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Orgeln für Deutschland und die Welt

Instrumentenbau Orgeln für Deutschland und die Welt

Im Schwanhof im Südviertel befindet sich Gerald Woehls Orgelwerkstatt, in der er und seine Mitarbeiter Orgeln jeder Größe bearbeiten.

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Fleißig in der Orgelwerkstatt. Der Moischter Orgelbauer Jin Suck Song (42) lötet Zungenregister.

Quelle: Yannic Bakhtari

Marburg. Was haben die Leipziger Thomaskirche und die evangelische Friedenskirche im Schlosspark Sanssouci in Potsdam gemeinsam? Oder der Bischofsdom in Bratislava und die Münchener Herz-Jesu-Kirche? Dort stehen Marburger Orgeln, wie noch an vielen weiteren Orten in aller Welt. Dabei gibt es die „Woehlsche Schule“ im Vergleich zur Orgel noch gar nicht so lange - im Oktober besteht der Betrieb 50 Jahre.

Gerald Woehl steht mit seinem Kollegen am Planungstisch und bespricht die nächsten Schritte. Derzeit werden noch einige Pfeifen für eine Orgel angefertigt, die nach Incheon in Südkorea geliefert werden. Der Orgel-­Rohbau ist schon per Schiff unterwegs nach Fernost (die OP berichtete). „Wir haben immer etwa drei Projekte gleichzeitig am Laufen“, erklärt Woehl. Eine Orgel sei in Planung, eine werde gebaut oder restauriert und eine dritte aufgebaut und überprüft. Der Bau einer Orgel könne schon mal ein bis vier Jahre dauern.

„Die größte jemals von uns gebaute Orgel steht in Nordschweden. Da steckt vier Jahre Arbeit drin“, sagt Woehl. 10000 Orgel-Pfeifen und ein Rohbau fertigten sich nicht von ungefähr. Der Verkaufspreis von drei Millionen Euro sagt alles über den enormen Arbeitsaufwand.

Von der Zeichnung über den Raum zum Design

Am Anfang einer neuen Orgel stehen zunächst immer die Zeichnungen: Wie soll das Instrument aussehen, wie viele Pfeifen sollen im Prospekt - sprich im sichtbaren Teil der Orgel - stehen, passt es in den späteren Raum, wie sieht es technisch aus, lassen sich die Ideen auch konstruieren und bauen? Nachdem das Design feststeht und alles auf den späteren Standort des Instruments abgestimmt ist, nehmen sich die Orgelbauer die endgültigen technischen Zeichnungen vor. Dieser Prozess kann mehrere Monate dauern.

Am zeitaufwendigsten ist allerdings der eigentliche Bau des Instruments. Jeder der aktuell zehn Mitarbeiter des Betriebs kümmert sich um ein Spezialgebiet. Der Spieltisch, die Mechanik, die Spieltraktur, die Registertraktur, der Wind, das Gehäuse, die Pfeifen - all das muss angefertigt werden. „Wir bauen bis auf Zukäufe gängiger Register von unserem Pfeifenmeister alles selbst“, betont Woehl. Ein Register regelt übrigens einen Klang, denn Orgeln können durch besonders angefertigte Pfeifen auch Töne anderer Instrumente imitieren. Das bedeutet, wenn verschiedene Register genutzt werden, ertönen verschiedene Klänge.

Orgeln sind hochtechnisierte Instrumente

Orgeln sind laut Woehl auch hochtechnisierte Instrumente mit „großen Computern“. Denn nach Ende des Zweiten Weltkriegs ersetzten Magneten und Bus-Systeme die „komplizierte Abtastmechanik“ von Orgel-Register zu den Pfeifen. Ein Bus (Binary Unit System) ist ein System zur Datenübertragung zwischen mehreren Teilnehmern über einen gemeinsamen Übertragungsweg, bei dem die Teilnehmer nicht an der Datenübertragung zwischen anderen Teilnehmern beteiligt sind. Woehl-­Orgeln sind allerdings meist noch mit mechanischen Verbindungen ausgestattet.

Generell sind Orgeln für Woehl aber ein „großer technischer Aufwand und eine Herausforderung.“ Es fielen viele kleinteilige Arbeiten in Holz- und Metallbearbeitung an. Spaß mache ihm die Arbeit dennoch sehr.

Zum Orgelbau gekommen ist Gerald Woehl durch seinen Organisten- und Pianisten-Vater. „Ich bin quasi vorgezeichnet“, bekennt der passionierte Tüftler.

Schon früh mit dem Handwerk in Berührung gekommen

Geboren im österreichischen Villach, aufgewachsen in Wasserburg bei München ist Woehl schon früh mit den großen Tasteninstrumenten in Berührung gekommen und geht als einer der ersten Deutschen von 1961 bis 1966 kurzerhand bei dem Lothringer Walter Haerpfer in Frankreich in die Lehre. „Da bin ich endlich mal von zu Hause weggekommen, habe was anderes gesehen, es hat immer Spaß gemacht“, sagt er.

Ende der 1960er-Jahre und ein halbes Jahr nach seinem Meister in Ludwigsburg bei Stuttgart kommt er dann in seine neue Heimat Marburg, wo er erst in der Ziegelstraße eine Werkstatt aufbaut, die allerdings auf Dauer zu klein war. 1988 zieht er um in den Schwanhof an der Schwanallee. Seither kümmert er sich um „Pfeifen und das klangliche Konzept“.

Das Aushängeschild von Woehl-Orgeln sind „ein modernes und minimalistisches Prospekt mit vielen, sichtbaren Pfeifen“, berichtet der Orgelbauer. In Hessen gibt es seiner Aussage nach bis auf eine Orgelbauerei in Lich keinen größeren Betrieb als den in Marburg. Und das, obwohl die Zahl der Betriebe im Vergleich zur Anzahl der gebauten Orgeln relativ klein erscheint. „Aber es kommt nicht auf die Größe an, sondern darauf, wie gut man ist“, so Woehl scherzhaft.

von Yannic Bakhtari

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