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Opfer-Freundin schildert Krisen-Beziehung

Prozess gegen Messerstecherin Opfer-Freundin schildert Krisen-Beziehung

Am zweiten Verhandlungs-Tag gegen eine 27-jährige Jurastudentin, die gestanden hat, Ende März die 29-jährige Laura S. getötet zu haben, hat am Dienstag eine Ärztin das Ausmaß der Stichwunden erläutert. Der Obduktionsbericht ist ein Zeugnis der Brutalität.

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Die Tatwaffen: Mit zwei Küchenmessern hat die geständige Angeklagte am 26. März die 29-jährige Laura S. in der Straße „Am Kupfergraben“ getötet. Laut Gerichtsmedizin stach sie 36 Mal zu – vor allem auf Beine und Arme.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Daunen fliegen durch die Luft, Federn schweben auf den Boden des Schwurgerichtssaals, als Richter Dr. Carsten Paul die Jacke der Getöteten zeigt. Die Winterjacke, die die Fremdsprachenstudentin am Morgen des 26. März trug, ist übersäht mit Einstichen.

Gerichtsmedizinerin Dr. Gabriele Lasczkowski schaut das Kleidungsstück an, trägt dann ihren Obduktionsbericht vor. Ergebnis: 36 Stiche fügte die geständige Jurastudentin dem Opfer zu, davon die meisten in die Beine und Arme, aber auch in den Oberkörper. Leber, Nieren und Lunge wurden schwer verletzt.

„Die Verletzungen sind Zeugnis von massiver Gewalt und einem ausgedehnten Kampfgeschehen. Das Opfer kämpfte noch am Boden liegend um ihr Leben“, sagt Lasczkowski. Sie beschreibt Lage der Einstichstellen, Tiefe der Wunden - etwa eine 14 Zentimeter lange im Oberschenkel - die durch zwei unterschiedlich lange Küchenmesser verursacht worden sind. „Das Opfer hat großen Blutverlust erlitten, schon als die Rettungskräfte kamen, waren die Wunden irreparabel.“

Die Frage Pauls, wie lange die Messerstecherei angesichts der Vielzahl der Stiche gedauert habe, kann die Ärztin nicht ­beantworten. „Stakkato-artiges Zustechen, wie hier auf die Beine, ist in kürzester Zeit möglich“, sagt sie. Der genaue zeitliche Ablauf ist für das Gericht wichtig, um etwa die Frage einer möglichen Affekthandlung - ausgelöst durch den vorhergehenden Streit zwischen den Frauen - zu klären. Auch für die Unterscheidung zwischen Totschlag und Mord spielt das eine Rolle (siehe OP vom 25.11.2014).

Zeugin: Fremdgehen des Partners warf Laura aus der Bahn

Die beste Freundin der Getöteten, eine 26-jährige Lehrerin, schildert indes kritische Eindrücke der Beziehung zwischen Laura S. und ihrem Freund (25), der zuvor knapp ein Jahr mit der Angeklagten eine Beziehung führte. „Laura hatte oft Trennungsgedanken. Das war keine harmonische Traumbeziehung, es gab häufig Streit. Er ging ihr zwei Mal fremd, belog sie. Eifersucht der Ex? Laura hätte den Freund der Angeklagten freiwillig gegeben, das ist ja so absurd an dieser Sache“, sagt sie.

Denn: Die Angeklagte ging davon aus, dass Laura S. ihr den Freund ausgespannt habe. Diesen Eindruck legen Briefe und Internet-Nachrichten, die als Beweise dienen, nahe. „Das Fremdgehen ihres Partners hat Laura völlig aus der Bahn geworfen. Sie war ja nicht dumm, litt darunter. Wieso auch immer sie es ihm durchgehen ließ.“ Im Freundeskreis hätten sich daher viele gewundert, wieso die Studentin mit dem Mann zusammenzog.

„Sie hing an der Wohnung, wollte mit 29 Jahren endlich Ruhe und ihr Leben leben. Wir scherzten noch, dass sie den einen Sommer in der Dachwohnung genießen und dann den Schlussstrich ziehen soll“, sagt sie. Ausgespannt, so wie die angeklagte Jurastudentin es auffasste, habe Laura den Freund der Jurastudentin nicht. „Sie wollte im Gegensatz zu ihm nach einer Zeit keine lose Sache mehr, hat die Beziehung dann festgemacht.“

Laura fühlte sich vom Freund benutzt

Der 25-jährige Wirtschaftsstudent hatte beim Prozessauftakt ausgesagt, er habe mit der Getöteten eine ernsthafte Beziehung geführt, wohingegen er mit der Angeklagten „nur eine Sex-Beziehung“ gepflegt habe, ein Paar seien sie „nie gewesen“. Seiner Auffassung nach habe die Jurastudentin, die ihm monatelang Hunderte Internet-Nachrichten, SMS und Briefe schrieb, „nicht verstanden, dass Gefühle kommen und gehen“.

In einem Brief, den die Angeklagte am Morgen der Tat dabei hatte, beschreibt sie die Gefühle gegenüber dem Ex-Freund: „Ich pflegte ihn, als er krank war. Wir feierten, fuhren weg, teilten alles. Er war mein erster Mann, ich habe auf ihn gewartet. Er hat mich entjungfert - dann betrogen, belogen, ausgenutzt und weggeschmissen“, zitierte Richter Paul aus dem Schreiben.

Sie habe sich zeitweise täglich mit dem 25-Jährigen getroffen, er habe nach dem Kennenlernen auf einer Party einer Studentenverbindung immer wieder Sex mit ihr gewollt - und das bekommen. Sie sei aber mehr als „das Betthäschen“ gewesen. „Das habe ich nicht verdient. Ich bin besonders, anders als die Frauen in deinem Leben, mich kannst du nicht mit ihnen vergleichen.“ Sie fordert in dem zweiseitigen Schreiben eine Aussprache, will „einen Neustart, eine zweite Chance“.

Polizisten haben bei der Durchsuchung ihrer Oberstadt-Wohnung Kopien des Briefes sowie USB-Stick und CDs mit Bildern und Chats zwischen der Angeklagten und dem Ex-Freund gefunden. „Das war für uns drapiert“, sagt ein Ermittler (49). Auf einige Dinge sei mit einem Pfeil „Beweismittel“ hingewiesen worden. Die 29-Jährige sagte am Dienstag: „Ich war nicht in einem normalen Zustand, als ich das alles schrieb.“

von Björn Wisker

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