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Operieren mit Computerassistenz

Bürgervorlesung: Blick ins Hirn Operieren mit Computerassistenz

Eines der spannendsten Themen für den Menschen überhaupt ist er selbst - und sein Gehirn.

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Professor Christopher Nimsky nahm die Zuhörer mit auf eine Reise ins Gehirn.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Seine Leistungsfähigkeit erstaunt, die Funktionsfähigkeit überrascht, und Defekte sind manchmal so kurios, dass Schriftsteller und Mediziner wie der US-Amerikaner Oliver Sacks einen Bestseller nach dem anderen über unser Denkorgan schreiben können. Der vergangenes Jahr leider zu früh verstorbene Neurologe hatte die Gabe, seine Leser in Schriften wie „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ an die Hand zu nehmen und anekdotenhaft das Gehirn nahe zu bringen.

Auf eine ähnliche Reise nahm der Marburger Neurochirurg Christopher Nimsky die rund 120 Zuhörer der Bürgervorlesung mit. „Blick ins Hirn - Operative Verfahren des 21. Jahrhunderts“ lautete die Reisebeschreibung. Und Nimsky ließ die Zuhörer tief hineinschauen. In einem kurzen historischen Abriss zeigte der Chirurg erst einmal die Herausforderung. Vor rund 100 Jahren, als die Neurochirurgie als medizinische Disziplin startete, konnten die Mediziner noch gar nicht sehen, wo sie da genau in Kopf und Hirn herumstocherten. „Die haben nichts gesehen und operierten, ohne dass es Bilder gab“, sagt der 52-jährige Neurochirurg.

Heute hat sich das Bild komplett gewandelt. Es gibt Ultraschall, Computertomografien, Kernspinaufnahmen zuhauf. „Wir arbeiten heute mit Bildgebung vor, während und nach der Operation“, erklärt Nimsky. Seine praktischen Fachgebiete sind Krebserkrankungen im Gehirn und die Wirbelsäulenchirurgie. In der Forschung versucht der Mediziner, wie etwa in seiner jüngsten Buchveröffentlichung, die operativen Aspekte mit modernsten Bildgebungsverfahren voranzutreiben.

Sprachareale gilt es zu schonen

Bei seinen Operationen muss alles stimmen. Zunächst treibt der Chirurg etwas grob mit dem Bohrer einen Zugang durch die Schädeldecke ans Gehirn.

Dann muss er mikrochirurgisch äußerst exakt arbeiten. Neben dem Zielgebiet der OP befinden sich beispielsweise Nervenbahnen für die Bewegung oder eines der vielen verteilten Sprachareale. Die gilt es zu schonen. Der Chirurg schaut dann durch ein spezielles Mikroskop auf und in das Gehirn. Ein Computerprogramm blendet in dieses Sichtfeld die zu schonenden Areale ein. Das funktioniert wie bei einem Assistenzsystem für die automatische Navigation im Auto, sagt Nimsky. Nächste Woche will der Mediziner einen der modernsten neurochirurgischen Operationssäle am UKGM der Öffentlichkeit vorstellen.

Bei all der Technik im OP war es dann ganz wohltuend, dass Nimsky auch den Beitrag der vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen erwähnte. Normalerweise - und meist auch zu Recht - sieht sich der Chirurg als der eigentliche und wichtigste Arzt im Medizinbetrieb. Doch ohne sein Umfeld an Radiologen, Internisten, Narkoseärzten, Programmierern, Medizinphysikern, Assistenten und Pflegern kommt auch der beste Chirurg nicht weit. Ein Beispiel: Wenn der Neurochirurg einen Tumor im Kopf entfernt, arbeitet das ganze Gehirn, etwa indem es sich plastisch umformt.

Die Nervenbahnen bewegen sich, wenn der Chirurg jetzt den falschen Schnitt macht, ist der Patient gelähmt oder sein Sprachvermögen beschädigt. Mit modernen Computerprogammen - die Nimsky mit Programmieren und Medizinphysikern weiterentwickelt - lassen sich diese interaktiven Bewegungsmuster des Gehirns während der OP vorausbestimmen. Der Chirurg ist dann - hoffentlich - immer auf der sicheren Seite.

von Martin Schäfer

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