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Ort der Ruhe birgt Legenden

OP-Serie: Lieblingsplätze Ort der Ruhe birgt Legenden

Ein paar Stufen sind zu bewältigen und schon bietet sich vom Friedhof am Michelchen ein wunderbarer Blick auf die Zentren der Stadt: das Schloss und die Elisabethkirche.

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Wilfried Geiger zeigt vor einem Grabstein eine alte Zeichnung vom Michelchen. Der Gästeführer ist gern auf dem idyllischen Friedhof der Kapelle.

Quelle: Heike Horst

Marburg. Schon als Kind spielte Wilfried Geiger gern auf dem Friedhof der Michaeliskapelle, die liebevoll Michelchen genannt wird. Bis heute ist der Ort für ihn etwas Besonderes. „Ich bin am Steinweg aufgewachsen“, erzählt der Gästeführer. Ein Ausflug zum Michelchen kosteten ihn nur wenige Minuten.

Fasziniert hat den jungen Geiger auch die Legende, dass Philipp der Großmütige die Beine der Elisabeth auf dem Friedhof verstreut haben soll. Auch in der Jugend ließ ihn der Ort nicht los, denn manchmal fand in der Kirche der Konfirmationsunterricht statt.

Heute führt Wilfried Geiger Gäste zum Michelchen. Seit 33 Jahren ist der 71-Jährige Gästeführer. Er kann vieles erzählen, was er selbst erlebt hat. Früher arbeitete Wilfried Geiger bei der Stadt und betreute Gäste von Marburg. „Es macht einfach Spaß“, sagt er. Und man merkt ihm die Leidenschaft, mit der er seine Aufgabe ausführt, an.

„Wenn ich hier hoch gehe, komme ich von laut zu leise und von hell zu dunkel“, sagt Wilfried Geiger vor dem Michelchen. Und in der Tat: Der Stadtlärm ist dort oben nicht mehr zu hören. Wer die Treppenstufen überwunden hat, wird aber nicht nur mit Ruhe belohnt. Der Friedhof gleicht einem Park und lädt zum Verweilen ein.

Am Abend, wenn die Straßenlaternen brennen, liegt das Michelchen völlig im Dunkeln.

Martin Luther soll dort gepredigt haben

Vor allem Tagungsgäste schätzen die Idylle nur wenige Meter oberhalb der Stadt. Aber nicht nur das macht den Ort faszinierend. „Man hat hier einen wunderschönen Blick auf die Elisabethkirche und das Schloss, die Zentren der Stadt, als Marburg Pilgerort war“, schwärmt der Gästeführer. „Die Gotik der E-Kirche kommt von hier erst richtig zur Geltung.“ Zudem ist viel Fachwerk zu sehen, „was darauf hin deutet, dass Marburg sehr dörflich war“. Gebaut wurde das Michelchen 1268. Angeblich soll auch Martin Luther dort gepredigt haben, doch dafür gibt es keine Beweise.

Fasziniert ist Wilfried Geiger auch von den inzwischen unbekannten Berufen, die auf den Grabsteinen vermerkt sind und die Tätigkeit des Begrabenen preisgeben. Gürteler sind darauf ebenso zu finden wie Schwarz- und Blaufärber. „Zunächst wurden nur Pilger auf dem Friedhof beigesetzt, später auf Beschluss von Philipp auch Leute aus der Stadt“, sagt Wilfried Geiger.

1867 wurde der Friedhof geschlosssen. „20 Jahre später gab es aber noch eine Ausnahme“, erzählt Geiger. Professor Ernst Ranke hatte rechtzeitig vor Schließung des Friedhofs beantragt, im Grab seiner Frau beigesetzt zu werden. Der  Grabstein steht noch heute.

Rund um das Michelchen und auch im Innenraum sind noch zirka 50 Grabsteine erhalten. „Sie stammen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert“, so der Gästeführer.
Im 17. Jahrhundert hatte die Kapelle noch eine erweiterte Funktion. Da die Elisabethkirche den Bewohnern des Deutschordens vorbehalten war, mussten die Bewohner der Ketzerbach und des Steinwegs zum Gottesdienst in die Pfarrkirche laufen.

Beliebte Kirche für Hochzeiten

Ursprünglich stand am Steinweg früher ein Stadttor mit einer Glocke. Dieses wurde allerdings im 30-jährigen Krieg zerstört. „Die Glocke der Pfarrkirche war nicht bis zum Steinweg zu hören, und so läutete die Glocke des Michelchens, um die Bewohner am Fuße der Oberstadt zur Predigt zu rufen.“

Die Glocke im Michelchen wird noch per Hand geläutet.  Das ist laut Wilfried Geiger mit ein Grund dafür, dass dort gern Hochzeiten gefeiert werden. Aber natürlich ist es auch die Atmosphäre der Kirche.
Erst seit 2009 kann die Kapelle wieder genutzt werden. Zuvor fanden umfangreiche Sanierungsarbeiten statt. Dabei kam auch eine Malerei zum Vorschein, die den Heiligen Christopherus mit dem Jesuskind zeigt.

Sonntags werden im Michelchen Familiengottesdienste gefeiert, außer in den Sommer- und Weihnachtsferien.

von Heike Horst

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