Radio. Doch die beiden hatten Glück im Unglück: Sie konnten für die Zeit der Sprengung mit ihrem kleinen Sohn bei Freunden und 
Familie unterkommen.

Vorbereitet auf derlei Situationen könne man freilich nicht sein, erklärt das Paar. Dennoch sei Michler als gebürtiger Dresdener häufige Bombenfunde gewohnt. „Es ist eher spannend als beängstigend, macht es nun ‚Bumm‘ oder nicht“, beteuert der „äschde Saggse“ (so steht es auf seinem T-Shirt). Die beiden sehen die Situation positiv: „Es kann ja auch spaßig sein. Dann hat man ein Gesprächsthema mit denjenigen Nachbarn, mit denen man sonst nicht so viel zu tun hat“.

Im Großen und Ganzen scheinen die Ortenberger mit der Situation gelassen umzugehen. Panik? – „Die habe ich nicht“, sagen viele im Gespräch mit der OP. Monika Michel (Foto), die zurzeit in Behandlung in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Rudolf-Bultmann-Straße ist, hätte heute eigentlich einen Termin gehabt, doch der war auf Dienstag vorverlegt worden. Michel berichtet aus ihrer Jugend: „Nach dem Krieg durfte ich meinen Opa, der Sprengmeister war, zu Einsätzen begleiten. Ich musste da zusammen mit anderen in Hörner blasen, um Personen ein Signal zu geben, die womöglich noch im Sprengungsgebiet waren.“ Auch diesen Mittwoch ertönt noch ein akustisches Signal vor einer Sprengung.

Ausgedehnte Spaziergänge unternehmen viele Menschen gerne, so auch Irene Rogatty (Foto). Die 67-Jährige ist sehr froh darüber, dass die Bombe im Wald am Spiegelslust entfernt wird, weil „ich meine Freizeit da oben verbringe“. Es sei gut, „dass es aufmerksame Leute gibt“.

von Yannic Bakhtari

 
Bus-Fahrplan

Bedingt durch die Sprengung der Fliegerbombe und der 
damit verbundenen Sperrung des Ortenbergs wird die Linie 8 diesen Mittwochvormittag umgeleitet.

Die Umleitungsstrecke in Richtung Sankt-Martin-Straße führt ab Erlenring über die Wilhelm-Röpke-Straße, Krummbogen, Hauptbahnhof und Neue Kasseler Straße zur Sankt-Martin-Straße. Es werden in der Umleitungsstrecke die Haltestellen Kurt-Schumacher-Brücke, Ludwig-Schüler-Park, Ortenbergcenter, Zimmermannstraße und Schlosserstraße bedient.

In der Gegenrichtung wird die Umleitungsstrecke über die Neue Kasseler Straße, Hauptbahnhof, Krummbogen und Wilhelm-Röpke-Straße zum Erlenring gefahren. Es werden die Haltestellen Schlosserstraße, Zimmermannstraße, Hauptbahnhof, Ludwig-Schüler-Park und Kurt-Schumacher-Brücke bedient. Der Beginn der Umleitung ist voraussichtlich um 8 Uhr, mit der Aufhebung ist gegen 12 Uhr zu rechnen.

 

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