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Opfer erlebt die "Hölle auf Erden"

Vergewaltigung Opfer erlebt die "Hölle auf Erden"

Sie hat unglaubliche Qualen durchlitten und geht dennoch mutig ihren Weg weiter. Elke Bellmann wurde überfallen, missbraucht und vergewaltigt - nun kämpft die Marburgerin unermüdlich vor Gericht um ihr Recht.

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Streitet tapfer vor Gericht: Elke Bellmann wurde Opfer von schlimmen Tragödien. Ihr Lächeln hat die heute 53-Jährige dennoch nicht verloren und kämpft um eine Opferentschädigung.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Diese Geschichte geht unter die Haut. Im April 2012 berichtete die OP zum ersten Mal von Elke Bellmann. Als Kind wurde sie Opfer von sexuellen Übergriffen - durch die eigene Familie. Mit 25 Jahren wurde die heute 53-Jährige in einen Hinterhalt gelockt und vergewaltigt. Der Täter landete im Gefängnis. Der gebürtigen Hannoveranerin gelang es, dieses Martyrium hinter sich und wieder ein Stück weit Alltag in ihr Leben zu lassen. Soweit es eben ging. Vor neun Jahren veränderte dann ein erneuter Überfall am helllichten Tag mitten auf einer belebten Straße Hannovers ihr gesamtes Leben. Seither bestimmt Angst die Gedanken. Nachts beherrschen Albträume Elke Bellmanns Schlaf. An leben oder arbeiten ist nicht mehr zu denken. Ein klarer Fall für das Opfer-Entschädigungsgesetz (OEG) - will man zumindest meinen.

Aus einer Formalität vor Gericht erwächst ein jahrelanger Rechtsstreit um diese eine Frage: Welches schlimme Schicksal führte zur Arbeitsunfähigkeit, die Vergewaltigungen in der Kindheit oder die späteren Überfälle?

Gutachten um Gutachten forderten die Sozialrichter an. Immer wieder musste Elke Bellmann ihre Geschichte erzählen. Neu durchleben. Ständig tauchten die Bilder vor dem inneren Auge auf. Die Übergriffe. Die Schmerzen. Die Panikattacken. Das alles trieb die 53-Jährige an den Abgrund, Suizidgedanken malte sie sich in Gedanken aus. Weinkrämpfe, Schlaflosigkeit. „Elke Bellmann durchlebt die Hölle, gerät psychisch immer mehr in die Abwärtsspirale“, sagt Alexander Köhler-Prange.

Beim Marburger Psychotherapeuten ist die Frau in Behandlung. Der Traumatologe unterstützt Elke Bellmanns Weg zurück ins Leben und ihren Kampf gegen die Gerichte. Er hilft ihr, das Geschehene zu verarbeiten, gibt ihr Rückhalt. „Das sind Gefühle von Hilflosigkeit. Ein Gutachter muss über die Glaubwürdigkeit befinden. Das ist wie damals als Kind und löst Angst und Verzweiflung aus“, sagt Köhler-Prange.

Nach dem OP-Bericht im April 2012 gab es nach langer Zeit des Wartens endlich einen Verhandlungstermin. Richterin Britta Breuer befragte Elke Bellmann, musste die Verhandlung dann aber vertagen. Die drei Geschwister, die ebenfalls Opfer von familiären Übergriffen wurden, sollen geladen werden. Das war am 23. April. Zum Jahreswechsel am 30. Dezember erreichte die 53-Jährige erneut ein Schreiben vom Gericht. Darin heißt es: die Mutter soll befragt werden. Ein Schock für Elke Bellmann. Ihr sei zugesichert worden, so sagt sie, dass ihre Mutter nicht in die Verhandlung eingebunden werde. Einzig die Geschwister. Das habe ihr Britta Breuer seinerzeit versprochen.

Mittlerweile hat es einen weiteren Wechsel des Kammervorsitzes gegeben. Von Britte Breuer ging die dicke Akte in die Hände von Richterin Morgenschweis über. Wieder musste sich eine neue Richterin in den Fall einlesen. Wieder musste eine neue Richterin Seite für Seite des mehrere Tausend Seiten umfassenden Falls einarbeiten. Wieder gingen Wochen ins Land, ohne dass Elke Bellmann über den Sachstand informiert wurde. Auf OP-Nachfrage beim Marburger Sozialgericht erklärte Direktor Hans Heuser, durch einen Wechsel des Vorsitzes leide nicht die Bearbeitung. „Es sollen die Zeugen vernommen werden und das Verfahren läuft gerade.“ Dazu käme die große Auslastung des Gerichts. In 2011 habe es am Marburger Standort 2200 Fälle gegeben, auch 2012 sei die Anzahl der Klagen deutlich über 2000 gewesen - darunter viele Eilanträge, die Vorzug bekommen. „Das Verfahren nimmt seinen geregelten Gang“, sagt Heuser.

Für Elke Bellmann wirkt das Ganze hingegen wie Hohn, als ob jemand den Strom abgestellt habe. Alles, was sie möchte, ist es, endlich abschließen zu können. Mit einem Urteil. „Ihr ist es wichtig, dass das Unrecht erkannt wird. Das wäre der Start für eine innere Ruhe“, sagt Köhler-Prange. Besonders aufgewühlt habe sie der Fall des Kindermörders Gäfgen. Weil Polizisten bei der Vernehmung mit Gewalt gedroht haben, wurde dem Entführer des Bankierssohns Jakob von Metzler eine Opferentschädigung zugesprochen. Der Fall ging durch alle Gazetten. „Der Mann wird aus dem gleichen Topf finanziert“, sagt Elke Bellmann. Sie fühlt sich übergangen. Im Stich gelassen. Nicht für voll genommen. „Das Gesetz muss geändert werden“, sagt die Marburgerin. Straftätern müsste der Prozess spätestens nach sechs Monaten gemacht werden. „Für Opfer gibt es hingegen keine Maximaldauer. Das kann es doch nicht sein.“

Und so wirke das Ganze wie eine doppelte Bestrafung für Elke Bellmann, sagt Alexander Köhler-Prange. „Ein Kindesmörder wird entschädigt und sie muss um ihre Glaubwürdigkeit über so viele Jahre kämpfen. Eine wirklich mutige Frau.“

von Carsten Bergmann

Hintergrund: Opferentschädigungsgesetz (OEG)

Der Leitgedanke ist die Verantwortung des Staates, seine Bürger vor Gewalttaten und kriminellen Handlungen zu schützen. Versagt dieser Schutz, so haftet der Staat. Wenn die Opfer erwerbsunfähig, hilflos oder pflegebedürftig werden, so muss ihnen der Staat Schutz gewähren.

Ein Standpunkt von OP-Redakteur Carsten Bergmann.

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Opferentschädigungsgesetz (OEG)
Elke Bellmann vor zweieinhalb Jahren. Damals kämpfte sie noch um eine Entschädigung. Jetzt hat sie dem Prozess ein Ende gesetzt und die Klage zurückgezogen. Foto: Thorsten Richter

Ein Handtaschenraub riss Elke Bellmanns Narben von Vergewaltigung und Misshandlung wieder auf. Das Opferentschädigungsgesetz (OEG) war der Rettungsring, mit dem sie sich über Wasser hielt. Ein lebensgefährlicher Fehler.

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