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Opfer und Täter sprechen von Qualen

Totschlag-Prozess Opfer und Täter sprechen von Qualen

Im Totschlag-Prozess gegen einen 24-Jährigen, der gestanden hat, im Mai 2014 seine Schwiegermutter mit Messerstichen getötet und zwei Verwandte verletzt zu haben, äußern sowohl Täter als auch Opfer Gewaltvorwürfe gegen den jeweils anderen.

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Staatsanwalt Nicolai Wolf – mit seiner Referendarin – hat den 24-Jährigen wegen Totschlags angeklagt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Angeklagte stellt sich vor dem Marburger Landgericht als gedemütigter Geschädigter dar, die Ehefrau sich als Leidtragende unter lange anhaltender häuslicher Gewalt. Während der gelernte Metallbauer der Hausfrau vorwirft, in den Monaten vor der Tat „nur noch Computerspiele gezockt“ zu haben, so dass die beiden Kinder „verwahrlost sind“, schildert die 23-Jährige brutale Sexualpraktiken, die sie gegen ihren Willen ertragen musste.

Die gemeinsamen vier- und fünfjährigen Kinder habe er zudem schlecht behandelt, „sie haben sich oft vor ihm versteckt“. Videospiele gezockt habe sie nur einige Stunden am Wochenende, im Gegensatz zu ihm, der „manchmal nächtelang davor saß“. Der geständige Angeklagte

entgegnet, die Kinder seien sein „Lebenselixier“, um die Beziehung zu seiner trennungs­willigen Frau habe er wochenlang gekämpft, während sie ihn „gequält“ habe, indem sie von ihrem neu kennengelernten Internet-Freund und vom bevorstehenden Sex mit diesem schwärmte. Irgendwann sei er „mit den Nerven am Ende“ gewesen, ihn hätten Selbstmordgedanken geplagt und er habe viele Medikamente – darunter Antidepressiva – eingenommen. Gewalt anzuwenden sei ihm fremd, sagte er.

Täter hat angeblich "Erinnerungslücken"

An die Tat selbst könne er sich nicht erinnern, er habe „einen Blackout“ gehabt, sei „wie von Sinnen“ gewesen. Die Erinnerungslücken glaubt die Anklage dem Metallbauer nicht. „Mit diesen Schutzbehauptungen werden Sie Schiffbruch erleiden“, sagt Staatsanwalt Nicolai Wolf, der Totschlag angeklagt hat.

Das Landgericht unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul untersucht neben der Rekonstruktion des Tathergangs auch den Tatauslöser sowie die Lebensumstände des Angeklagten.
Eine Nachbarin (24) im Wohnhaus Moischter Straße erzählt beim Prozessauftakt am Donnerstag, sie habe etwa von häuslicher Gewalt nichts mitbekommen, dabei sei das Wohnhaus „sehr hellhörig“. Aber bis auf Kinderlachen habe sie in den drei Jahren vor der Tat aus dem Apartment nichts Auffallendes gehört.

Jedoch sprach auch ein Freund (25) des Messerstechers von dessen Gewaltbereitschaft – vor einigen Jahren schlug ihn der 24-Jährige ins Gesicht. Der bei dem Messerangriff im Mai 2014 verletzte Bruder der Ehefrau beschreibt zudem, wie sein Schwager den Stiefvater der 23-Jährigen und deren Opa schlug – in einem Fall allerdings, um die Schwiegermutter, die er im Mai 2014 tötete, vor den Schlägen ihres Freundes zu schützen.
In der Familie soll es viel Streit gegeben haben – diese Aussage des Angeklagten bestätigt der bei dem Angriff verletzte

Schwager (20). Das Verhältnis zwischen Täter und der Schwiegermutter sei „schlecht“ gewesen, berichtet er. Seine Schwester sagt hingegen: „Sie hat ihn wie einen Sohn behandelt, auch wenn es mal Probleme gab“. Ihre
Mutter sei am Tattag bei ihr gewesen, um „mir beizustehen, falls er kommt“, „sie ahnte, dass mal etwas Schlimmes passiert."

Hintergrund: Am 30. Mai 2014 tötete der 24-Jährige seine Schwiegermutter (51) und verletzte seine Ehefrau sowie deren Bruder mit mehreren Messerstichen.
Fortsetzung: Montagmorgen um 9 Uhr, Saal 101 im Landgericht.

von Björn Wisker

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